Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Die Sommerwurz namens Kleewürger. Foto: sr

    Die Sommerwurz namens Kleewürger. Foto: sr

Liebe Leser,
aus einem Kleefeld guckte kürzlich ein ganz besonders Pflänzchen hervor. Blass stach es aus dem Grün heraus und eine gewisse Schönheit schmeichelt dem Auge des Betrachters. Es handelt sich um einen Vertreter der Sommerwurzen. Schöner Name, aber voll die Schmarotzer, diese Pflanzen.

Im Auricher Acker wächst sie nur einzeln zwischen den Kleepflänzchen hervor. Ob es sich bei der blässlichen Schönheit um Orobanche minor, auch Kleine Sommerwurz, Kleeteufel oder Kleewürger genannt, handelt? Pflanzenexperte Dr. Arno Wörz vom Naturkundemuseum Stuttgart wird konsultiert. Anhand der per E-Mail mitgesandten Fotos stellt er fest: „Das sieht in der Tat sehr nach Orobanche minor aus, der Kleinen Sommerwurz, auch Kleeteufel genannt. Es ist eine der weniger seltenen Sommerwurz-Arten. Sie steht aber auf der Roten Liste der gefährdeten Arten in Deutschland, nicht aber auf der Liste der geschützten Arten.“

Okay, Kleewürger klingt ja mal gar nicht schön und ist es für den betroffenen Wirt, die Pflanze, und auch den Landwirt mitunter nicht. Auch auf dem Auricher Acker wurde sie wohl nach und nach entfernt, bevor es zur Samenbildung kommen konnte.

„Anfang des 20. Jahrhunderts gab es zum Beispiel im Rheinland ein Gesetz, das es unter (Geld)Strafe stellte, wenn man die Sommerwurz (in diesem Fall Orobanche minor) auf eigenem Grund und Boden zur Blüte kommen ließe. Orobanche ist in der Lage, ohne weiteres bis zu 300 000 winzige Samen pro Pflanze zu erzeugen, die dann vom Wind ausgebreitet werden“, schreibt Autor Holger Uhlich in seinem Artikel „Orobanchen, verkannte Schönheiten“. Inzwischen ist der Kleewürger in die Rote Liste der gefährdeten Pflanzen aufgenommen und gilt auch bei uns im Ländle als gefährdet. Der Industrieverband Agrar mahnte jedoch schon vor einigen Jahren, dass die Sommerwurz mit dem Anbau von Linsen zurückkomme. Und auch im rheinischen Tabakanbaugebiet zwischen Schwarzwald und Vogesen seien bereits zehn Prozent der Fläche betroffen.

Was die Sommerwurzen für Betroffene so unangenehm macht ist, dass sie allesamt Vollschmarotzer sind. Für die Sommerwurz ist das prima, spart sie sich doch energiezehrende Vorkehrungen wie die Bildung des Blattgrüns. Dieser Pflanzengruppe fehlt also mangels Chlorophyll eine aus Menschensicht typische Eigenschaft einer Pflanze: die Fähigkeit zur Fotosynthese. Sie lässt sich als sogenannter Holoparasit vollständig von ihrer Wirtspflanze versorgen. Sofern die Wirtspflanzen einigermaßen gut versorgt sind, kann der Befall mit dem Schmarotzer glimpflich ausgehen. Aber: „Sommerwurze treten in Nordafrika und im Mittelmeerbereich als massive Plagen auf. Auch die ärmeren Länder in Asien leiden unter den wirtschaftlichen Folgen dieses Parasiten“, so der Industrieverband Agrar.

Dass diese Pflanzengruppe aber auch zu Begeisterungsstürmen führen kann, zeigt sich bei der Lektüre mehrerer Artikel über Exemplare in botanischen Gärten, zum Beispiel dem einen von Holger Uhlich. Der Sommerwurz-Experte bricht in Jubel aus, weil von Ende Juli bis Anfang August die nackte Erde unter den Hanf- und Tomatenpflanzen im Gewächshaus des Botanischen Gartens Frankfurt wohl regelmäßig von einer ganz besonderen Blume in ein zartlila-farbenes Blütenmeer verwandelt werden: der Ästigen Sommerwurz, Phelinpanche ramosa.

