Liebe Leser,
heute wollen wir uns einem nicht ganz einfachen Thema widmen, dem Jakobs-Kreuzkraut. Bei Pferde-, Rinder- und sonstigen Weidetierbesitzern werden schon die Alarmglocken schrillen. Und auch die Imker dürften wissen, was jetzt folgt.
Das Jakobs-Kreuzkraut ist ein richtig hübsches, heimisches Blümchen, leider aber ziemlich giftig, und es wird auch gerne mal verwechselt. So führte eine solche Verwechslung neulich zum Ausrupfen von Johanniskraut in einem hiesigen Hausgarten, in der falschen Annahme, dass es sich um Jakobs-Kreuzkraut handelt. Dabei ist Letzteres ein Korbblütler und Ersteres nicht. Bei den Vertretern aus der Familie der Korbblütler wie dem Jakobs-Kreuzkraut stehen gerne winzig kleine Einzelblüten als Röhrenblüten in der Mitte des „Korbes“ zusammen, und bei vielen dieser Körbe bilden sogenannte Zungenblüten die zierende Umrandung. Als Beispiel seien hier die Sonnenblume und das Gänseblümchen genannt.
Schaut man sich nun die Blüte von Johanniskraut und Jakobs-Kreuzkraut, wissenschaftlich Senecio jacobaea, genauer an, kann man erkennen, dass die beiden zu ganz unterschiedlichen Pflanzenfamilien gehören. Die Johanniskraut-Blüte ist wirklich nur eine Einzelblüte und beim Zerreiben der Knospen tritt das tiefrote Hypericin aus („Blut des Heiligen Johannes“). Beim Jakobs-Kreuzkraut leuchten die kleinen Röhrenblüten ebenso wie die Zungenblüten außenrum goldgelb.
„Kreuzkräuter sind für den Menschen, aber auch für Nutztiere giftig, da sie Pyrrolizidin-Alkaloide (PA) enthalten“, heißt es in einer Beschreibung der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW). Es gibt drei einheimische und auf Nutzflächen problematische Arten, das Alpen-, das Wasser- und das Jakobs-Kreuzkraut. Das vermutlich aus Afrika eingebrachte Schmalblättrige Kreuzkraut sei verstärkt in der Ausbreitung begriffen. Am häufigsten ist bei uns das Jakobs-Kreuzkraut als gelber Begleiter der blauen Wegwarte am Straßenrand zu sehen.
Mehr als 660 Formen von Pyrrolizidin-Alkaloiden sind derzeit bekannt, und ihr Vorkommen wird in rund 6000 Pflanzenarten weltweit vermutet, schreibt das Bundesinstitut für Risikobewertung. Das hat durchaus seinen Sinn, denn die Blümchen schützen sich mit den häufig bitteren Stoffen vor Fraßfeinden. Das wirkt im Fall von Jakobs-Kreuzkraut zunächst auch bei den Weidetieren, denn diese Pflanzen schmecken im frischen Zustand bitter und werden gemieden. Ist aber das Kraut erst mal Bestandteil vom Heu, wird es zur Gefahr, denn die Bitterstoffe verschwinden, das Gift bleibt.
Durch die giftigen PAs entstünden Probleme bei der Lebensmittelherstellung und Futtererzeugung, erläutert auch die LUBW. „Während Nutztiere die Pflanzen im frischen Zustand auf der Weide meiden, werden sie im Heu nicht mehr erkannt. Es kann beim Verzehr zu Vergiftungen bis hin zum Tod kommen“, so die LUBW. Beim Menschen bestehe die Gefahr der Aufnahme der Gifte hauptsächlich durch den Verzehr von Tees und Honig. Wobei derzeit Forschungen laufen, die untersuchen, ob ein Enzym der Honigbiene zum Abbau dieser PAs im Honig führt, wie die „Kieler Nachrichten“ unlängst vermeldeten.
Das zweijährige oder auch ausdauernde Jakobs-Kreuzkraut kann bis zu 1,30 Meter hoch werden und hat seine Blütezeit von Juni bis September. „Diverse Kreuzkräuter sind in Deutschland heimisch, stellen wichtige Futterpflanzen für Schmetterlinge und andere Insekten dar und kommen häufig auf artenreichen Flächen vor, die für den Naturschutz von Interesse sind“, gibt die LUBW zu bedenken.
