Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Rätselhaftes vom Kniepsand auf Amrum – es ist das Eigelege einer Meeresschnecke.  Foto: sr

    Rätselhaftes vom Kniepsand auf Amrum – es ist das Eigelege einer Meeresschnecke. Foto: sr

Liebe Leser,
eine Seefahrt die ist lustig, eine Zugfahrt manchmal auch. Immer aber ist die Reise mit der Bahn aufregend. Heute lüften wir Geheimnisse, die kürzlich bei einer Reise nach Amrum unseren Weg kreuzten. Es geht um Psychologie, Juckpulver und eine große Schnecke.

Gut 13 Stunden dauert die Reise vom Vaihinger Bahnhof bis zur Nordseeinsel Amrum bei unserem Urlaubsantritt im September. Wir staunen schon auf der Hinreise mit Zug und Fähre recht viel, dazu später mehr. Das setzt sich nach der Anlandung auf der Insel, die sich nahe Sylt und Föhr in die Nordsee schmiegt, ungebremst fort. Die Weite der Landschaft mit Kniepsand und Meer ist für die Auricher Landratte, die sich daheim mit ihrem Blick von Hügel zu Hügel hangelt, erst mal schwer fassbar.

Sand so weich wie Mehl lässt einen hier die Schuhe wegschleudern. Leider ragen hier und da unverrottbare Fischerschnüre aus dem feinen Belag und auch größerer Plastikmüll stört mitunter das Empfinden. Wir machen als Strandläufer aus der Not eine Tugend und sammeln ein, was uns unter die Finger kommt, um es dann in die rar gesäten Mülleimer am Kniepsand zu stopfen. Ebenfalls aufgehoben und später im Rucksack und per Zug mit nach Hause genommen werden Strukturen, die rätselhaft erscheinen. Bei dem Ding, das gülden vom weißen Sandstrand schimmert, handelt es sich um Eikapseln einer Meeresschnecke.

Es könnte sich um das Eigelege der Neptunschnecke, wissenschaftlich Neptunea antiqua, handeln. Wie es der Zufall will ist diese Vertreterin aus der Familie der Wellhornschnecken in diesem Jahr zum Weichtier des Jahres erkoren worden. Sie ist die größte heimische Meeresschnecke. Die Neptunschnecke kann bis zu 20 Zentimeter groß werden, wie dem Steckbrief des Kuratoriums „Weichtier des Jahres“ zu entnehmen ist.

Diese Neptunshorn oder auch Spindelschnecke genannte Tierart sei gewählt worden, um auf die Bestandsgefährdung vieler Meeresarten aufmerksam zu machen und passe auch zum Themenjahr 2018 „Muscheln und Schnecken“ im Nationalpark Wattenmeer. Neptunschnecken sind typische Arten des kalten und tiefen Wassers. Die heimische Neptunea antiqua lebt zwischen 15 und 1200 Metern Tiefe im europäischen Nordatlantik und seinen Nebenmeeren und kreucht somit auch in der Nord- und Ostsee umher. Allerdings nicht mehr allzu häufig. „In Deutschland ist die Neptunschnecke im Bestand hoch gefährdet“, mahnt das Kuratorium.

Neben den Schäden durch Schleppnetzfischerei am Meeresboden und den Sauerstoffproblemen in der Tiefe durch Überdüngung sei eine der wichtigsten Gefährdungsursachen die schleichende Vergiftung durch sogenannte „Antifouling“-Wirkstoffe, mit denen Schiffsrümpfe von außen eingestrichen werden, um Bewuchs durch Meeresorganismen zu verhindern. Insbesondere der Wirkstoff Tributylzinn (TBT) ist in dieser Hinsicht ein sehr gefährliches Umweltgift. Der Einsatz ist zwar in der EU seit dem Jahr 2000 verboten, der Wirkstoff ist aber noch überall in der Nord- und Ostsee im Bodensediment und in den Organismen vorhanden. TBT führt mit seinen Auswirkungen auf die Geschlechtsentwicklung bei den Schnecken zur Unfruchtbarkeit. Eigentlich ist die Neptunschnecke getrenntgeschlechtlich und somit kein Zwitter wie beispielsweise unsere Weinbergschnecke.

Nach der Paarung legt das Weibchen im Frühling einen turmförmigen Strang aus mehreren gelblich-weißen bis ledrig-bräunlichen Eikapseln. Jede der Kapseln ist etwa 1,5 mal zwei Zentimeter groß. In der südwestlichen Ostsee sind es meist nur wenige Eikapseln, in der Nordsee umfasst ein Eiballen bis zu 100 Kapseln. Jede dieser Kapseln enthält dabei ungefähr 5000 Eier, die etwa 0,3 Millimeter groß sind.