Nur wenige der etwa 200 Arten der Gattungen Orobanche und Phelipanche würden jedoch in nennenswertem Maße Kulturpflanzen beeinträchtigen. Der weit überwiegende Teil der Sommerwurz-Arten jedoch sei in dieser Beziehung unauffällig, meist nur auf Wildpflanzen anzutreffen und überdies recht selten. „Sie sind, wie Orchideen, schützenswerte Besonderheiten der Flora“, befindet Uhlich.

Irgendwie sehen sie den Orchideen ja auch ein wenig ähnlich. Meist bevorzugen die Sommerwurz-Arten offene und wärmere Lebensräume, einige wie die Efeu-Sommerwurz oder die Salbei-Sommerwurz seien aber auch an schattigen Waldstandorten zu finden.

Hier kann es mitunter zu Verwirrungen kommen, denn es gibt in der Tat Orchideen, die den fahlen Sommerwurzen unglaublich ähnliche sehen und auch keinen Hauch von Grün an sich haben; zum Beispiel die Vogel-Nestwurz, Neottia nidus-avis, Orchidee des Jahres 2002. Sie betreibt ebenfalls keine Fotosynthese. Und es gibt noch weitere Doppelgänger, die sich am selben Standort, im feuchten, schattigen Wald, mitunter wohlfühlen: Fichten- und Buchenspargel, Pflanzen, die nichts mit Spargel zu tun haben, sondern der Pflanzenfamilie der Heidekrautgewächse angehören. Dieses blasse Heidekrautgewächs und die Nestwurz aus der Familie der Orchideen setzen auf eine besondere Form der Ernährung: Sie sind sogenannte Epiparasiten, die sich mithilfe Dritter indirekt bei anderen bedienen, und zwar über Mykorrhiza-Pilze. Diese umwuchern das Feinwurzelsystem von Bäumen, liefern diesen Nährsalze und Wasser und erhalten einfache Kohlenhydrate des Baumes zurück. Die gelblich-weißen Epischmarotzer hängen sich nun über die Pilze an dieses Liefersystem aus den Gefäßen des Baumes dran. Die Sommerwurzen dagegen – in Deutschland kommen um die 25 Arten vor – hängen sich direkt an ihre Wirtspflanze. Die Samen können lange schadlos im Boden überdauern und dann zum perfekten Zeitpunkt, wenn die Wurzeln einer passenden Wirtspflanze in der Nähe ist, keimen. Botenstoffe, die von der Wurzel der Wirtspflanze ausgeschieden werden, initiieren die Keimung. Mit einem sogenannten Haustorium, einer Art Schlauch zum Abschläucheln der Lebenssäfte, entert der Schmarotzer schließlich die Wurzel seines Wirts. Die Sommerwurz entwickelt nun erst mal ein Speicherorgan, aus welchem sich bei günstiger Gelegenheit ein Spross mit Blüten und Schuppenblättern bildet.

In der Regel handelt es sich bei den Sommerwurzen um einjährige Pflanzen. Der Blütenstand kann je nach Art der Pflanze und Geschmack des Menschen als schön bezeichnet werden. Viele dürften diese Gewächse aber gar nicht kennen, weil man sie eben nicht oft zu Gesicht bekommt.

Beim Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide freute man sich schon über den Fund einer Violetten Sommerwurz. Diese schmarotzt unter anderem an Schafgarbe. In der Flora Mecklenburg-Vorpommern seien nur sechs Standorte aufgeführt. Zum Schutz des neu entdeckten Standortes habe man mit dem örtlichen Landwirt kurzfristig entsprechende Maßnahmen abgestimmt. Beim Karlsruher Institut für Technologie ist die Amethyst-Sommerwurz, Orobanche amethystea, Pflanze des Monats Juli. Der in Baden-Württemberg selten vorkommende Feld-Mannstreu diene ihr als Wirt. „Neben den Vorteilen, die der Vollparasitismus mit sich bringt, ergibt sich durch das Wirt-Parasit-Verhältnis allerdings ein großer Nachteil: Die Lebensdauer des Vollschmarotzers wird durch den Wirt und dessen Lebensdauer bestimmt“, schreibt das KIT dazu.

Da fällt mir doch spontan ein umgemodeltes Schiller-Zitat ein: Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was Bess’res findet.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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