Der Deutsche Verband für Landschaftspflege (DVL) verfolgt mit der Koordinierung des vom Bundesamt für Naturschutz geförderten Projekts „Umgang mit Kreuzkräutern auf relevanten Flächen des Naturschutzes“ das Ziel eines sachlichen Umgangs mit Kreuzkräutern. Unter Berücksichtigung der Interessen des Naturschutzes und der Landwirtschaft ist, gestützt auf Expertenwissen, ein Leitfaden zum Umgang mit Kreuzkräutern auf relevanten Flächen des Naturschutzes erarbeitet worden. In diesem 104 Seiten umfassenden Werk „werden auch Wege aufgezeigt, wie sich Naturschutzziele und die berechtigten Besorgnisse der Tierhalter bezüglich der heimischen Kreuzkraut-Arten besser vereinbaren lassen“, so Dr. Peter Finck vom Bundesamt für Naturschutz in seinem Vorwort. Auf den Internetseiten der LUBW ist der Tagungsband von 2017 unter www.lubw.baden-wuerttemberg.de unter dem Titel „Kreuzkräuter und Naturschutz“ zu finden.
Züricher Forscher werden in dem Tagungsband zitiert, die darlegen, dass das Jakobs-Kreuzkraut aufgrund diverser Eigenschaften eine Ruderalpflanze sei, „eine Art also, die offene, wiederholt gestörte Habitate besiedelt“. Unter anderem legt das Blümchen sogenannte Samenbanken im Boden an, aus denen jahrelang immer wieder neue Pflanzen hervorgehen können.
Prof. Dr. Dr. Alfonso Lampen von der Abteilung Lebensmittelsicherheit vom Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt zur Gefährdung durch Pyrrolizidin-Alkaloide, dass deren Lebertoxizität nachgewiesen sei. Auch heute noch seien Fälle außerhalb Europas bekannt, in denen es bei Menschen zu Vergiftungen kam, die mit Kreuzkraut oder anderen derartigen Pflanzen verunreinigtes Getreide zu sich nahmen. Bei den Nutztieren sei die Lebertoxizität beispielsweise unter dem Namen Schweinsberger Krankheit in Deutschland schon lange bekannt. Pferde und Kühe sind besonders betroffen, aber auch Schafe, Ziegen und Schweine. Am Anfang stünden dabei nur unspezifische Symptome, später häufig akutes Leberversagen. Es gibt sowohl chronische Verläufe, da die Giftstoffe in der Leber akkumuliert werden, aber auch akute, die innerhalb kurzer Zeit zum Tod führen.
Experten vom Institute of Ecology aus den Niederlanden werden im Tagungsband zitiert: „In den Niederlanden haben die Kreuzkraut-Bestände in den letzten drei Jahrzehnten rasant zugenommen.“ Heu, das Kreuzkräuter enthält, könne nicht als Futter genutzt werden, es muss vernichtet werden – ein kostspieliger Vorgang, so die Forscher. Das Jakobs-Kreuzkraut sei „eine einheimische Pflanzenart, die in unsere Naturflächen gehört, aber außer Kontrolle geraten ist und daher reguliert werden sollte“, so die Experten.
Die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein schildert ihre Strategien und verweist auch auf die Einrichtung eines Kompetenzzentrums Jakobs-Kreuzkraut (JKK) mit Imker-Telefon, Informationen gibt es dort unter www.stiftungsland.de. Eine Erfahrung der aktiven Naturschützer: Der Entwicklung größerer JKK-Vorkommen lasse sich am besten präventiv begegnen: Auf bislang nicht vom JKK besiedelten Flächen wird die Entwicklung problematischer Bestände am effizientesten dadurch verhindert, dass vereinzelt auftretende Pflanzen konsequent beseitigt werden. Ein solches Vorgehen nach dem Motto „Wehret den Anfängen“ sei auch auf Naturschutzflächen die beste Strategie in Situationen, in denen eine Ansiedlung des Jakobs-Kreuzkrautes unerwünscht ist. Die ausgerissene Pflanze muss entfernt werden, da es zur Notreife und somit Samenbildung kommen könne. Zum Kreuzkraut-Management gibt es im Tagungsband unter der Überschrift „Göttinger Erklärung“ ein Resümee, das für alle Betroffenen Tierhalter und Naturschützer interessant sein dürfte.
Trost für alle, die unerwünschte, dichte JKK-Bestände haben: Die Pflanze verändert den Boden zu ihrem Nachteil, wodurch die Dichte nach etwa 15 Jahren wieder abnimmt. Die Schweinsberger Krankheit ist übrigens auch unter dem Namen Leberkoller bekannt. In Anbetracht des heutigen Vaihinger Straßenfestes sei auf die Wirkung von Alkohol auf das menschliche Wesen hingewiesen. In diesem Sinne Prost, aber vor dem Leberkoller lieber mal auf Sprudel umsteigen.
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s.ruecker@vkz.de