Es entwickeln sich pro Kapsel nur ein bis zwei Jungtiere, ist weiter in der Beschreibung der Tierart zu erfahren. Die anderen Eier werden von den wachsenden Jungschnecken im Laufe ihrer Entwicklung als Nähreier gefressen. Erst nach einem halben Jahr schlüpfen die kleinen Schnecken aus ihrer Eikapsel, ihr Gehäuse ist dann schon bis zu zwölf Millimeter groß. In Deutschland werden weibliche Neptunschnecken erst mit etwa zehn Jahren geschlechtsreif. Das maximale Lebensalter der Tierart sei noch nicht bekannt, für nordpazifische Neptunea-Arten werden mehr als 20 Jahre berichtet. Die Schnecken durchpflügen bei der Nahrungssuche den Meeresboden und entdecken mit ihren Sinneszellen, wo es Aas, Muscheln oder Ringelwürmer zu holen gibt. In Deutschland werden Neptunschnecken von Menschen nicht genutzt, in Großbritannien galt die Mitteldarmdrüse der Tiere als Delikatesse. „Wenn ihr Lebensraum nicht weiter zerstört wird und die Giftstoffe im Meer sie nicht an der Fortpflanzung hindern, gibt es begründete Hoffnung, dass die Neptunschnecke in unseren Meeren überlebt“, stellen die Weichtier-Spezialisten in Aussicht.

Vielleicht starten Sie, liebe Leser, ja im Herbst noch an die See und finden solche besonderen Gebilde. Anscheinend sollen sich diese Kapseln in fein zermahlenem Zustand als Juckpulver eignen – so wird zumindest zur Gemeinen Wellhornschnecke berichtet. „Die schalkhaften Buben Altenglands aber gewinnen aus diesen Leichklumpen das von ihnen so hoch geschätzte Juckpulver, das den Zweck hat, Lehrern in die Kleider oder in die Betten gestreut zu werden“, schrieb hierzu der Naturforscher Kurt Floericke 1920.

Falls Sie verreisen, fahren Sie doch mit dem Zug. Sie werden dabei staunen und das ist gut so. Warum? Ein Erklärungsversuch am Reisetrupp Rücker, Abfahrt an einem Samstag im September, 5.19 Uhr, am Bahnhof Vaihingen. Wir stehen mit Rucksäcken bereit, der Zug ist pünktlich, der Einstieg klappt. Die erste Hürde ist, die reservierten Plätze zu finden. Irgendwo lassen wir uns nieder, als eine leise Ansage verkündet, dass statt des geplanten neuen ICE 4 ein älterer Triebwagen im Dienst ist.

„Aus diesem Grund sind numerisch leider nicht alle Plätze vorhanden“, verkündet die Stimme aus dem Lautsprecher. Ein wohlformulierter Satz, den man nicht auf Anhieb versteht. Fakt ist: Es gibt weniger Plätze als geplant und obendrein entbehrt die Abfolge der Zahlen jeglicher Logik. Wir staunen und sind glücklich, denn wir sitzen.

Die Durchsage erfolgt gefühlt einmal und undeutlich, was wiederum zur Folge hat, dass die später zugestiegenen Passagiere diese Information nicht haben. Sie können von unserem Abteil aus beim Vorbeiziehen gesichtet werden, als sie ihre „numerisch nicht vorhandenen Plätze“ suchen. Dasselbe Phänomen bei der Heimreise, als der Zug erst später seine eigentliche Größe mit allen Waggons erreicht, die Fahrgäste dies jedoch nicht wissen. Auch hier irren Menschen mit staunenden Gesichtszügen durch die Gänge und suchen ihren Platz. Es kommen bei unserer Bahnreise noch weitere widrige Umstände hinzu, doch das Fazit lautet: Man kommt am Ziel an. Meistens verspätet und manchmal mit dem Taxi, aber immerhin. Und es gibt bei einer Zugreise eben jede Menge zu staunen.

Deshalb ist Bahnfahren eine sozial verbindende Angelegenheit. 2015 hatten Psychologen aus den USA herausgefunden, dass staunende Menschen sich selbst nicht so wichtig nehmen. Wer sich immer wieder irritieren lässt, sei sozialer und hilfsbereiter, wie die „Süddeusche Zeitung“ aus dem Fachblatt „Journal of Personality an Social Psychology“ zitiert.

Wenn das Verständnis von der Welt für einen Moment erschüttert wird, dann rücke das Selbst in den Hintergrund. Man nimmt an etwas teil, das größer ist, als man selbst. Das öffnet den Blick für die Nöte der anderen und schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Dabei sprechen die Forscher im Originaltext allerdings von „awe“, also eher Ehrfurcht, die unsere Selbstbezogenheit unterbricht. Sie führen als Beispiel den Blick in die Unendlichkeit des Sternenhimmels, über die Weite des Ozeans oder auf eine Anzeigentafel der Deutschen Bahn an ... ok, das hab jetzt ich dazuerfunden. Aber ehrlich, es gibt auch sehr nette Zugbegleiter, lustige Durchsagen und pünktliche Züge. Es hat geklappt! Einmal Amrum hin und zurück mit der Bahn und man ist milde gestimmt und tiefenentspannt.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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