Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Rechts der platte Kopf und oben große Öhrchen, das ist die Ohrzikade. Foto: Kühnemann

    Rechts der platte Kopf und oben große Öhrchen, das ist die Ohrzikade. Foto: Kühnemann

Liebe Leser, heureka, ich hab’s entdeckt, das Tier mit den Ohren. Und auch der gelbe Bollen vor der Auricher Grundschule scheint identifiziert. Heute werden zwei Wesen vorgestellt, die ein wenig so wirken, als wären sie vom andern Stern. Erst mal hallo liebe Auricher Grundschüler. Hier meldet sich die Frau, die sich auf dem Brückle bei eurer Schule morgens immer so komisch verbiegt (Dehnübungen am Geländer) und die kurz vor Ferienbeginn lange auf einen Punkt neben der Brücke gestarrt hat (Neugier einer Biologin). Kurz und gut: Auch die Autorin wirkt hin und wieder so, als sei sie nicht von diesem Stern. Aber immerhin habe ich geahnt und wohl letztendlich herausgefunden, um was es sich bei dem gelblichen Bollen nahe der Auricher Grundschule handelte. Man muss dazu vielleicht noch erwähnen, dass an der Stelle, an sich der Klops zeigte, einstmals ein Baum gestanden hatte.Dort dümpelte meiner Diagnose nach ein Schleimpilz namens Gelbe Lohblüte vor sich hin. Mit dem Namen kann der alteingesessene Vaihinger gleich was anfangen, zumindest mit dem Wort Loh oder Lohe. Gemeint ist hier die Gerberlohe, bei der es sich um Baumrinde handelt, die zum Gerben der Lederhäute genutzt wurde. In der ehemaligen Gerberstadt Vaihingen ist auch der Begriff Lohkäs bekannt. So hießen die käselaibartigen Brennstofflaiber, die aus verbrauchter Gerberlohe in einer Form getrippelt und dann getrocknet wurden. Die Gelbe Lohblüte fühlt sich folglich auf Rindenmulch und früher eben auf der Gerberlohe besonders wohl. Bei dem etwa spiegeleigroßen Etwas auf dem Foto handelt es sich also aller Wahrscheinlichkeit nach um die Gelbe Lohblüte, die den wissenschaftlichen Namen Fuligo septica trägt und ansonsten auch noch Hexenbutter oder Drachendreck genannt wird. Dieser alte Schleimer hat es schon zu globaler und regionaler Berühmtheit gebracht, wie Autor W. Nowotny in seinem Beitrag für die Schriftenreihe „Stapfia“ beim österreichische Biologiezentrum schreibt. So wird berichtet, dass das giftig-gelbe Plasmodium in den 70er Jahren in Dallas/Texas zu wahrer Hysterie geführt habe. An dieser Stelle kommt nun kurz ein erklärender Einschub: Ein Plasmodium ist eine Besonderheit der Schleimpilze, welche an dieser Stelle im Jahr 2010 schon einmal unter der Überschrift „Pfiffige Schleimpilze“ die Hauptrolle spielten. Vertreter aus der Gruppe der Echten Schleimpilze, tun gerne das, was man von ihnen erwartet: Sie kreuchen als formlose Wesen durch Wald und Flur, hatte ich damals geschrieben. Die Forscher nennen dieses Stadium im Leben eines Schleimpilzes kurz Plasmodium. Es handelt sich dem Aussehen nach um eine Riesenamöbe, die völlig unterschiedlich aufgebaut sein kann: Aus einem Haufen selbstständiger Amöben, aus einer Fusion von Amöben, die zur Masse mit zahlreichen Zellkernen wird oder aus einer Einzelzelle, die durch Kernteilung wächst. Mit einer Geschwindigkeit von einem Zentimeter pro Stunde können diese Plasmodien über Berg und Tal robben. Derart unförmig schlunzt der Organismus also über den Untergrund und verleibt sich kleine Wesen wie Bakterien oder Algen ein, manchmal überfällt er anscheinend sogar richtig große Ständerpilze. So, nun wagen wir nochmal den Zeitsprung ins Jahr 1973, in dem unsere Gelbe Lohblüte in Dallas in den USA meinte, sie müsse sich derart vermehren, dass die Menschen sich schon einer Invasion Außerirdischer ausgesetzt sahen. Gelbe Plasmodien bevölkerten Gärten und „erklommen sogar Telefonmasten“, schreibt Nowotny. In Gomaringen im Landkreis Tübingen sorgte die Gelbe Lohblüte im Jahr 1994 für Furore, als sie beschloss, auf dem Rindenmulch, der die Wege in einem Kindergarten bedeckte, herumzukreuchen. „Ratlos und in Furcht, die Erscheinung sei gesundheitsschädlich, wurde die Auffüllung wieder abgetragen und auf der Sondermülldeponie gelagert (...)