Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Pastoralreferent Knecht mit Weihrauch. sr

    Pastoralreferent Knecht mit Weihrauch. sr

Liebe Leser, lag doch neulich einfach so ein Päckchen mit irgendwas drin in der Redaktion. Kollegen, die katholisch sind oder schon den Oman bereist hatten, wussten gleich: Es ist Weihrauch. Da lag also die durchsichtige Plastiktüte, mitten auf dem Tisch, der im Herzen der Redaktion als Ablage für Vielerlei steht. Hier findet sich in der Regel allerhand Gedrucktes, manchmal auch ein Fotoapparat und ein singendes Stoffhuhn. Das steht schon lange da und huldigt, wenn man es einschaltet und die Batterien funktionieren, mit lustigem Tanz die Eier aus dem Ländle. Daran haben wir uns alle gewöhnt. Aber eine durchsichtige Plastiktüte mit circa drei Handvoll gelb-weißen, unförmigen Klümpchen? Das verursacht doch eine gewisse Irritation. Anscheinend ist das Päckchen als Ersatz für einen Weihrauchdiebstahl gedacht, den unsere Zeitung vermeldet hatte – allerdings im überregionalen Teil. Jetzt lag der Weihrauch aber bei uns am Vaihinger Marktplatz. Was tun? Redaktionsleiter Bögel will gleich mal Tatsachen schaffen, als die weitere Verwendung des Päckchens unklar ist: „Wegschmeißen“, lautet sein Lösungsvorschlag. Pfiffigerweise hatten die Kolleginnen vom Service-Center, wo das Päckchen abgegeben wurde, einen Zettel mit Namen draufgeklebt: „Randoll, Helmut Vai.“ Also wird dort angerufen. Von Andrea Randoll ist zu erfahren, dass sie den Weihrauch vor einigen Jahren bei einer Reise in den Oman mit ihrem Gatten Helmut auf einem Markt gekauft habe. In einer E-Mail schickt die Vaihingerin später noch ein Foto vom Souq, dem Markt in Maskat mit, auf dem der Weihrauch gekauft wurde. Allerdings sei dieser Weihrauch im Jemen geerntet worden sein: „Dort soll der weltbeste Weihrauch herkommen.“ Bei den unförmigen gelblichen Klumpen handelt es sich um das luftgetrocknete Gummiharz des Weihrauchbaumes. Wobei es den einen Weihrauchbaum gar nicht gibt, sondern vielmehr einige Vertreter der Gattung Boswellia, die als Weihrauchbäume in verschiedenen Regionen der Erde genutzt werden. Sie gehören zur botanischen Familie der Burseraceae, der Balsambaumgewächse. Diese Pflanzensippschaft kommt mit rund 17 Gattungen und 500 Arten in den tropischen und suptropischen Gefilden dieser Erde vor. Die Betrachtung dieser Pflanzenfamilie würde besser in die Weihnachtszeit passen, denn neben dem Weihrauch kommt auch die Myrrhe aus Harzkanälen eines Balsambaumgewächses namens Commiphora marrha. Aber bald ist Ostern – was irgendwie auch passt. Baumharz also. Hierzu schreibt die Botaniker-Bibel Strasburger: Als Harz beziehungsweise Balsam werde ein zähflüssiges Gemisch von Terpenoiden bezeichnet. Wird der Baum verletzt, dann laufe aus einem Röhrensystem das Harz, das an der Luft zu einem desinfizierenden Wundverschluss erstarre. Mithilfe dieses Tricks vertreibt der Baum auch unliebsame Fressfeinde und Eindringlinge wie Pilze. Harzgänge seien vor allem bei Nadelhölzern, die botanisch zu den Nacktsamern zählen, verbreitet, bei den sogenannten Angiospermen, den Bedecktsamern, dagegen selten. Zu diesen zählen die Balsambaumgewächse. Im Falle der Boswellia-Arten, die in afrikanischen, indischen und arabischen Trockenebenen wurzeln, wird der getrocknete Wundsaft in Form von Körnern als Weihrauch, medizinisch Olibanum, genutzt. Diese Bäumchen werden in ihrer meist unwirtlichen Lebewelt nur wenige Meter groß. Bei der Gewinnung von Weihrauch wird der Baum mit einem speziellen Messer über Monate hinweg immer wieder angeritzt. Aus den jüngsten Wunden fließt das beste Harz. Je heller das Harz, desto reiner ist seine Qualität. Nach einigen Jahren der Ernte benötigt das Gewächs eine mehrjährige Ruhephase. Je nach Weiterverarbeitung des Harzes findet das Produkt unterschiedliche Anwendung, wie zum Beispiel in der Medizin, in der Parfümherstellung oder als Räucherwerk. Schon die alten Ägypter schätzten den Rauch des verglimmenden Harzes und auch durch