Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Die Auricherin konnte sich viele Jahre lang über Amseln im Garten freuen.  Foto: Lange

    Die Auricherin konnte sich viele Jahre lang über Amseln im Garten freuen. Foto: Lange

Liebe Leser,
mit Amseln im Garten ist es ein wenig wie mit dem Schiedsrichter beim Fußball. Beide pfeifen gerne vor sich hin, und es wird erst richtig blöd, wenn sie plötzlich weg sind – oder so ähnlich.

Ehrlich gesagt kenne ich mich mit Fußball nicht sonderlich aus, aber da war doch neulich was im Fernsehen ... egal, erst mal zu den Vögelchen. Schon immer seien in ihrem Garten mehrere Amseln rumgehüpft, erzählt mir Nachbarin Angelika Lange vor einigen Tagen bei der morgendlichen Runde um Aurich rum. Seit diesem Jahr habe sie zum ersten Mal auch im Sommer die Vögel draußen gefüttert, weshalb die Piepmätze gut zu beobachten waren. Immer wieder gab es in dem Auricher Garten bei Turdus merula, so der wissenschaftliche Name der Amsel, Nachwuchs, über den sich die Langes freuen konnten.

Als sie dann irgendwann sich merkwürdig verhaltende und schließlich tote Amseln registriert, fällt ihr auch die Totenstille auf, die den Amselgesang verdrängt hat. Erst seien die Amseln mit nackigem Hals rumgelaufen, dann apathisch rumgesessen und letztendlich habe sie immer wieder tote Amseln entdeckt. Geschätzt sei das im Juli/August gewesen, sagt die Auricherin.

Sie erinnert sich an einen Amselpapa, der in ihrem Garten seine Jungen gefüttert hat und diese ihm auch emsig nachgehüpft seien. Irgendwann habe sich der Altvogel hingekauert. „Ein Junges ist bis zum Schluss immer beim Vater geblieben“, erzählt Lange. Das sei ein sehr trauriger Anblick gewesen. Zwei Tage lang war der Vogelvater von der Bildfläche verschwunden und tauchte schließlich tot hinterm Blumentopf auf. „Dann ging’s Schlag auf Schlag“, sagt Lange. Auch beim Gassigehen mit den Hunden sah sie immer wieder tote Amseln. Durch einen Artikel wurde sie auf das „Amselsterben“ durch das Usutu-Virus aufmerksam. Eine Kollegin aus Bissingen habe ebenfalls von ungewöhnlich vielen toten Amseln berichtet. „Ich hoffe, dass sich’s wieder aufbaut“, sagt sie zum nicht mehr vorhandenen Bestand in ihrem Garten. Die Sommerfütterung habe sie nach einer Nachfrage beim Verterinäramt nicht eingestellt. Denn sonst würden die verbliebenen Tiere geschwächt. Sie habe aber alles gründlich gereinigt. Inzwischen sei es „schon eine Sensation, wenn wir eine Amsel im Garten sehen“, sagt Angelika Lange.

Unser Vogelexperte aus Leidenschaft, Joachim Sommer aus Roßwag, bestätigt vergangene Woche: Ja, es gibt erhebliche Ausfälle, speziell bei der Amsel. „Ich habe auch schon gehört, dass Leute mehrere tote Amseln auf ihrem Gelände gefunden haben“, sagt Sommer. Das sei zwar nicht in Roßwag gewesen, aber in der Umgebung. Es deute schon darauf hin, dass das Usutu-Virus die Tiere dahinraffe. Er selbst kann sich noch über die Amseln im Garten freuen und darüber hinaus über eine absolute Besonderheit: Seit einer Woche singen die Amseln wieder. „In der Nachbarschaft singt ein Männchen in der Morgen- und Abenddämmerung in voller Lautstärke, wie im Frühjahr“, sagt Sommer. Andere Vogelarten singen zwar auch gerne spät im Jahr, so sei beispielsweise das Rotkehlchen sehr sangesfreudig, das sei bekannt. Auch eine Herbstbalz wie beim Mäusebussard sei nichts Außergewöhnliches. Und sogar Winterbrüter gibt es unter der Vogelschar, weiß Sommer. So füttert der Fichtenkreuzschnabel seine Jungen im Winter mit Fichtensamen, die er in seinem Kropf aufgeweicht hat, und die Schleiereule kann im guten Mäusejahr ohne Schnee auch in der kalten Jahreszeit Jungen großziehen. Aber eine singende Amsel im November hat Sommer noch nicht erlebt. Als Ursache des Amselsterbens gilt eine Infektion des Vogels mit dem Usutu-Virus. Dieses Virus trat in Europa wahrscheinlich erstmals 1996 in Erscheinung. Nachweise erfolgten laut Friedrich-Löffler-Institut (FLI) zudem in Österreich 2001, Ungarn 2005, Schweiz 2006, Spanien 2006 und Italien 2009. In Deutschland wurde es erstmals bei Mücken im Jahr 2010 gefunden. Im darauffolgenden Jahr löste es ein massives Vogelsterben im Bereich der nördlichen Oberrheinebene und in den benachbarten Gebieten der Pfalz und des Neckartales aus. Seitdem kam es wiederholt zu lokal beziehungsweise regional begrenzten Vogelsterben, betroffen waren vorrangig Amseln, aber auch Zoovögel und hier insbesondere Eulenvögel in Volierenhaltung. Zunächst wohl vornehmlich in Südwestdeutschland festgestellt, erfolgte im vergangenen Jahr eine starke Ausbreitung nordwärts.

