Liebe Leser,
alle Welt redet vom Insektensterben, wir blicken heute mal auf quicklebendige Vertreter – einem Schnäppchen sei Dank. Vor wenigen Tagen konnte ich einen Kauf im Wert von knapp unter zehn Euro als vollen Erfolg verbuchen, denn er sorgt für Ekstase und pralle Höschen.
Sagenhaft! Das war mal eine richtig gute Entscheidung. Neulich, im Gartencenter, saß das Geld ein wenig locker und an der Haustür in Aurich klaffte eine Blütenlücke. Was also könnte dort ein Plätzchen finden und zugleich der Insektenwelt Gutes tun? Im Außenbereich des Blumenhändlers buhlten Pfirsichbäumchen, die scheinbar nur aus Blüten bestanden, mit anderen Gewächsen um die Gunst des Kunden. Darunter befanden sich auch kleine Weidenbäumchen, deren Zweige traurig und öde nach unten blickten. Daran waren zwar schon Blüten-Kätzchen zu erkennen, aber ob die auch aufblühen und wirklich genug Futter für Insekten bieten könnten, war die Frage. Meine Wahl fiel trotzdem auf das unscheinbarere Gehölz und was soll ich sagen: Goldrichtig war das. Denn schon nach kurzer Zeit sind die Kätzchen an den Zweigen mit sattem Blütenstaub-Gelb überzogen und zahlreiche Bienen geraten daraufhin in Ekstase. Das Schöne daran ist auch, dass auch diverse Wildbienenarten sich dort mit Futter und Proviant versorgen.
Nimmt man sich mal kurz Zeit und beobachtet das Treiben, zeigt sich Folgendes: Es wird zuerst, als die Staubbeutel mit den Pollen noch etwas versteckt sind, wie wild in den Kätzchen herumgestochert. Die Kätzchen meiner Weide sind männlich, die Geschlechter befinden sich bei diesen Gehölzen in der Regel auf verschiedenen Individuen. Das Kätzchen besteht aus etlichen kleinen Einzelblüten und sowohl bei männlichen wie auch bei weiblichen Exemplaren locken Nektarien mit zuckerhaltigem Saft. Die Bienen suchen mit ihren Mundwerkzeugen also aufgekratzt in den Kätzchen herum. Der Pflanzennektar ist die schnelle Energiequelle für die quirligen Insekten. Von der Westlichen Honigbiene des Imkers, wissenschaftlich Apis mellifera, wird er zu Honig „verarbeitet“. Dies tut die Honigbiene originär nicht deshalb, um unseren Gaumen zu erfreuen, sondern sie lagert diesen Proviant ein, um über den Winter zu kommen und um ihre Larven zu versorgen. Hierzu ist auch der eiweißreiche Pollen nötig, der ebenfalls über die Ammenbienen im Nachwuchs landet. Pflanzen- und Insektenwelt haben sich im Laufe der Erdgeschichte in Form einer Koevolution mitunter eng aneinander angepasst. Ein interessanter Aspekt der Sammeltätigkeit bei verschiedenen Bienenarten ist die Art und Weise, wie der Pollen von der Blüte zum Nachwuchs gebracht wird. Die Arbeiterin einer Honigbiene hat bei dieser Aktion sozusagen die Hosen voll, denn bei Sammelerfolg sind die Pollenhöschen am hintersten Beinpaar als gelbe Bollen zu erkennen.
Damit die nur ungefähr 30 Mikrometer, also 0,03 Millimeter winzigen Pollen sich zu einem solche schönen, dicken Paket zusammenballen, hat die Honigbiene besondere Vorkehrungen entwickelt. Zuerst versucht sie, die größtmögliche Menge an Blütenstaub an den Mann beziehungsweise die Biene zu bringen. Hierzu wird im Zweifelsfall auch mal der eine oder andere Staubbeutel aufgebissen. Dann nimmt die Arbeiterin ein Pollenbad, nachdem sie sich vorher mit Nektar bespuckt und diesen verteilt hat. Wunderbar bleiben die kleinen Körnchen nun im „Bienenpelz“ hängen.
Wie bekommt man dieses Chaos dann ins Pollenhöschen? Mit den zwei vorderen Beinpaaren putzt sich die Biene und konzentriert die Pollen an den Bürsten auf der Innenseite der Hinterbeine. Dann kämmt das Tierchen die Bürste des einen Beines mit der Bürste des anderen Beines aus und stopft den Pollen ins Körbchen, was als „Höseln“ bezeichnet wird. Eine Reihe steifer, langer Haare bilden zusammen mit einem Bereich des Hinterbeines das Körbchen. Neben der Honigbiene verfügen noch weitere Arten der Hautflügler über diese praktische Einrichtung, sie werden in der Gruppe der Körbchensammler vereint.