die Antike waberte der duftende Rauch. Hippokrates und andere griechisch-römische Ärzte setzten Weihrauch unter anderem zur Wundreinigung ein, Hildegard von Bingen soll ihn genutzt haben und in den 80er-Jahren sei der Weihrauch für Europa wiederentdeckt worden, ist unter welterbe-klostermedizin.de zu lesen. Boswellia-Säuren seien der wichtigste Inhaltsstoff des Weihrauchs. Das Harz habe eine schmerzlindernde, entzündungs- und bakterienhemmende Wirkung. „Die Beobachtungen legen nahe, dass Weihrauch besonders bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen sinnvoll ist“, so die Forschungsgruppe Klostermedizin zur Heilpflanze des Monats Dezember 2011. Weihrauchduft wird bei uns heute vor allem mit Kirche verknüpft. „Aus Abgrenzung zum römischen Kult lehnten die Kirchenväter den Weihrauch als Bestandteil der christlichen Liturgie zunächst ab“, ist auf der Seite katholisch.de zu lesen. Allerdings sei er von Christen bei Begräbnissen verwendet worden und seit dem 4. Jahrhundert sei der Weihrauchduft mehr und mehr ins Christentum eingezogen. „Aus der katholischen Kirche ist der Weihrauch nicht wegzudenken – auch wenn sich einige dies wahrscheinlich wünschen mögen. Er stellt eine besondere Ehrbezeugung Gottes dar“, ist auf der Homepage der katholischen Kirchengemeinde Tauberbischofsheim zu lesen. Bei festlichen, katholischen Gottesdiensten wird der Weihrauch im Weihrauchfass auf glühenden Kohlen langsam verbrannt. In Ostergottesdiensten werden Kreuz und Osterkerze beräuchert. „Es steigt weißer Rauch auf, der einen aromatischen und wohlriechenden Duft verbreitet (andere sagen: ‚Es stinkt!‘),“ heißt von der Kirchengemeinde weiter. In der evangelischen Kirche spielt der Weihrauch keine große Rolle. Martin Luther habe Weihrauch zwar nicht ausdrücklich verboten, aber für ihn sei er einfach nicht notwendig gewesen, meldet der Norddeutsche Rundfunk zum Thema. Räuchern ist auch in Privathaushalten beliebt. Anscheinend entfaltet dort in der guten Stube nicht nur Weihrauch sein je nach Baumart typisches Aroma. Manch einer legt auf sein Räuchergefäß auch Heimisches zum Verglimmen auf. Zum Verkauf steht zum Beispiel der Waldweihrauch, der als Mischung aus Harzen heimischer Nadelhölzer daherkommt. Die Substanzen von Fichte und Kiefer seien früher mit ihrem waldig und harzigen Duft für Hausräucherungen verwandt worden, heißt es bei einem Anbieter. Im „Jagd Journal“ wird der Tipp gegeben, ausgehärtetes Harz alter Verletzungen am besten von einem bereits gefällten Nadelbaum zu sammeln. Dies könne man wie gekauftes Räucherwerk in einer Räucherschale verwenden. Fichtenharz rieche sehr ähnlich wie richtiger Weihrauch, schreibt der Autor. Aha. Im Orient wird Weihrauch als Schutz vor Erkältungskrankheiten zudem gekaut „und auch bei uns ist das Kauen von Baumharz nicht unbekannt. Fichtenharz bezeichnete man früher als ‚Kaupech‘ und gerade unter Holzfällern hat es eine lange Tradition“, ist im Journal „Mein schöner Garten“ zu erfahren. Vor Selbstversuchen sollte man sich nochmal informieren, denn flüssiges Baumharz ist nicht geeignet. Der geneigte Kaugummikauer, dem der Sinn nach Nadelholzharz steht, kann jedoch auf fertige Produkte zurückgreifen, zum Beispiel auf den Alpengummi aus Österreich. Das sei ein natürlicher Kaugummi, dessen Kaumasse aus Baumharz und Bienenwachs gewonnen wird und der dabei das Pecherhandwerk wiederbelebt. „Wusstest du, dass die Kaumasse konventioneller Kaugummis zu einem Großteil aus Erdölprodukten hergestellt wird?“, fragen die Macher. Öhm ... nein. Der Platz wird leider schon wieder knapp, deshalb nun die Antwort zur alles entscheidenden Frage: Was geschah mit dem Päckchen der Randolls? Wir kontaktierten Pastoralreferent Christoph Knecht, um ihm den Weihrauch anzudienen. Knecht kam, nahm das Päckchen, schnupperte rein und strahlte. Unsere Erkenntnis: Weihrauch hebt die Stimmung und entspannt die Gesichtsmuskulatur. Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
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