“, schreibt Nowotny hierzu. Allerdings gibt es auch Berichte. wonach Urvölker in Mexiko die reifenden Plasmodien der Gelben Lohblüte gebraten und gegessen haben sollen. Das Gericht erhielt die Bezeichnung „caca de luna“, zu deutsch Mondkacke. In seinem Dasein beschließt das Plasmodium irgendwann, dass es nun an der Zeit sei, sich zu verändern. Es bildet sich ein eher sprödes, mitunter bräunliches und staubiges Gebilde, das unzähligen Sporen entlässt. Aus diesen wiederum entstehen bei günstigen Bedingungen Amöben, welche sich vereinen, wobei auch die Zellkerne verschmelzen. Bei der Gelben Lohblüte entstehen aus diesen diploiden Gesellen wieder neue Plasmodien, indem sie sich durch zahlreiche Kernteilungen ohne Zellwände ausdehnen. Gartenbesitzer können den gelben Erscheinungen gegenüber wohl recht entspannt sein, da sie den Pflanzen keinen Schaden zufügen. Nun zu unserem zweiten Sonderling, einem Tierchen das mit seinem skurrilen Aussehen Günter Kühnemann auf den Plan rief. Er entdeckte das Geschöpf im heimischen Vaihingen und drückte drauf – also nicht auf das Tier, sondern auf einen Auslöser. Deshalb können wir uns jetzt über ein Foto freuen, auf dem die Echte Ohrzikade, auch Ohrenzikade oder Ohrzirpe genannt, in die Kameralinse schaut. Wissenschaftlich heißt das Insekt aus der Familie der Zwergzikaden Ledra aurita. Beim ersten Anschauen blickt man gar nicht so genau durch, was sich wo an dem Tier befindet. Ein Fotograf namens „Unscharf“ kommentiert sein Foto auf view.stern.de passend: „Eine interessante Mischung aus Donald Duck, Mickey Mouse und einem rostigen Kotflügel.“ Die Ohrzikade könne ästhetisch zwar nicht mit einem Schmetterling mithalten, sei aber sympathisch. Stimmt – und auch Schmetterlinge sind nicht zwangsweise ein Ausbund an Schönheit. Die Kühnemannsche Ohrzikade wird maximal bis knapp zwei Zentimeter groß und fällt vor allem wegen ihrer merkwürdigen „Öhrchen“ auf, die sowohl zum deutschen wie auch zum wissenschaftlichen Namen beigetragen haben. Möglicherweise helfen diese Auswüchse auf dem Halsschild dabei, auf dem Lebensraum nahezu unsichtbar zu werden. Die Ohrzikade hat sich als einzige heimische Zikade darauf spezialisiert, auf Baumrinde zu leben. Da tragen die Färbung und vielleicht auch die Auswüchse zur Tarnung bei. Ganz nach Zikadenmanier saugt sie mit ihren Mundwerkzeugen am Blatt und Zweig Pflanzensaft. Ob der von einer Eiche, Pappel, Linde oder etlichen anderen Baumarten kommt, scheint ihr ziemliche schnuppe. Sie sitzt dabei gerne in höheren Regionen der Gehölze, weshalb man sie selten zu Gesicht bekommt. Aber das adulte Tier liebt bei Nacht das Licht und kann deshalb auch unter künstlichen Lichtquellen gefunden werden. Ob es Massenbefall gibt und ob sich die Tiere dann schädlich auswirken, könnte nicht eruiert werden. Die Adulten werden nur wenige Wochen alt, langlebiger sind die Larven, die zwei Winter überdauern und sich dann zum erwachsenen Tier mausern. Seht Ihr, liebe Kinder, auch merkwürdig scheinende Menschen wie ich können spannende Dinge herausfinden. Zum Beispiel, dass unsere Gelbe Lohblüte einst für eine Invasion Außerirdischer gehalten wurde. Das ist natürlich Quatsch. Aber pssst, ich verrat euch was: Die Außerirdischen sind tatsächlich schon gelandet. Sie sind sogar mitten unter uns. Es sind die Ohrzikaden. Und mit den Ohren als Satellitenschüssel halten sie Verbindung zu ihrem Heimatplaneten. Ist doch logisch, gell? Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
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