Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Dem Wolligen Schneeball wird vom Trauer-Rosenkäfer ein wenig die Show geklaut. Foto: Rücker

    Dem Wolligen Schneeball wird vom Trauer-Rosenkäfer ein wenig die Show geklaut. Foto: Rücker

Liebe Leser,
es sollte hier um den schönen Schneeball gehen, die Pflanze mit der derzeit üppigen Blütenpracht. Doch das fast noch spektakulärere Wesen streckt aus Versehen sein Hinterteil in die Kamera.

Schon gut, wenn man mal ausgetretene Pfade verlässt. Wobei ich finde ja, man sieht auch auf altbekannten Wegen in der Natur jeden Tag etwas Neues. Jedenfalls verlief die Morgenrunde neulich nicht rund um Aurich, sondern gemeinsam mit einer Freundin auf Großglattbacher Markung. Dort in der Höhe, am schönen Waldsaum entlang, wächst in voller Pracht und Schönheit der Schneeball in Vielzahl. Ich muss gestehen, dass ich diese prächtigen Gewächse für Gartenflüchtlinge hielt, die somit als nicht heimisch gelten würden. Dabei ist es eher andersherum: Der Wollige Schneeball wird auch gerne mal im Garten gepflanzt. Zwei Arten sind bei uns einheimisch: der Gewöhnliche Schneeball, wissenschaftlich Viburnum opulus und der Wollige Schneeball, Viburnum lantana.

Die Gattung Viburnum der meist sommergrünen, seltener immergrünen Gehölze umfasst rund 200 Arten in den gemäßigten und subtropischen Zonen der Erde, berichtet der Botanische Verein Bochum. Hinzu kommt die Vielfalt der gezüchteten Gartensorten, wie des winterblühenden Bodnants Schneeball, der mit rosa Blüten am kahlen Geäst entzückt. Auf jeden Fall abzuraten ist hier wie immer von gefüllten Sorten. Bei ihnen gibt es in der Regel weder für Insekten, noch später für die Vogelwelt was zu holen.

Ich behaupte jetzt einfach mal mutig, dass es sich bei dem abgelichteten Exemplar um den Wolligen Schneeball handelt – ohne Gewähr, denn wer weiß, welche Kreuzungen es in den Großglattbacher Gärten gibt und ob sie nicht doch einmal entsprungen sind.

Aber der Blühzeitpunkt passt schon mal zum Wolligen Schneeball, der von April bis in den Juni seine Blüten ausbildet. Der Strauch wird zwei bis vier Meter hoch. Wenn man an den Blüten schnuppert, dann denkt man kurz „ah, gut“, bis der Geruch irgendwie etwas widerlich wird und einen schauern lässt. Der Schneeball mag laut Floraweb.de des Bundesamts für Naturschutz Wälder und Gebüsche trockenwarmer Standorte. In Sachen Verwandtschaftsverhältnisse erklärt der Botanische Verein Bochum: „Nach genetischen Analysen stellt man sie heute aus rein formellen Gründen zu den Moschuskrautgewächsen, den Adoxaceae.“ Damit ist sie direkt mit dem Holunder in einer Familie platziert.

Als Gartenpflanze machen spezielle Sorten derzeit beispielsweise Albrecht Hüeber aus Vaihingen glücklich, der sich über die Blütenpracht seiner Sorten Viburnum opulus Roseum sowie Eve Price, einer immergrüner Variante, freuen kann. Die beiden Wildformen gelten laut Giftzentrale Bonn als gering giftig durch Cumarine und Diterpene. Schwerwiegende Verläufe seien in den vergangenen 100 Jahren nicht berichtet worden. Nach Verzehr giftiger Pflanzenbestandteile komme es zu Magen-Darm-Beschwerden mit Übelkeit, Brechreiz und Durchfall. Schwerwiegende Vergiftungsanzeichen blieben jedoch in der Regel aus.

Die Steinfrüchte des Wolligen Schneeballs sind zunächst rot und später schwarz glänzend. Sie reifen zwar ab September, bleiben aber den Winter über noch getrocknet an den Zweigen hängen.

Die Stiftung Mensch und Umwelt listet die beiden heimischen Schneebälle bei der Aktion „Deutschland summt“ als bienenfreundliche Pflanzen auf, das ist ja auf jeden Fall eine gute Sache. Der Schneeball-Glasflügler, ein ganz hübscher Vertreter einer besonderen Schmetterlingsfamilie, ist für seine Raupen auf die Schneeballbüsche angewiesen. „Bienen, Schmetterlinge, Fliegen, Käfer“, sind laut „Deutschland summt“ die Bestäuber. Und, als bräuchte es einen Beweis, sitzt prompt ein feister Käfer auf den kleinen Blüten der Trugdolden des Großglattbacher Strauches.

