Liebe Leser,
Glück muss man haben. Saß doch neulich das Insekt des Jahres 2021 im Eingangsbereich der VKZ am Vaihinger Marktplatz herum. Dort gehört es eigentlich gar nicht hin.
Da sitzt das Insekt, in voller Pracht und Körperspannung. Es kann sich auf den ersten Blick nur um eine Eintagsfliege handeln. Drei Schwanzanhänge und die Flügelstellung – typisch für Ephemeroptera, wie die zoologische Gruppe wissenschaftlich heißt. Als das Internet mit den Stichworten „große Eintagsfliege“ konsultiert wird, kann ich mein Glück kaum fassen. Denn die Große oder auch Dänische Eintagsfliege, um die es sich hier handelt, ist das Insekt des Jahres 2021. Das Beste an der Sache ist, dass das Insekt diesen Titel nicht, wie sonst so oft, aus seiner Gefährdung heraus verliehen bekam.
Vielmehr wurde der Sechsbeiner mit dem wissenschaftlichen Namen Ephemera danica vom Kuratorium „Insekt des Jahres“ gekürt, weil jetzt erstmals ein Vertreter der Eintagsfliegen dran sein sollte. Ok, das war etwas flapsig formuliert, trifft es aber vielleicht ganz gut. Eintagsfliegen sind eine mörtelalte, aber immer noch vorhandene Tiergruppe mit durchaus erstaunlichen Fähigkeiten.
Da seien zunächst die Weibchen der Dänischen Eintagsfliege genannt, die sage und schreibe nach der Paarung insgesamt mehrere Tausend Eier ins Gewässer ablegen sollen. Wo hat dieses zarte Wesen bitte Platz für so viele Eier? Nun ja, da wird vermutlich peu à peu Nachschub gebildet. Viel Zeit hat eine Eintagsfliege dazu eigentlich nicht, soll sie doch nur einen Tag leben.
Dass dem nicht so ist, beweist die bis zu 2,2 Zentimeter große Dänische Eintagsfliege gleich zweimal. Denn die Entwicklung der Larve im Gewässer kann je nach Umweltbedingungen bis zu drei Jahre dauern. Darüber hinaus leben sogar die geflügelten und ausgewachsenen Tiere für Eintagsfliegenverhältnisse unglaubliche vier Tage lang. Das ist sicherlich ein Grund dafür, dass das Exemplar auf dem Foto sich überhaupt so weit vom Gewässer, in diesem Falle von der Enz, entfernen konnte.
Am Vaihinger Fließgewässer wurde diese Tierart schon im vergangenen Jahr von Eintagsfliegen-Spezialist Dr. Arnold Staniczek nachgewiesen, als er auf der Spur einer Eintagsfliegen-Verwandten angereist war. Der Kurator für aquatische Insekten am Naturkundemuseum Stuttgart war im August 2020 auf der Jagd nach dem Ufer-Aas nach Vaihingen gekommen, nachdem Abertausende Leiber dieser Eintagsfliegenart unterm Kaltenstein die Luft schwängerten und die Enz-Brücke bedeckten (wir haben berichtet).
Mit Flügelspannweiten von bis zu vier Zentimetern gehört die Dänische Eintagsfliege zu den großen und auffälligen mitteleuropäischen Arten. Ihre Flügel sind transparent und leicht gelblich, mit gut sichtbaren schwarzen Flecken in variierender Anzahl und Größe. Sie besiedelt ein breites Gewässerspektrum von der Ebene über das Hügel- und Alpenvorland bis ins Gebirge, lässt das Kuratorium zum gekürten Insekt weiter wissen. Sie sei sowohl in kleinsten Bächen als auch in größeren Flüssen zu finden und wurde auch in Kleingewässern der Flussniederungen sowie in der Brandungszone von Seen nachgewiesen.
Während der Sommermonate zwischen Mai und September kann man Weibchen der Dänischen Eintagsfliege dabei beobachten, wie sie in einem Zick-Zack-Kurs über Gewässer fliegen und dabei mit der Spitze ihres Hinterleibs immer wieder ins Wasser eintauchen und nach der Paarung portionsweise ihre unglaublich vielen Eier ablegen. Diese quellen am Gewässergrund auf und bleiben mit ihrer gallertartigen, klebrigen Außenhülle dort hängen. Nach einigen Tagen schlüpft eine zunächst durch die Haut atmende Primärlarve. Die weiteren Larvenstadien besitzen äußerlich sichtbare Kiemen und häuten sich während des Wachstums bis zu 30-mal.
