Liebe Leser,
neulich meinte ich, einer tollen Entdeckung auf der Spur zu sein. Dies erwies sich als fast richtig. Was allerdings als Erkenntnis bleibt ist, dass Liguster kein Langweiler und obendrein noch heimisch ist.
Ligusterhecke – das ist ein Wort, das mir seit meiner Jugend geläufig ist. Immer wieder mal war Zuhause die Rede von einer Ligusterhecke. Als solche lässt sie sich rund um etliche Vor- und sonstiger Gärten bewundern und in meinem Kopf war sie als eher langweilige, gebietsfremde Gartenpflanze verankert. Nun kann ich zu meiner Freude feststellen, dass zumindest der Gemeine Liguster, Ligustrum vulgare, ein auch in Mitteleuropa einheimisches Gewächs ist.
Der Gemeine Liguster reiht sich in die Familie der Ölbaumgewächse ein. Damit steht er in verwandtschaftlicher Beziehung zu rund 600 weiteren Arten, darunter so beliebte Vertreter wie Forsythie, Flieder und Olivenbaum. Der bis zu rund fünf Meter hochwachsende Liguster kommt bei uns gerne auf sommerwarmen, mäßig trockenen und kalkhaltigen Ton- oder Lehmböden vor. Bei den Exemplaren, die einem hier und da in der freien Landschaft ins Auge springen, dürfte es sich somit nicht unbedingt um Gartenflüchtlinge handeln, wie ich immer vermutete, sondern einfach um eine wildwachsende Pflanze.
Der Gemeine Liguster wird sogar Menschen ans Herz gelegt, die eine Feldhecke anlegen möchten, und damit die 111 Arten aus dem Aktionsplan Biologische Vielfalt des Landes Baden-Württemberg unterstützen wollen. „Es sollen nur heimische, standorttypische Gehölze gepflanzt werden“, heißt es in einer Anleitung des Regierungspräsidiums – und der Liguster steht mit Wild-Apfel, Wein-Rose und vielen anderen auf der Liste der Pflanz-Kandidaten.
Der Gewöhnliche Liguster besitzt ein sehr intensives, dichtes, flaches Wurzelsystem und seine abgesenkten Zweige bewurzeln sich leicht, ist bei der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, kurz LfL, zu erfahren. Als Pioniergehölz schütze diese Pflanze den Boden vor Erosion und werde daher auch für Schutzpflanzungen und Eingrünungen verwendet. Das Gehölz ist sehr schnittverträglich. Der Liguster ist ein wichtiges Vogelnist- und Nährgehölz und dient auch zahlreichen Säugetier- sowie Insektenarten als Nahrungsquelle. Die Falterart Ligusterschwärmer wurde sogar nach der Futterpflanze ihrer Raupen benannt, obwohl diese gerne auch mal an anderen Pflanzen nascht.
Selbst Eichhörnchen, die in diesem Winter schon für Schlagzeilen sorgten, können sich anscheinend an den blauschwarzen Beeren des Ligusters laben – meldet der SWR in einem Bericht um eine Winterfütterung der unsteten Kletterer. Die rotbraunen Kobolde, so wurde zeitweilig befürchtet, müssten in diesem Winter hungern, da viele Nüsse durch die Hitze zu früh, zu klein herabgefallen seien und die Eichhörnchen sie deshalb nicht als Wintervorrat nutzen können. Allerdings sind die Gesellen ja durchaus im Winter auch aktiv und obendrein Allesfresser. Das heißt, ein Beerchen in Ehren tun sie auch nicht verwehren, darunter eben anscheinend gerne mal ein Ligusterbeerchen. Auch zahlreiche Vogelarten naschen am Liguster, und offenbar eher erst im Spätwinter. Vielleicht sind die schwarzen Ligusterbeeren so eine Art letzte Reserve, weil sie geschmacklich nicht so die erste Wahl sind. Aber wer weiß das schon, denn als Mensch sollte man die Früchte eher nicht probieren.
Alle Pflanzenteile sind leicht giftig, informiert die Giftnotrufzentrale Bonn. Der in den Beeren vorhandene Giftstoff sei noch nicht näher definiert, als kritische Menge werden fünf Beeren angegeben. Es könne zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfall kommen. Todesfälle, wie sie in der Literatur beschrieben seien, würden jedoch nach heutigem Wissensstand bezweifelt. Allerdings blüht dem eifrigen und eher empfindlichen Gärtner ein Liguster-Ekzem, wenn er der Pflanze beim Rückschnitt zu lange zu nahe gekommen ist. An Kinderspielplätzen soll der Strauch deshalb nicht gepflanzt werden. Und auch für Tiere wie Pferde, Hunde und Katzen und andere vierbeinigen Lieblinge birgt die glänzende Beere Gefahr, wobei die Angaben etwas konträr sind. Einige Quellen behaupten sogar, dass Liguster für Vögel giftig sei, andere füttern nach Eingewöhnung selbst die exotischen gefiederten Lieblinge damit.