In Deutschland war in diesem Jahr in einigen Regionen wieder ein vermehrtes Amselsterben zu verzeichnen, das durch Infektionen mit Usutu-Virus verursacht wurde, so das FLI. Von der diesjährigen Epidemie sind derzeit hauptsächlich Hamburg und die Region zwischen der Hansestadt und Bremen sowie Nürnberg massiv betroffen. Ein Ende der Epidemie bei Vögeln ist derzeit noch nicht in Sicht, schrieb das FLI im September.

Besonders wenn mehrere tote Wildvögel an einer Stelle gefunden werden, sollten die örtlichen Veterinärbehörden oder der Nabu informiert werden. Im Vorfeld zeigen sich bei infizierten Vögeln häufig Apathien und Störungen des zentralen Nervensystems wie Taumeln oder Kopfverdrehen.

Übertragungen des Usutu-Virus auf den Menschen traten bisher in sogenannten endemischen Gebieten, also Gebieten, in den das Virus dauerhaft vorkommt, in wenigen Fällen auf, insbesondere bei Personen mit geschwächtem Immunsystem. In Deutschland sind bisher keine derartigen Erkrankungen beim Menschen bekannt. Neuere Studien wiesen das Virus allerdings bei gesunden Blutspendern in Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien nach.

In Baden-Württemberg zirkuliert das Virus seit 2010, seitdem tritt es jedes Jahr in unterschiedlicher Intensität auf, schreibt der Nabu Baden-Württemberg. „Jetzt gilt es, die Entwicklung genau zu beobachten und alle Fälle zu dokumentieren. Dazu brauchen wir die Hilfe unserer Mitbürger“, sagt Stefan Bosch, beim Nabu Fachbeauftragter für Ornithologie und Vogelschutz. Unter www.nabu.de/usutu-melden können Beobachtungen toter Vögel von Mai bis November gemeldet werden. Nun sind wir mit unserer Geschichte ein wenig spät dran, aber 2019 ist man dann vielleicht gewappnet. Auf dieser Internetseite des Nabu gibt es auch eine Anleitung zum Verschicken toter Tiere.

Die Viren werden ausschließlich von infizierten Stechmücken übertragen, kranke und tote Vögel sind nicht ansteckend für andere Vögel, Haustiere oder Menschen, so der Nabu weiter. Der warme Sommer in diesem Jahr dürfte die Ausbreitung des ursprünglich tropischen Virus begünstigt haben. Leider könne man Usutu-Infektionen weder verhindern noch behandeln, meint der Nabu-Fachmann. „Um die tatsächliche Ausbreitung des Virus dokumentieren zu können, ist es wichtig, möglichst viele Verdachtsfälle im Labor bestätigen zu können“, so Stefan Bosch.

Nabu und Tropenmediziner bitten die Bevölkerung daher, kranke oder verendete Tiere zu melden und möglichst zur Untersuchung einzusenden, um die Auswirkungen einer für Deutschland neuen Vogelkrankheit auf wildlebende Vogelarten zu dokumentieren und deren Folgen abzuschätzen. Im Regierungsbezirk Stuttgart wurden 2018 bislang (Stand vergangene Woche) 15 Wildvögel (13 Amseln und zwei Haussperlinge) sowie zwei Zoovögel positiv auf das Usutu-Virus getestet, meldet das Regierungspräsisium Stuttgart auf Nachfrage. Für das Landratsamt Ludwigsburg berichtet Pressesprecher Dr. Andreas Fritz: „Wir hatten in diesem Jahr einen nachgewiesenen Fall von Usutu-Virus in Sersheim bei einem Haussperling.“ Am besten sei es, wenn der Finder beim Veterinäramt anruft, dann könne im Gespräch geklärt werden, ob es Sinn macht, den Vogel einzusenden. Fritz rät: „Man sollte den Vogel nicht mit den Händen anfassen, sondern am besten eine entsprechend große Plastiktüte über den Vogel stülpen und diesen so in die Tüte aufnehmen und die Tüte zuknoten..“

Jetzt fällt mir noch ein, wie der Spruch mit dem Schiedsrichter ging: Ein guter Schiri ist wie ein Hosenträger – man merkt erst, wie wichtig er ist, wenn er fehlt. So ist es auch mit unseren „Allerweltsarten“. Wer hätte gedacht, dass man sich mal um die Amsel Sorgen machen müsste? Unser Tipp für die Überwinterung trauriger Vogelfreunde: Falls der Kummer zu groß wird, die Lippen schürzen, einen auf Ilse Werner machen und das Pfeifen im Walde üben.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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