Liebe Leser,
zack, da hatte mich doch eine Bronchitis mal kurz ein paar Tage aus dem Verkehr gezogen. Nach mehrtägigem Delirium ging es zur körperlichen Ertüchtigung wieder vorsichtig an die frische Luft. Dort erspähte mein trübes Auge gar Erquickliches.
Um dem gebeutelten Körper nach Röchel-, Husten- und Fieberattacken wieder etwas Saft und Kraft anzutrainieren, schleppe ich mich also nach Tagen der Bettruhe ins Freie, um ein paar Schritte zu tätigen. Es ist kalt, ich bin kränklich und ein nerviges Mittelgrau grüßt mich in den Gassen. Aber, wie bei Asterix, bei dem auch nicht ganz Gallien von den Römern besetzt ist, ist auch nicht ganz Aurich in Grau gehüllt. Zwei blühende Pflanzen lassen meine trüben Augen leuchten und meine Lunge vor Freude husten. Das violette Exemplar befindet sich in einem Vorgarten und wird eigentlich eher mediterranen Gefilden zugeschrieben. Aber hier steht er vor mir, der Rosmarin-Busch, und trotzt mit seinen Blüten den schwäbischen Minusgraden. Das haut einen echt um.
Der Rosmarin, wissenschaftlich Rosmarinus officinalis, ist ein immergrüner Halbstrauch, der seine Heimat ursprünglich in wärmeren Gefilden hat. An den Küsten des Mittelmeeres wurzelt der bis zu zwei Meter hohe Strauch besonders gerne, er ist eine Charakterart der Macchie und Garrigue. Ahh, wie das schon klingt, nach Urlaub, singenden Insekten und türkisblauem Meer.
Die Macchie ist eine dicht wachsende, immergrüne Gebüschform des Mittelmeerraums. Nur so nebenbei: Das entsprechende Pendant in Amerika wird als Chaparral bezeichnet, was Erinnerungen aus der Kindheit aufkommen lässt. „High Chaparral“ hieß die Sendung, die Anfang der 70er beim ZDF über den Bildschirm flimmerte. Ja, das waren noch Zeiten, als Big John Cannon auf seiner High Chaparral Ranch in Arizona herumritt. Botanisch dürfte der Name korrekt sein, denn die besondere Vegetation des Chaparrals kommt in Arizona vor.
Jetzt aber wieder zum eigentlichen Thema, dem Rosmarin. Als Vertreter der Macchie und der Garrigue ist er gut an den sonnigen, heißen Süden angepasst. Die bis zu vier Zentimeter langen, lanzettlichen Blätter sind mit einer dicken Epidermis bedeckt, unten sorgen weiße Härchen für Strahlenschutz und zudem ist das Blättchen noch längs eingerollt. Drüsen sondern ätherische Öle ab, was zur Abkühlung beiträgt aber die Feuergefahr erhöht. Selbst die pralle Mittagssonne kann dem Rosmarin so nichts anhaben, Staunässe nimmt er allerdings übel. Mindestens seit der Antike ist der aromatische Strauch als Heilmittel, und auch als Weihrauchersatz bekannt. Bei den Griechen war der Vertreter aus der Familie der Lippenblütler der Göttin Aphrodite geweiht, ist auf der Seite des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien zu erfahren. Denn Rosmarin gelte als Frauenpflanze. „Rosmarinus wird in erster Linie als Periodenmittel eingesetzt“, schreiben die Macher des Museums. Deshalb werde oftmals darauf hingewiesen, dass diese stark durchblutungsfördernde Wirkung der Pflanze zum Abort oder zur Frühgeburt führen kann. Auch bei klimakteriellen Beschwerden mit stark ausgeprägten nervösen Erscheinungen könne Rosmarin verabreicht werden.
Von einer „mild wirkenden Arzneipflanze mit großem Anwendungsspektrum“ ist dagegen bei der Forschergruppe Klostermedizin die Rede. „In der Phytotherapie werden die Rosmarinblätter und das aus ihnen gewonnene ätherische Öl genutzt. Es besitzt einen hohen Anteil an 1,8-Cineol und Kampfer, außerdem finden sich Lamiaceengerbstoffe und Triterpene.“ Die Rosmarinblätter und ihr ätherisches Öl haben demnach eine schwach virenhemmende Wirkung sowie einen krampflösenden Effekt. Die enthaltenen Bitterstoffe regen den Appetit und die Magensaftsekretion an.
Wissenschaftlich anerkannt sei die innerliche Anwendung von Rosmarinblättern und Rosmarinöl bei Verdauungsbeschwerden wie Appetitlosigkeit, Völlegefühl, Blähungen und leichten krampfartigen Magen- und Darmbeschwerden sowie leichten Störungen der Galle, erklären die Klostermediziner. Äußerlich angewendet wirke das ätherische Öl anregend auf das zentrale Nervensystem und leicht durchblutungsfördernd. Es werde deshalb unter anderem zur unterstützenden Behandlung bei Gelenkrheumatismus eingesetzt.