Der Strauch trägt auch den Trivialnamen Tintenbeere, da mit dem Farbstoff der Früchte eben Tinte hergestellt wurde und der Beerensaft auch zum Färben von Stoffen genutzt wurde. Zum Aufhübschen des Weines wurde die Farbe der Beeren ebenfalls genutzt. „Von allen bis jetzt angewandten künstlichen Färbestoffmitteln erzeugt gerade die Tintenbeere die schönste Färbung, wenn man nur Sorge trägt, dass die Beeren zerstoßen, mit etwas Mehl und Zucker vermischt, acht Tage lang der Gärung unterworfen, dann gepresst werden und die Flüssigkeit der übrigen noch gärenden Masse zugesetzt wird“, ist in dem Werk „Der Wein, sein Werden und Wesen“ von Wilhelm Hamm von 1874 zu lesen.
Das Holz des Ligusters ist sehr hart und wurde früher für Holznägel und Drechslerarbeiten verwendet und die biegsamen, jungen Zweige seien sogar zum Korbflechten geeignet, informiert die LfL. Hiervon zeugt auch der lateinische Name, ligare bedeutet binden. Der Trivialname Hartriegel kann dagegen in die Irre führen, sind doch damit in der Regel Vertreter der Gattung Cornus, Hartriegel, gemeint, wie beispielsweise die Kornelkirsche, Cornus mas. Sie erfreut uns und die Insektenwelt, nur so nebenbei erwähnt, demnächst wieder mit ihren niedlichen, kleinen, grün-gelben Blüten.
Bei nicht wenigen Liguster-Sträuchern sind auch im Winter an den Zweigen noch Blättchen zu bewundern. Der Liguster blüht zwar erst im Sommer, ist einem aber mit seinem schweren Duft gut in Erinnerung. Manche schreiben gar von „streng duftend“, andere Autoren bezeichnen den Geruch als umwerfend, vermutlich im Sinne von gut.
Die kleinen, cremefarbenen und unspektakulären Blüten der rispigen Blütenstände lassen schon mal ahnen, was sie im Schilde führen. Sie sind offensichtlich nicht diejenigen, die Insekten mit ihrer prallen und bunten Schönheit locken wollen. Sie setzen beim Kampf um die Bestäuber auf den Duft, den sie vor allem nachts verbreiten. Und wer fliegt da als potenzieller Bestäuber in der Regel herum? Richtig, Nachtfalter. Allerdings scheinen nicht nur sie den Nektar zu schätzen und die Pollen zu verteilen. Auch Hautflügler wie Bienen und Tagfalter sind an den zu Kronen verwachsenen Blüten zugange. „Insektenbestäubung“ heißt dann auch das Stichwort im Floraweb des Bundesamts für Naturschutz. Für rund 30 Schmetterlingsarten sei der Liguster als Raupen-Futterpflanze und/oder Nektarpflanze wichtig, ist dort zu erfahren. Darunter streng geschützte Arten wie der Maivogel und der Eschen-Scheckenfalter.
Und nun zu der Beobachtung, die mich neulich mal genauer solch eine Hecke beäugen ließ. In diesem Ligusterdickicht bei uns im Sträßle rottet sich derzeit gerne ein geschwätziger Trupp von Spatzen zusammen. Das ist insofern erklärbar, als dass das Gehölz bei regelmäßigem Rückschnitt eben sehr engmaschige Rückzugsräume aus Astgewirr bildet. Die Rücker’sche Schlussfolgerung zu der Spatzenbande im Ligusterdickicht lautete: Spatzen lieben diese Hecke. Das ist dann wohl nicht falsch, aber mit ziemlicher Sicherheit nicht der Hauptgrund für die geballte Spatzenladung. Wie sich bei genauerer Betrachtung herausstellte, lieben die Sperlinge wohl vor allem die zahllosen Leckerein, die extra für die Vögel an einem benachbarten Baum angebracht sind.
Es ist eben nicht immer alles so, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. In diesem Zusammenhang fällt mir aus fernen Zeiten des Studiums das Wörtchen Korrelation aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung ein. Ein Thema aus der Biometrie, das zwar als spannend in Erinnerung ist, aber mir sofort Schweißperlen aus den Poren treten lässt, weshalb wir das mal auf irgendwann verschieben.
Für heute lassen wir’s mit einem Spruch ausklingen: Wenn du dir noch machst Kopfzerbrechen, darüber ob und welche Hecken,
schön wären für die Gartenzier, denk an Ligustrum, fürs Getier – denen lass lieber auch die Beeren, sonst tut dein Bauch sich noch beschweren.
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