Je nach der vorherrschenden Pflanzenart, an der die Pollen gesammelt wurden, können die entstehenden Kraft-Pakete unterschiedliche Farben aufweisen. So hatte das Honigbienen-Exemplar an dem kleinen Weidenbäumchen seine eiweißreiche Last zu einem gelben Pollenpaket komprimiert. Bei diesem Vorgang konnte ich Augenzeuge werden, denn die Biene hängte sich mit den Vorderbeinen an ein Kätzchen, fast so, als wollte sie Klimmzüge absolvieren. Dann fing sie aber an, feste mit den Hinterbeinen zu schaffen.
Einige Stunden zuvor hatte ich beim Spaziergang eine Biene beobachten können, die zielstrebig die kleinen, himmelblauen Blüten des Ehrenpreises abklapperte. Es handelte sich nicht um die kleine Blaue Ehrenpreis-Sandbiene, die auch von der Statur her an ihren kleinen Landeplatz angepasst ist. Es war eine Honigbiene beim Ehrenpreis-Hopping, und immer, wenn sie frisch landete, bogen sich die kleinen Blüten unter ihrem Gewicht bedenklich nach unten. Diese Biene hatte nahezu weiße Pollenpakete an ihren Beinen.
Der Imker kann der Pollenhöschen seiner Honigbienen habhaft werden, indem er die Tierchen vor Eintritt in den Bienenstock durch eine Pollenfalle schickt. Dort werden die Pakete abgestreift. „Die Verwendung von Blütenpollen als Stärkungsmittel ist seit rund 50 Jahren gebräuchlich. Sie basiert hauptsächlich auf Empfehlungen von Imkern. Pro Jahr werden in Deutschland rund 450 Tonnen Blütenpollen gehandelt“, ist auf der Homepage von reformhaus-shop.de zu erfahren. Propolis ist dagegen eine von den Bienen aus harzigen Pflanzensubstanzen hergestellte Masse, die im Bienenstock unter anderem als antibiotischer Abdichtkitt Verwendung findet. Der Mensch hat sich auch für diese Substanz zahlreiche Anwendungsbereiche einfallen lassen.
Emsig am Trinken ist an dem Mini-Bäumchen auch die Gehörnte Mauerbiene, wissenschaftlich Osmia cornuta. Das Weibchen mit seiner schönen Färbung ist ein echter Hingucker und das kleinere Männchen erlangt durch seine weiße Bürstenfrisur am Kopf ein fast schon albernes Aussehen. Diese Bienenart zählt zur Familie der Megachilidae, deren Weibchen gerne Bauchbürste tragen. Dabei handelt es sich nicht um ein kosmetisches Accessoire, sondern um die Vorrichtung, mit deren Hilfe die werdende Mutter ihren Nachwuchs mit Futterreserven eindeckt.
Die Gehörnte Mauerbiene legt als Solitärbiene in diverse Brutkammern, zum Beispiel im Hohlraum eines Halmes, ein Ei. Dann spuckt sie Nektar in die Brutzelle und streicht sich anschließend mit den Hinterbeinen den Pollen aus der Bauchbürste. Diese gehaltvolle Masse dient dem Nachwuchs als Kraftfutter für die Entwicklung. Der Hohlraum wird verschlossen und die nächste Kammer angelegt. Wunderschön ist das vom „Wildbienenpapst“ Dr. Paul Westrich auf seinen Seiten im Internet unter www.wildbienen.info dargestellt. Er ist auch Autor des aktuellen, über 800 Seiten starken und von manchen als „Bienen-Bibel“ bezeichneten Buches „Die Wildbienen Deutschlands“. Es braucht zum Glück noch so viele Seiten, weil schon allein rund 570 Wildbienenarten herumschwirren. Westrich hat mir netterweise (mal wieder) bei der Bestimmung der Arten unter die Arme gegriffen. Wer faszinierenden Wildbienenarten helfen möchte, der findet auf Westrichs Seiten jede Menge Anregungen, wie dies am Besten gelingen kann. Es braucht geeignetes Futter, Baumaterial und einen artgerechten Nistplatz. Gefüllte Blüten sind für Insekten eher schlecht, denn dort gibt wenig zu holen, in der Regel beispielsweise keinen Pollen.
Und hier noch der VKZ-Tipp fürs Wochenende: Sollte Ihre Familie mal am Essen rumnörgeln, stellen Sie doch in Aussicht, es bald wie Mama Mauerbiene zu machen: Erst wird in den Topf gespuckt und anschließend irgendwas vom Bauch dazugeschabt. Dann ist bestimmt Ruhe am Tisch.
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s.ruecker@vkz.de


