Liebe Leser,
dass der Feigenkaktus so viel hergibt, wer hätte das gedacht? Die Opuntie ist ein Überlebenskünstler, ein ungeliebter Neophyt, geliebte Kaktuspflanze, vielleicht eine Retterin der Welt und wächst auch in unseren Weinbergen.
„Ein Traum“, schwärmte Maurus Senn beim Gespräch über das Wesen, das ihn so in Verzückung setzte. Wenn der Vaihinger Gärtnermeister von einer „genügsamen Schönheit“ an Weinbergmauern von Schloss Kaltenstein berichtet, dann handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um ein Geschöpf aus der Pflanzenwelt.
Es war eine Opuntie, die irgendwo an den Mauern rund um das Vaihinger Schloss sonnengelb vor sich hin blühte und von der der Vaihinger Gärtnermeister gleich Fotos mit einsandte. Das ist nun zwar schon rund drei Monate her, aber die Opuntie, auch Feigen- oder Scheibenkaktus genannt, wächst dort immer noch und tut das schon eine ganze Weile lang – ungeschützt und im Freien. Senn schätzt das Alter der Pflanze auf 20 bis 30 Jahre.
Tatsächlich kann der aufmerksame Betrachter im Verbreitungsgebiet der VKZ die Kakteen hier und da im Freien bewundern. Senn berichtet von weiteren Exemplaren an Weinberghäuschen in Horrheim und Gündelbach. Ein Kaktus im Freien, das wirkt zunächst mal merkwürdig, denn es handelt sich bei Vertretern der Familie der Kakteengewächse in der Vorstellung des Mitteleuropäers um Geschöpfe mit ganzjährigem Sonnenhunger.
Viele von uns werden den Feigenkaktus vom Urlaub zum Beispiel aus mediterranen Gefilden kennen – wo sie aber gar nicht originär zuhause sind. Denn ihre ursprüngliche Heimat umfasst weite Teile Nord- und Südamerikas einschließlich der Karibik. Mit knapp der Hälfte der Arten befindet sich der Schwerpunkt der Verbreitung in Mexiko. In den Mittelmeerländern wurde die sukkulente, also saftreiche, Pflanze dagegen eingebürgert. Stellenweise werden sie als unliebsame invasive Neophyten bekämpft.
Vertreter der Gattung der Opuntien, die mit knapp 200 Arten immerhin eine der artenreichste in der Familie der Kakteengewächse ist, heftete sich schon bald an die Fersen der immer mobiler werdenden Menschen. So soll die Opuntie kurz nach der Entdeckung Amerikas ihren Weg nach Europa gefunden haben. Schon die Azteken schätzten die Opuntien als Arznei- und Nutzpflanzen. „Die Eroberer brachten sie nach Europa. Heute sind Opuntien – allen voran die Indische Feige – in den wärmeren, trockenen Regionen aller Erdteile verwildert anzutreffen“, schreibt Reinhard Wylegalla in der „Deutschen Apotheker Zeitung“. In Australien beispielsweise seien unter der eigentlich gebietsfremden Pflanze ganze Landstriche begraben. Dort habe man versucht, die Ausbreitung der Pflanzen mithilfe natürlicher Feinde wie der Cochenille-Laus oder eines bestimmten Pilzes einzudämmen. „In Mitteleuropa werden Opuntien kaum jemals zur Plage werden“, schreibt der Autor. Das sehen die Schweizer wohl anders. Die Baudirektion des Kantons Zürich rät bei der Opuntia humifusa zum Verkaufs-Verzicht für diese invasive gebietsfremde Pflanze.
In ihrer ursprünglichen Heimat Mexiko sind Nopalitos, junge, noch dornenlose Triebe, auf verschiedene Art zubereitet, als Gemüse sehr beliebt. Auch als Obstlieferant und Viehfutter ist der Kaktus nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent, sondern auch beispielsweise in Spanien und in Italien präsent. Die Mexikaner nennen ihren Feigenkaktus Nopal, womit auch die blattartig verdickten Sprossteile, die Kladodien, gemeint sind. Nopal wird auch bei uns in verschiedener Form als Nahrungsergänzungsmittel bei Übergewicht und Diabetes empfohlen, schreibt die Verbraucherzentrale. „Langzeit- und Wechselwirkungen von Nopal-Produkten sind nicht abschließend geklärt“, fasst die Verbraucherzentrale hierzu zusammen.
