Phänomene der Natur
Phänomene der Natur
Liebe Leser,
stellen Sie sich vor, Sie liegen gemütlich auf Ihrem Sofa. Sie schalten ab und schließen gerade die Äuglein, als Ihnen etwas ins Nasenloch fliegt.
Es gibt bestimmt viele Sehnsuchtsorte, sicherlich auch sehr spektakuläre. In unserer Familie ist der ultimative Sehnsuchtsort im häuslichen Bereich das Sofa. Das Teil ist inzwischen zwar über seinen Zenit hinweg, zumindest für Menschen meines Alters, die sich mit dem Aufstehen etwas schwertun. Denn die behagliche Hängepartie in dem altgedienten Sitzpolster kann nur elegant beenden, wer noch mit Schwung freihändig aus der Hocke aufstehen kann.
Jedenfalls schätzt sich jeder glücklich, der den begehrten Platz auf dem Dreisitzer ergattert hat. Dort lässt es sich herrlich liegen, die Beine werden ausgestreckt und das Haupt auf ein kleines Kissen gebettet. Doch im Moment größter Entspannung passiert’s: Etwas fliegt einem in die Nüstern. Wer Glück hat, der inhaliert den Winzling wenigstens nicht. Die Entspannung ist jedenfalls erst mal flöten.
Auf der Suche nach den Übeltätern wird man recht schnell fündig, denn das kleine Etwas in der Nase ist nicht allein. Wie sich bei näherer Betrachtung zeigt, schwirrt es verdächtig um diverse Blumentöpfe auf der Fensterbank herum. Es sind winzigkleine Insekten. Ich würde mal behaupten, kleiner und auf jeden Fall zarter als Drosophila, die Fruchtfliege.
Im zoologischen System zählen beide zu den Zweiflüglern, wissenschaftlich Diptera. Sicherlich hatte ich schon mal erwähnt, dass dieser Gruppe bei Spezialisten der Ruf vorauseilt, ganz schrecklich zu sein. Und zwar vor allem deshalb, weil etliche der Zigtausend Arten schwer zu bestimmen sind.
Die Diagnose am Blumentopf wage ich jetzt aber trotzdem: Es sind bestimmt Trauermücken. Allerdings heißt hierbei nicht die Tierart Trauermücke, sondern die Tierfamilie, wissenschaftlich Sciaridae, die immerhin allein in Europa 600 Arten umfassen soll. Namensgebend bei den Trauermücken sind die dunkle Färbung des Körpers und die mindestens getönten Flügel.
Das passt bei meinen Exemplaren, die bei einer geschätzten Größe von zwei Millimetern augenscheinlich die Zimmerpflanze meucheln. Ausgerechnet auch noch die Avocado meiner Tochter, die hier schon mal die Hauptrolle spielte und jetzt wohl dahinscheidet. Gemeine Viecher! Aber – Schreck lass nach – was muss ich lesen? Schuld sei ein Gießfehler, denn die Larven der Trauermücken fühlen sich in zu nassen Wurzelballen wohl und ernähren sich von den durch Nässe abgestorbenen Wurzeln.
Mich trifft aber nicht die Alleinschuld, wobei weniger gießen ab jetzt angesagt ist. Denn die Larven fressen laut der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfahlen auch an den Wurzeln von Stecklingen und Sämlingen und dringen in deren Stängel ein. Dabei schaffen sie Eintrittspforten für bodenbürtige Krankheiten. In Folge dessen können die Pflanzen an Kümmerwuchs und Welkeerscheinungen bis zum Absterben leiden. Ganz danach sieht das bei der armen Avocado aus.
Der Blumenliebhaber muss diesem Verderben aber nicht tatenlos zusehen, denn es gibt Verbündete im Kampf gegen die Invasion. Zum Beispiel gelbe Klebefallen, die an den Blumentöpfen in Sofanähe mittlerweile installiert sind. An denen sterben die Tierchen zwar einen insektizidfreien, aber wohl unschönen Klebe-Tod. Zu diesem Thema durfte ich mal Ohrenzeuge einer Unterhaltung werden, bei der sich ein Paar am Schädlingsbekämpfungsregal in einem Drogeriemarkt über die Sterbemethoden der Insekten unterhielt. Der Mann hatte sich hierbei ganz klar gegen eine Pheromonklebefalle in puncto Lebensmittelmotten ausgesprochen. Die Falter würden dort ewig leiden, bevor sie zappelnd zu Tode kämen. Ich fand das sehr sympathisch, dass sich der Mann um das Leiden der Mehlmotten Gedanken gemacht hatte. Auch ich war gar nicht allzulang vorher mit der Erkenntnis konfrontiert worden, dass die Kleinschmetterlinge wirklich lange leben, bevor sie an der Falle fixiert versterben. Seitdem werden die Fallen von mir oft kontrolliert und die leidenden Schädlinge zerquetscht. Das ist zwar auch nicht schön, aber die Alternative wäre: Insektizide oder Mehlmottenlarven – beides pfui.
