Liebe Leser,
herrlich, herrlich! Die Blüten brechen auf, das Herz jubiliert und man weiß gar nicht so richtig, wo man zuerst hinschauen soll. Ein Gewächs, das trotz seiner gelber Pracht irgendwie unscheinbar ist, wird heute vorgestellt.
Zunächst aber ein kurzer Nachtrag zu unserer Phänomene-Folge der vergangenen Woche. Zum Thema Wohnungsnot bei den Gefiederten hatte ich unseren Vogelexperten aus Leidenschaft, Joachim Sommer aus Roßwag, befragt und Folgendes geschrieben: „Man könne ruhig viele Nistkästen aufhängen, ermuntert Sommer. Vogelliebhaber können in dieser Sache folglich nicht des Guten zu viel tun.“ Hierzu meldete sich eine Leserin mit dem Einwand, ihr sei gesagt worden, „dass man nur alle circa 50 Meter einen Meisenkasten aufhängen darf und das genau aus dem Grund, den Sie auch beschreiben: Das Nahrungsangebot ist ansonsten zu knapp für die Vögel“.
Hierzu wurde nun wiederum Joachim Sommer befragt. Vögel haben immer ein Revier, mehrere Nistkästen locken nicht mehr Brutpaare einer Art an, sondern das stärkste behauptet sich, antwortet Sommer. Zudem könnten die benachbarten Nistkästen von verschiedenen Arten wie Kohlmeise, Blaumeise, Haussperling et cetera besetzt werden und verschiedene Vogelarten suchen in der Regel in unterschiedlichen Nischen nach Nahrung. Außerdem hätten die meisten Höhlenbrüter Zweit- oder sogar Drittbruten. „Sie müssen dafür aber andere Kästen oder Höhlen benützen“, so Sommer weiter. Eine Zweitbelegung im gleichen Kasten und Jahr finde nicht statt. Sommers Fazit: „Das Ausbringen mehrerer Kästen, auch auf engem Raum, ist sinnvoll.“
Vorausgesetzt, es gibt überhaupt was zu Beißen. Hierzu braucht es Pflanzen und Kleingetier, am besten alles heimisch.
Unser heutiger Star ist zwar ein nordamerikanischer Einwanderer, aber im Garten immer noch besser als Schotter: die Gewöhnliche Mahonie, wissenschaftlich Mahonia aquifolium. Sie neigt ein wenig dazu, mit anderen verwechselt zu werden, zum Beispiel mit der Stechpalme und dem Lorbeer. Außerdem hat sie die überraschende Eigenschaft, nicht ins Bewusstsein zu rücken, obwohl sie üppig blüht. Kurz und gut, ich kenne die Mahonie aus der Familie der Berberitzengewächse erst, seit ich sie für ein Phänomene-Foto fast mit der Stechpalme verwechselt hätte. Sobald man sie jedoch kennt und bewusst wahrnimmt, begegnet sie einem oft. Sei es in Gärten, am Straßenrand oder im Unterholz eines Wäldchens. Vermutlich ist es im Freien, fern jeglicher Gärten, die Gewöhnliche Mahonie, die wild vor sich hinwächst.
Ursprünglich kommt sie aus dem Westen Nordamerikas und vollbrachte 1823 den Sprung über den großen Teich. Zunächst fasste sie in italienischen Gärten Fuß und landete später auch bei uns im Hausgrün, von wo aus der Schritt in die freie Natur gelang. Die Mahonie ist die offizielle Staatsblume des nordamerikanischen Staates Oregon.
Zur Gewöhnlichen Mahonie schreibt die Uni Ulm, dass der aus Nordamerika stammende Strauch bei uns zu einem beliebten Ziergehölz im öffentlichen Grün geworden sei und dies passiert: „Oft probieren Kinder im Herbst die schönen blauen Beeren. In manchen Jahren werden bei den Vergiftungszentralen über 4000 besorgte Anfragen registriert. Zu unrecht: Die Beeren der Mahonie sind ungiftig. In den USA wird mancherorts Marmelade daraus gekocht.“ Allerdings, muss man einschränkend dazu sagen, dass die Beeren in größeren Mengen zu Brechdurchfall führen können, wie die Informationszentrale gegen Vergiftungen in Bonn mitteilt. Zudem gibt es wohl Züchtungen, in denen der Alkaloidanteil in den Beeren erhöht sein kann.
Jetzt aber mal das Schöne, das es zu diesem Gewächs zu sagen gibt. Die Mahonie ist ein Strauch, dessen glänzende und mit Stachelzähnchen umrandete Blätter den Winter an der Pflanze überstehen – immergrün eben. Momentan zeigen sich ihre Blütenstände in einem wunderschönen Sonnengelb und wohl duftend.
