Liebe Leser,
da läuft man 1000-mal an was vorbei, bis einem schlagartig dessen Schönheit bewusst wird. So geschehen beim Gewächs in Nachbars Garten, das kürzlich durch lautes Brummen auf sich aufmerksam machte.
Natürlich kam das Brummen nicht von der Pflanze selbst, sondern von einer dicken Hummel. Diese hatte sich an jenem kalten Morgen an den eigenartigen Blüten zu schaffen gemacht. Wie schön doch diese an einer Straßenlaterne hochwachsende und verholzte Pflanze blüht. Kurz danach kam mir etwas Ähnliches in einem kleinen Wäldchen unter, und dann ploppte aus einer Hirnecke ein Stichwort auf: Lonicera. Unser Landesvater Winfried Kretschmann hätte dann vielleicht von einem grünen Hirnfurz gesprochen, so wie neulich, nur ausnahmsweise mal im positiven Sinne. Ach Hirnfurz, was für ein unglaubliches Wort. Wie lange hat man das schon nicht mehr gehört, einen dicken Dank in Richtung Villa Reitzenstein.
Nun aber zurück zu Lonicera, das ist die Gattung der Heckenkirschen, die mit rund 120 Arten zur Familie der Geißblattgewächse gehört. Gekennzeichnet sind die Heckenkirschen unter anderem durch die meist zygomorphen Blüten – sie verfügen nur über eine Symmetrieebene. Die Oberlippe dieser Blüte ist vier-, die Unterlippe einzipfelig, und sie schmeichelt, finde ich, dem menschlichen Auge. Die Pflanzen sind verholzte Sträucher oder windende Lianen. Irgendwie etwas undurchsichtig wird es, sobald man herausfinden möchte, welche Arten eigentlich als einheimisch gelten.
Hierzu zählt sicher die Rote Heckenkirsche, wissenschaftlich Lonicera xylosteum. Sie ist ein sommergrüner Strauch, dessen Artzusatz xylosteum im Namen dem knochenartigen Holz geschuldet ist, xylos von Holz, osteon von Knochen. Die knallroten Beeren sind giftig und bestimmt für Kinder besonders verlockend. Das Bundesinstitut für Risikobewertung schätzt die Giftigkeit der Beeren als leicht giftig ein. „Bei mehreren Beeren Magen-Darmbeschwerden“, heißt es in der Broschüre. Allerdings: Der Genuss größerer Mengen Beeren oder Samen soll Apathie, Herz-Kreislauf-Störungen, Fieber sowie Krampfanfälle verursachen, warnt die Giftzentrale Bonn. Bei Vögeln sind die Früchte beliebt, und sie schaden ihnen auch nicht. „Die Rote Heckenkirsche besitzt ein flaches, weitstreichendes Wurzelsystem und wächst leicht an, sodass sie für Schutzpflanzungen aller Art geeignet ist“, ist auf der Internetseite der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft zu erfahren. Sie sei eine Schmetterlingsfutterpflanze und ein Vogelschutz-, Nähr- und Nistgehölz. Das außerordentlich harte und zähe Holz sei früher für Holznägel, Pfeifenrohre und Peitschenstiele verwendet worden. Die Rote Heckenkirsche wird im Bienenweidenpflanzenkatalog Baden-Württembergs aufgrund des sehr guten Nektarangebots aufgelistet.
Will man nun die Schwesternart Lonicera caprifolium, unter anderem auch als Jelängerjelieber und Wohlriechendes Geißblatt bekannt, vorstellen, stolpert man ein wenig über die Frage: einheimisch oder nicht? Bei Folarweb, der Seite des Bundesamts für Umweltschutz, gilt Lonicera caprifolium mit den weiteren volkstümlichen Namen Echtes oder Garten-Geißblatt als einheimisch. In meinem guten und vor allem alten Schmeil-Fitschen-Bestimmungsbuch „Flora von Deutschland (...)“ sind sieben Arten gelistet, die teils als eingebürgert gelten. Bei Jelängerjelieber wird als Heimat Südosteuropa angegeben. Unter spektrum.de ist zu erfahren, dass Lonicera caprifolium wahrscheinlich aus dem nördlichen Mittelmeerraum stamme und bei uns seit Jahrhunderten kultiviert werde und oft verwildert sei. Also gut, sei’s drum, Lonicera caprifolium steht jedenfalls ebenfalls im hiesigen Bienenweidepflanzenkatalog mit einem guten Nektarangebot.