Damit nicht genug, denn die ätherischen Öle werden auch als Geschmackserlebnis in der Küche geschätzt – in Maßen genossen, gibt es bestimmten Speisen den Pfiff. Hierzu können entweder ganze Rosmarinzweige mitgekocht und vor dem Essen entfernt werden. Man kann die Nadel jedoch auch essen oder gleich mit gemahlenen Rosmarinnadeln würzen. Allerdings gilt auch hier wie so oft: Die Dosis macht das Gift. Zu viel des Guten kann bei Mensch zu Unverträglichkeiten führen. Mich überfällt eine plötzliche Lust auf Rosmarinkartoffeln ... mal sehen, ob mein im vergangenen Jahr gepflanztes Sträuchlein im Garten noch lebt ... Denn ich habe keine Ahnung, ob es zu jenen Sorten gehört, die sogar bis minus 20 Grad Celsius winterhart sein sollen. Der große Busch in Nachbars Garten könnte so ein Beispiel sein. „Neben seinem medizinischen und kulinarischen Nutze ist Rosmarin eine beliebte Zierpflanze, unter anderem, weil sie schon im Winter blüht“, verkündet der Botanische Verein Bochum in seinem Jahrbuch.
Besonders bemerkenswert für Frauen jenseits der faltenlosen Lebenszeit scheint folgende Rosmarin-Anekdote, die das Wiener Museum so beschreibt: „Berühmt geworden ist er durch Königin Isabella von Ungarn (16. Jhd.), die als 72-Jährige von einem Einsiedler ein Kräuterwässerchen mit Rosmarin erhielt, und dadurch so verjüngt wurde, dass sie den polnischen König verzaubert habe. Das nach ihr benannte ‚Aqua Reginae Hungariae‘ war das erste destillierte Parfum.“ Auch heute noch wird Rosmarin als Duftessenz zugesetzt, zum Beispiel neben weiteren Ingredientien bei Echt Kölnisch Wasser 4711. „Lavendel und Rosmarin wirken beruhigend, entspannend und stärken die Nerven“, heißt es dort. 4711 steht seit Ende des 18. Jahrhunderts für die Hausnummer der damals kleinen Manufaktur in der Glockengasse, ist auf der Seite der Stadt Köln zu erfahren – und 4711 bewirkt eine Art Zeitreise, ist es einem doch aus frühester Kindheit bekannt. Genau genommen geht der Zeitstrahl dieses Duftes weit zurück, sollen sich doch schon Napoleon Bonaparte und Wolfgang Amadeus Mozart mit einer Wolke Echt Kölnisch Wasser umgeben haben.
Das andere Blümchen, das ich entdeckt hatte, zeigte seine Blüten in freundlichem Gelb, ist aber leider doch kein purer Quell der Freude. Das Gemeine Kreuzkraut, auch Gewöhnliches Greiskraut oder wissenschaftlich Senecio vulgaris genannt, hat schon einmal das Bundesinstitut für Risikobewertung auf den Plan gerufen. Denn getreu seinen Anverwandten enthält auch dieser Vertreter der Korbblütler aus der Gattung der Greiskräuter sogenannte Pyrrolizidin-Alkaloide, die in der Regel leberschädigend und krebsauslösend sind. Deshalb hat das Pflänzchen nichts im Salat zu tun. Dort, in einer abgepackten Salatmischung, war es aber vor starken elf Jahren gelandet, wovor die Bundesbehörde warnte. Besonders wer sich für Rucola begeistert, sollte seinen Salat mit wachen Augen durchsuchen und Unbekanntes eliminieren. Wie man auf dem Foto sieht, kommt die Pflanze auch mit widrigen Umständen zurecht und sie ist ein forscher Besiedler von Ritzen, Brachflächen und Äckern, was in bestimmten Kulturen durchaus zu Problemen führen kann. Dessen ungeachtet wird sich vielleicht die eine oder andere Wildbiene über das frühe Futter am Straßenrand freuen.
Sodele, jetzt, da die ersten Blüten des Jahres begrüßt sind, kann es ja nun endlich Frühling werden. Zuvor könnte zu den Nachbarn mit dem Rosmarin-Strauch pirschen und um ein Zweiglein des wackeren Gewächses bitten. Man kann daraus nämlich neue Exemplare ziehen. Danach steck ich mir Rosmarinbüschel hinter die Ohren, denn das soll das Denkvermögen fördern. So ausgerüstet werde ich mich an der Rezeptur des Aqua Reginae Hungariae versuchen. Falls Sie mich bald für eine junge Praktikantin halten, hat alles geklappt.
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