Die Larve von Ephemera danica lebt eingegraben im feinkiesigen bis sandig-schlickigen Grund der Gewässersohle. Dort legt sie unvollständige bogenförmige Röhren an, in denen sie mit Hilfe von sieben Paaren seitlicher Kiemen rhythmische, synchronisierte Bewegungen ausführt. Aus dem so entstehenden Wasserstrom nimmt sie Sauerstoff zur Atmung auf und filtert aktiv ihre Nahrung heraus, die aus feinem organischem Material besteht. Aus dieser Lebensweise hätten sich verschiedene Anpassungen entwickelt, erklärt die Artbeschreibung weiter. So besitze die Larve einen zylindrischen Körper mit kräftigen Beinen, die als Grabschaufeln eingesetzt werden.
Ist sie zum Übergang ins Landleben bereit, wendet die Larve einen Trick an. Mithilfe einer Luftschicht zwischen ihrer alten und neuen Haut steigt sie zur Wasseroberfläche empor. Längs einer vorgebildeten Naht an Kopf und Brust platzt nun die Larvenhaut auf und es schlüpft innerhalb weniger Sekunden eine bereits flugfähige Eintagsfliege heraus, die sich allerdings noch deutlich vom geschlechtsreifen Insekt, der sogenannten Imago, unterscheidet.
Dieses „vorläufige Luftstadium“ wird als Subimago bezeichnet und fliegt sofort zu einem geschützten Ort am Ufer, wo sie zunächst für einige Zeit ruhig sitzenbleibt. Die finale Häutung wird durch zitternde Flügelbewegungen und Schwenken des Hinterleibs eingeleitet. Erst nach diesem zweiten Schlupf ist die Eintagsfliege fertig entwickelt und zur Fortpflanzung bereit – übrigens das einzige, auf das sie sich noch freuen kann, denn die Mundwerkzeuge sind verkümmert. Sie kann also weder beißen und auch nicht stechen und ist für uns somit völlig harmlos. Der Darm wird nun je nach Luftbefüllung zur Flugregulation genutzt. Das lässt einen an menschliche Flatulenzen und eventuelle Einsatzmöglichkeiten denken, was dann aber doch zu weit geht.
Die Dänische Eintagsfliege ist aktuell nicht gefährdet, aber auf ökologisch intakte Gewässer und strukturreiche Gehölzsäume angewiesen. Erdgeschichtlich reiche das Auftreten der Eintagsfliegen beziehungsweise ihrer Vorfahren bis in das Unterkarbon (vor 355 bis 333 Millionen Jahren) zurück. Das ist eine schier unfassbar lange Zeit. Land gab es vor gut 350 Millionen Jahren vor allem in Form der zwei großen Kontinente Laurussia im Norden und Gondwana im Süden. Beide drifteten aufeinander zu und wurden zum Superkontinent Pangäa, was einige Millionen Jährchen in Anspruch nahm.
In der Zone des Zusammentreffens faltete sich ein neues, das sogenannte variszische, Gebirge auf. „Die dadurch neu entstandene Landmasse wurde zur Basis für Mitteleuropa und damit auch für Deutschland – allerdings lag Deutschland damals noch am Äquator“, ist bei planet-wissen.de zu erfahren. Im Erdzeitalter des Karbons tummelten sich also die Urahnen der heutigen Eintagsfliegen ebenso wie Riesenlibellen, erste Reptilien und Nadelbäume. Im Oberkarbon (320 bis 295 Millionen Jahre) war Deutschland zu großen Teilen von Urwald und Sümpfen bedeckt. Aus abgestorbenen Bäumen wurden durch Sedimentmassen im Laufe weiterer Jahrmillionen Steinkohle.
Arnold Staniczek vom Naturkundemuseum berichtete im Science-Blog des Museums von einem umstrittenen 309 Millionen Jahre alten Fossil, das zunächst als Eintagsfliegen-Larve galt. Allerdings kamen er und seine Kollegen zu der Auffassung, dass es sich eher nicht um eine fossile Eintagsfliegenlarve, sondern möglicherweise um ein sogenanntes Missing Link handeln könnte. Es könnte sich um ein noch flügelloses Insekt gehandelt haben, das hoch oben im karbonischen Urwald herumkrabbelte und mithilfe ausgezogener Brust- und Hinterleibssegmente wie ein Gleitflieger herumglitt und mit seinen Schwanzanhängen steuerte. Demnach wären die Flügel der Insekten nicht im Wasser aus beweglichen Kiemen, sondern aus den erweiterten Brustsegmenten – grob gesagt Prinzip Gleithörnchen – entstanden.
Seit dem Jura vor etwa 201 bis 145 Millionen Jahren nahm der Anteil der Eintagsfliegen an der Gesamtzahl der Insektenarten stetig ab, sodass diese altertümliche Insektengruppe mit ihren rund 140 rezenten mitteleuropäischen Arten nun Reliktcharakter besitzt, lässt das Kuratorium weiter wissen. Aber: Sie sind nach rund 350 Millionen Jahren immer noch da. Falls also irgendjemand mal meint, eine tolle Idee Ihrerseits sei doch eine Eintagsfliege ... nehmen Sie es gelassen hin und lächeln milde.
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s.ruecker@vkz.de