Zurück zum Thema Trauermücke. Wie so oft bei den Insekten ist das geflügelte Tier bei den Trauermücken relativ kurzlebig und seine Aufgabe besteht vor allem darin, sich zu paaren, dann folgt der Tod. Das Weibchen kann zuvor noch mehrere Hundert Eier in die feuchte Erde legen, dort entwickeln sich Larven und Puppen und schon nach nur gut drei Wochen steigt die nächste geflügelte Generation empor. Das haut auf die Dauer den stärksten Tierliebhaber um. Weitere biologische Gegenmaßnahmen stehen zur Verfügung. Beispielsweise kann Quarzsand auf die Erdoberfläche gegeben werden, ebenso sind Fadenwürmer, Raubmilben und Bacillus thuringiensis im Einsatz. Die Trauermücke, die im Gewächshaus, an der Zierpflanze oder auch im Gemüsebeet ziemlich ätzend sein kann, ist allerdings draußen in der wilden Natur von großer Bedeutung. In dem Beitrag „Die Trauermücken in Deutschland (...)“ von Frank Menzel und Ulrich Schulz wird die wichtige Zersetzerfunktion der Larven in verschiedensten Böden betont. „Die Larven der Trauermücken haben oft auch einen erheblichen Einfluss auf die Bodenstruktur und die Bodenqualität“, schreiben die Autoren zu den Ökosystem-Funktionen. Aufgrund der hohen Reproduktionsrate und der daraus resultierenden Individuenzahlen seien die Trauermücken auch als Beutetiere bedeutsam.
Nicht unerwähnt bleiben soll hier ein Spektakel, das sich mitunter im Freien zeigt. Es sind laut Menzel und Schulz mehrere Trauermückenarten, die durch das Verhalten ihrer Larven Aufsehen erregen können. Nach Massenentwicklungen kann es bei ihnen zu bis zu 14 Meter langen Larven-Prozessionen kommen, was im Volksmund als Heerwurm bezeichnet wird. Schon Alfred Brehm berichtet in seinem „Brehms Thierleben“, dass der Spuk dieser Erscheinung im Jahre 1603 von Schlesien ausgehend begonnen habe. „Die einen prophezeiten aus dem Erscheinen des Heerwurmes Krieg, die anderen den Ausfall der Ernte“, schreibt Brehm weiter zur Heerwurm-Trauermücke, Sciara militaris. Den schlesischen Bergbewohnern habe er Segen verheißen, „wenn er thaleinwärts zog, Mißwachs dagegen, wenn er seinen Weg bergauf nahm; den Abergläubischen im Thüringer Walde bedeutete jene Marschrichtung Frieden, diese Krieg“. Noch andere hätten das Erscheinen des Heerwurmes als Orakel für ihre Person genutzt: „Sie warfen ihm Kleider und Bänder in den Weg und schätzten sich glücklich, besonders hoffnungsvolle Frauen, wenn er über diese hinkroch, bezeichneten hingegen den als einen nahen Todeskandidaten, dessen Kleidungsstücken er auswich.“
Insgesamt scheint unser Heerwurm jedoch ein Waisenknabe im Vergleich zum Heerwurm, der in tropischen und subtropischen Gefilden zu Ernteausfällen und Hungersnöten führt. Bei ihm handelt es sich ein ganz anderes Tier, eine Schmetterlingsart namens Spodoptera frugiperda. „Heerwurm bedroht Afrikas Maisernte“, titelte die „Frankfurter Rundschau“ im vergangenen Jahr. Irgendwie – vermutlich mit dem Import von Frischpflanzen – sei dem in Nord- und Südamerika heimischen Schädling der Sprung über den Atlantik gelungen. Das große Fressen habe in Nigeria begonnen, wo der Heerwurm Anfang 2016 erstmals gesichtet wurde. Im Frühjahr 2018 hatte er laut UN-Angaben schon 44 von 54 afrikanischen Staaten besiedelt.
Da können wir mit unserem heimischen Heerwurm ja noch ganz zufrieden sein. Ich mit meinen Trauermücken auch. Eine Freundin von mir hat die Rote Spinne an ihrem Zitronenbäumchen. Wer diese Spinnmilbe bekämpfen muss, der lässt sich am besten erst mal auf seine Ohnmachtscouch fallen – ein Möbelstück, das einst für Frauen mit Schwächeanfall gedacht war – und sich dann ein Tränenglas reichen, denn diese Tierchen gelten als richtig zäh.
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