Für die Landwirtschaft gibt es aber eine Empfehlung der Vereinten Nationen. Unter der Überschrift „From thorny to tasty“, also sinngemäß von dornig zu lecker, regt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, die Food and Agriculture Organization (FAO), an: Pflanzt mehr Feigenkakteen! Vor allem Varianten der Opuntia ficus-indica, der Indischen Feige, seien für diese Vorhaben geeignet. Der Klimawandel und die wachsende Gefahr von Dürreperioden seien starke Argumente, diesen bescheidenen Kaktus in vielen Zonen der Erde zu einem wichtigen Bestandteil der Ernte werden zu lassen, sagt Hans Dreyer, Direktor für Pflanzenproduktion bei der FAO. Zum Thema Nutzung der Opuntie hat die FAO ein Buch verfasst, das auf der Seite www.fao.org im Internet heruntergeladen werden kann. Der Feigenkaktus sei nicht nur essbar, sondern könne auch große Mengen Feuchtigkeit speichern – pro Hektar bis zu 180 Tonnen Wasser, was genüge, um das Leben von fünf ausgewachsenen Kühen zu erhalten, so die FAO. Nicht zu verachten sind auch die Erkenntnisse, zu denen das Gewächs unfreiwillig beigetragen hat. Der französiche Gärtner Joseph Monier ärgerte sich im 19. Jahrhundert über teure und schnell zerbrechende Pflanztöpfe. Ein verwittertes Opuntienblatt mit der vernetzten Sklerenchym-Struktur ließ ihn auf die Idee des Stahlbeton-Baus kommen, Patente dazu gab es ab 1867. Betonstahl hieß früher aus diesem Grund Moniereisen.
Was aber machen jahrzehntealte Opuntien an hiesigen Weinbergmauern? Einen ersten Hinweis gibt es im Buch „Kakteen“ von Erich Götz und Gerhard Gröner unter der Überschrift „Winterharte Kakteen“. Es handle sich dabei meist um Opuntienarten, die auch unter mitteleuropäischen Verhältnissen ganzjährig im Freien kultiviert werden können. „In alten Weinbergen in Südwestdeutschland konnte man verwilderte Opuntien beobachten, die dort ohne Pflege jahrelang gediehen“, ist zu lesen. Im „Repertorium für die Pharmacie“ von Dr. Bucher aus dem Jahr 1843 erfährt man auch, wieso die Opuntie mancherorts in den Weinberg gepflanzt wurde: „Um Weinberge oder Gärten wohlfeil zu umzäunen und für fremde Menschen und Thiere unzugänglich zu machen, pflanzt man die Cactus Opuntia.“ Und weil die Früchte Ähnlichkeit mit den Feigen besitzen, nannte man sie auch fränkische Feigen (der Verlag war in Nürnberg ansässig). Auf der Internetseite des Heimatvereins Roßwag findet sich in der Schrift „Der Weinberg als Lebensraum“ aus dem Jahr 1954 von Dr. Otto Linck ebenfalls die Opuntie unter der Überschrift „Die Weinbergmauern“: „Mitunter findet man an ihnen sogar Kakteen, winterharte Opuntien (in der Regel die gelb blühende Opuntia Rafinesquei), die freilich mehr als Irrgäste wirken, obwohl sie als Sukkulenten biologisch in den Raum passen.“ Die erwähnte Opuntia rafinesquei heißt auch Opuntia humifusa, zu deutsch Weinbergskaktus genannt. Heutzutage soll ein großer Opuntienstandort in Mitteleuropa im Kanton Wallis in der Schweiz wuchern.
Rund 200 Arten des Feigenkaktus sind bekannt, laut SWR Kakteensendung sind 15 davon bei uns im Freien überlebensfähig. Hierzulande sei der Weinbergkaktus Opuntia compressa auch Opuntia humifusa genannt, verwendbar. „Diese Art hat kaum bis keine Dornen. Der Weinbergkaktus wächst fast liegend. (...) Er hat gelbe Blüten und bildet im Herbst rote Früchte. Im Winter färbt sich der Kaktus rötlich“, heißt es in dem SWR-Beitrag zur Sendung „Grünzeug“. Der Weinbergkaktus verkrafte Temperaturen von bis zu minus 25 Grad Celsius. Könnte sein, dass der Senn’sche Feigenkaktus ein solcher Weinbergskaktus ist.
Wer sich mit dem Gedanken trägt, nach diesem heißen Sommer eine solche Opuntie in seinen ariden Garten zu pflanzen, kann sich bei Erfolg im Juni über die Blütenpracht freuen. Die Früchte können gegessen und die zarten „Triebe“ ja anscheinend gekocht und gebrutzelt werden. Vielleicht wird gar die eigene Cochenilleschildlaus-Zucht chic. Aber, Vorsicht vor den widerhakenbewehrten „heimtückischen, winzigen Glochiden“, die äußerst leicht in die Haut eindringen, so das Kakteen-Buch. „Man fasse Opuntien also nie mit der bloßen Hand an“, raten die Autoren. Möglich, dass das Häusle im Ländle zukünftig mit einer Opuntienhecke geschützt wird. Dann hat man in schlechten Zeiten gleich was zu beißen – und Brennmaterial, wenn man die Teile trocknen lässt. Öhm ... tschüss liebe Leser, ich werd’ Opuntien-Züchter ...
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