Ein Käfer halt, dachte ich so beim Fotografieren. Es kristallisierte sich jedoch schon bald heraus, dass es sich vermutlich um eine besondere Art handelt. Von der Statur her tippte ich auf einen Vertreter der Blatthornkäfer, Scarabaeidae. Dann konnte es eigentlich nur der Trauer-Rosenkäfer, Oxythyrea funesta, sein. Also weiter in den Tiefen des weltweiten Datennetzes gewühlt und auf einen Beitrag des Entomologischen Vereins Stuttgart gestoßen. Johannes Reibnitz schreibt darin 2012 zu dieser Käferart von dauerhaften Vorkommen in wärmebegünstigten Gebieten von Baden, Hessen, Rheinland-Pfalz und Bayern. „In anderen ehemaligen Siedlungsräumen, zum Beispiel Württemberg, war Oxythyrea funesta verschwunden und trat erst vor kurzem wieder in Erscheinung. In den letzten Wärmejahren hat sie sich ausgebreitet und ist deutlich häufiger geworden“, so der Insektenkundler weiter. Den ersten Wiederfund für Württemberg habe es nach mehr als 80 Jahren gegeben. Reibnitz hat den Burschen 2011 am Geigersberg in Ochsenbach und in Horrheim gefunden.

Andreas Haselböck, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Rosensteinmusuem in Stuttgart, bestätigt nach Sichtung des Fotos den Fund in Großglattbach: „Ja das ist ein Trauer-Rosenkäfer. Die Käfer sind zwar selten, aber in geeigneten Habitaten in Baden-Württemberg und Hessen regelmäßig zu finden. Die Bedrohung geht vor allem von Lebensraumverlusten aus.“ Auf der Roten Liste Bayerns gilt die Käferart als vom Aussterben bedroht, in Deutschland als stark bedroht – allerdings können diese Einschätzungen aufgrund der Ausbreitung seit den 90er-Jahren auch überholt sein.

Der schwarz glänzende, rund einen Zentimeter lange Rosenkäfer mag die Wärme an Waldrändern und auf blütenreichen Wiesen. Die erwachsenen Käfer tauchen ab dem Frühjahr in der Landschaft auf und ernähren sich von Blütenpollen. Nach der Paarung legt das Weibchen die Eier in den Boden, wo die Larven sich anschließend vom Wurzelwerk diverser Pflanzenarten ernähren. Bei der Verpuppung ist das Tier rund dreimal so groß wie der geflügelte Käfer, der dann im Herbst schlüpft, aber noch bis zum Frühjahr in der Erde bleibt.

Die anderen heimischen Vertreter der Rosenkäfer kommen vor allem in metallischem Glanz und Goldgrün daher. Der Zottige Rosenkäfer allerdings kann aufgrund seines Aussehens durchaus mit seinem trauernden, dunklen Kollegen verwechselt werden. Bei der Frage danach, ob es sich bei den Rosenkäfern um Schönlinge oder doch eher Schädlinge handelt, muss Ersteres bejaht werden, denn schön sind sie auf jeden Fall und geschützt in der Regel auch. Schäden können sie unter Umständen bei Massenbefall an Blüten anstellen. Wobei sie eher als Nützlinge gelten sollten, da die Larven der grünschimmernden Arten an moderndem Holz oder in Komposthäufen zur Humusbildung beitragen. Ich erinnere mich mit wohligem Schauer daran, als eine Generation grüner Rosenkäfer aus der Polsterholzwolle meines alten Sofas austrat. Aber davon hatte ich ja schon mal berichtet.

Wem jetzt der Kopf schwirrt vor lauter Käfer- und Pflanzeninfos, der kann sich ja beim Bogenschießen oder Flechten wieder sammeln. Da leistet der Wollige Schneeball gute Dienste. „Die biegsamen jungen Zweige wurden früher zum Binden von Garben und für allerlei Flechtarbeiten verwendet“, heißt es auf den Seiten des Nationalparks Donauauen. Beim Mann aus dem Eis, dem „Ötzi“, sei ein Köcher gefunden worden, der zwei schussbereite Pfeile und zwölf Rohschäfte enthalten habe. „Die unfertigen Schäfte weisen eine Länge von etwa 85 Zentimeter auf und sind aus den Ästen des Wolligen Schneeballs gefertigt“, heißt es auf der österreichischen Internetseite weiter. Interessant sei, dass Ötzi Gegenstände aus insgesamt 18 verschiedenen Holzarten mit sich führte. „Er verwendete dabei für jedes Gerät das am besten dafür geeignete Holz, was beweist, dass er ausgezeichnete Kenntnisse der natürlichen Ressourcen sowie deren geeignetste Einsatzmöglichkeiten hatte!“, schwärmen die Autoren.

Mannomann, wer kann heute noch 18 Holzarten unterscheiden. Moment, ich hab’ da so ’ne App ...

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s.ruecker@vkz.de

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