Zum lustigen deutschen Namen Jelängerjelieber gibt es verschiedene Erklärungsversionen, eine davon lautet, dass die Blüten immer besser duften, je länger man dran riecht. Beim Karlsruher Institut für Technologie, kurz KIT, heißt es zudem, dass sie so heißt, weil sie von Mai bis spät in den September hinein durchgehend blüht.
Es ist nicht so ganz leicht zu durchschauen, was man da eigentlich vor sich hat, wenn man das Gewächs am Laternenpfahl nur so im Vorbeihuschen anguckt. Es ist ein kletterndes, sommergrünes Gehölz, das mit Unterstützung eines Baumes oder Pfeilers oder eben einer Straßenlaterne, bis zu zehn Meter hoch emporklettern kann. Ich behaupte mal ganz frech, dass es sich bei der nachbarlichen Pflanze am Laternenpfahl ebenfalls um Lonicera caprifolium handelt, also um das Garten-Geißblatt. Schmetterlinge haben nicht nur am Nektar ihre Freude, sondern mitunter auch als Raupen, wie im Fall des Blauschwarzen Eisvogels.
Die Blüten sollen ihren betörenden Duft vor allem für Nachtschmetterlinge besonders intensiv nach Mitternacht verströmen. Wie die Pflanze diese nächtliche Duftintensivierung regelt, erklären die Experten des botanischen Gartens am KIT: Dirigiert werde dieses Geschehen von einem Pflanzenhormon namens Jasmonsäure. Der Name erinnere daran, dass dieses Hormon ursprünglich als Bestandteil des Jasmindufts entdeckt wurde. Die Pflanze arbeitet hierbei mit einem Sehfarbstoff. „Während des Tages wird Jasmonsäure durch den Sehfarbstoff Phytochrom unterdrückt, der durch das Sonnenlicht aktiviert und infolge dieser Aktivierung später abgebaut wird“, heißt es beim KIT.
Wenn nun nach Sonnenuntergang das am Nachmittag aktivierte Phytochrom verschwindet und aufgrund der Dunkelheit kein weiteres Phytochrom mehr angeschaltet werde, „verklingt gewissermaßen die Erinnerung des Tages, bis schließlich die Jasmonsäure geweckt wird“ – ach, das haben die Experten aber poetisch beschrieben. Als „wilder Bruder“ des Jelängerjelieber wird vom Nabu Bremen das Waldgeißblatt bezeichnet. Das Garten-Geißblatt oder Jelängerjelieber stamme aus Südeuropa und wird schon lange kultiviert. In der freien Natur kommt es verwildert vor, die Unterscheidung vom hier einheimischen Waldgeißblatt sei nicht einfach. Beide brauchen eine Rankhilfe. Das Waldgeißblatt wächst jedoch mehr als doppelt so hoch, bis zu 25 Meter. Da das Garten-Geißblatt anfällig für Mehltau ist, werde es nicht mehr an Mauern und zur Fassadenbegrünung genutzt, so der Nabu. Als Rankpflanze an Zäunen und luftigen Lauben sei es allerdings geeignet und müsse höchstens jährlich beschnitten werden.
Ich darf’s verraten: Rita und Karl-Heinz Neuhaus sind die glücklichen Besitzer des Prachtstückes an der Auricher Laterne. Gepflanzt wurde das Geißblatt im Jahr 1992, es trug den Namen Honeysuckle, erinnert sich Rita Neuhaus. Das passt zur Vermutung, dass es sich um Lonicera caprifolium handelt, denn das Garten-Geißblatt trägt diesen englischen Namen. Die Auricherin erzählt, dass Vögel, vermutlich Spatzen, ihren nächtlichen Spaß hoch oben in der Liane haben. Wenn sie schlaflos aus dem Fenster blicke, sei im Zeitraum zwischen 4 und 4.30 Uhr morgens ein Spektakel in der Laternenpflanze zugange. Es scheine gerade so, als ob die Vögel sich besonders unter den Flügeln mit dem Blütenduft benetzten, anschließend in die Fichte fliegen, und dann sei Ruhe. Auch der Spatz von Welt schätzt eben die süßherbe Duftnote. Ein Phänomen, dem wir vielleicht mal in den Phänomenen weiter nachgehen sollten.