Sie ist eine frühe Pollen- und Nektarquelle für die Insektenwelt. Wie in ihrer Pflanzenfamilie so üblich, verfügt sie über einen ganz besonderen Schleudermechanismus, der bei der Bestäubung hilft. In den kleinen Blüten liegen die Staubblätter außen den gelben Blütenblättern an. Sobald ein Insekt auf der Suche nach Nektar vorbeikommt und eines der Staubblätter berührt, klappt dieses zur Blütenmitte hin. Dabei gelangt Pollen auf das ahnungslose Tierchen. Die Staubblätter biegen sich wieder zurück und können nach einer gewissen Zeit erneut gereizt werden. Das ist schon mal unser erster Tipp für die Osterfeiertage. Schnappen Sie sich Ihren Nachwuchs, um die Zeit bis zur Osternestsuche zu überbrücken. Gehen Sie zur nächstgelegenen Mahonie und reizen die Staubblätter mit einem kleinen Halm. Ich hab’s probiert, es funktioniert und sieht schon faszinierend aus, wenn eine Pflanze einem so „antwortet“.
Ab August reifen an der Mahonie, die bis knapp zwei Meter groß werden kann, die purpurschwarzen, bläulich bereiften Beeren. In der Vogelwelt sind diese beliebt, was zur Verbreitung des Berberitzengewächses beiträgt. Das ist nicht ausnahmslos toll, denn die Mahonie ist ein Neophyt, wenn auch, Stand heute, nicht invasiv. Neophyten sind gebietsfremde Pflanzenarten, die nach der Entdeckung Amerikas 1492 zu uns kamen. Als invasiv werden Arten bezeichnet, die sich so stark und rasch ausbreiten, dass sie andere für den betreffenden Lebensraum charakteristische Arten verdrängen. In Deutschland wird die Art derzeit auf der Beobachtungsliste für Neophyten geführt.
„Vorsicht Massenvermehrung“, ist auf einem Informationsblatt des Österreichischen Bundesforstes zu lesen. Besonders in naturnahen Gebieten könne die Art große Bestände bilden, heißt es weiter, aber auch, dass die Blüten Bienennahrung anbieten und die Beeren Vögel erfreuen. Trotzdem lautet die Empfehlung, in Gärten auf Anpflanzung der Gewöhnlichen Mahonie zu verzichten.
Von einem Artensteckbrief zu Neubürgern in der saarländischen Tier- und Pflanzenwelt ist zu erfahren, dass die Mahonie sich relativ schnell etabliert haben muss. Seit 1841 soll es sie in Hamburg geben, seit 1882 wird sie als wild wachsend in Brandenburg geführt. Eine nachhaltige Verfremdung des Waldes durch den Nordamerikaner sei möglich. Durch die dichte Verbuschung könne die Naturverjüngung heimischer Gehölzarten beeinträchtigt werden. Lokal gebe es Einbürgerungen in Wäldern, insbesondere dort, wo Friedhöfe, Gärten und Parkanlagen direkt angrenzen. Verwilderungen resultieren entweder aus Aussaat durch Samen im Vogelkot oder durch das Wiederanwachsen von Bruchstücken an Gartenabfallstellen. Auch durch unterirdische Ausläufer vergrößern sich Bestände. „Die Ausbringung in die freie Landschaft sollte aus Vorsorgegründen unterbleiben“, rät auch das Landratsamt Ludwigsburg auf Nachfrage.
Nützlich kann das Gewächs dem Kunsthandwerker sein: Die Mahonie könne zum Färben von Wolle, Seide und Baumwolle verwendet werden. Die Beeren färben blau-violett und die innere Rinde des Sprosses und der gelben Wurzeln der Mahonie färben gelb. Bittermittel aus Mahonienrinde sind von nordamerikanischen Indianern innerlich medizinisch genutzt worden, davon werde aufgrund des mutagenen Risikos allerdings abgeraten, ist auf spektrum.de zu lesen. Der Gattungsname Mahonia sei nach dem amerikanischen Gärtner und Botaniker Bernard MacMahon benannt. Der Artname aquifolium setzt sich aus acus (Spitze) und folium (Blatt) zusammen und weise auf die stachelspitzigen Blattzähne hin. Heute wird die Mahonie wohl noch in Salben und Tinkturen beispielsweise bei Psoriasis, Hautausschlägen und Akne verwendet.
Die Mahonie ist irgendwie ein Zwischending zwischen klasse und aufdringlich, wie viele andere Wesen auch. Falls sie irgendwo zu üppig wächst, hier unser VKZ-Tipp zu Ostern: Wie die heimische Stechpalme könnte sie an Palmsonntag 2020 als Palmwedeldouble zum Einsatz kommen.
Und wem für Ostern noch ein sinnvolles Mitbringsel fehlt oder wer sich selbst eine Freude machen will – vielleicht gibt es im Garten noch Plätzchen für Nistkästen. In diesem Sinne: frohe Ostern.
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de


