Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Die Zaunrüben-Sandbiene sammelt Pollen.

    Die Zaunrüben-Sandbiene sammelt Pollen.

Liebe Leser,

der Parkplatz vom Enztalbad in Vaihingen ist für mich ein Quell der Freude. Wieso? Schuld ist unter anderem ein Maschendrahtzaun.

Nun sind ja Parkplätze nicht unbedingt als ein Hort des Artenschutzes in unserem Bewusstsein verankert. In der Regel sind die Flächen dort versiegelt und die Welt ist eher blütenlos, trist und grau.

Ein anderes Bild zeigt sich am hinteren Parkplatz des Enztalbads. Da fängt die Erholung für mich schon beim Blick über die Parkfläche an. Zwar setzen sich ab und an Steinchen im Profil des Autoreifens fest, dafür ist der Boden nicht versiegelt und erinnert irgendwie an gute alte Zeiten – wie auch immer diese zu definieren sind. Derzeit winken massenweise Mohnblüten vom Trennstreifen der Parkbuchten. Und am Maschendrahtzaun, der das Schwimmbad vor ungebetenen Gästen vom Parkplatz oder umgekehrt schützt – wer weiß das schon – rankt sich eine Zaunrübe empor. Als ich eines Tages so vor mich hinparkte, schweifte mein Blick über das attraktive Unkraut und ich bemerkte, dass etwas daran herumschwirrte. Das ist natürlich unwiderstehlich und so stellte ich mich an den Zaun, um mal wieder beglückt auf die kleine Lebewelt zu glotzen.

An einer Zaunrübenblüte schaufelte sich eine Biene mit Pollen voll. Das bedeutete zweierlei: Ich habe die Zaunrübe erkannt und das Insekt könnte die Wildbiene aus dem Jahr 2015 sein, die Zaunrüben-Sandbiene. Ist sie auch, wie mir ein Experte vom Arbeitskreis Wildbienen-Kataster Baden-Württemberg bestätigt. Seit dem Jahr 2013 macht dieser sowie die Landesanstalt für Bienenkunde und die Imkerverbände Baden-Württembergs mit dem Titel Wildbiene des Jahres auf deren Gefährdung aufmerksam.

Die Zaunrüben-Sandbiene, wissenschaftlich Andrena florea, mag wärmebegünstigte Flussgebiete, was ja zum Fundort an der Enz passt. „Die Zaunrüben-Sandbiene gehört zum runden Drittel unserer Wildbienenarten, das beim Blütenbesuch extrem wählerisch ist“, heißt es in dem Flyer, der die Wildbiene des Jahres 2015 vorstellt. Die Weibchen sammeln den für die Nachkommen überlebenswichtigen Pollen ausschließlich an den Blüten der Zaunrübe, ist dort weiter zu erfahren. Also: Bitte, bitte, bitte die Zaunrübe einfach mal wuchern lassen, falls sie in Ihrem Garten aufkommt. Vorausgesetzt, dort tummeln sich keine kleinen Kinder, denn die Zaunrübe ist rundweg giftig.

Weltweit gibt es zwölf Zaunrübenarten, in Mitteleuropa zwei. Unsere häufigste Zaunrübenart ist die Zweihäusige oder auch Rotfrüchtige Zaunrübe (Bryonia dioica). Sie bildet männliche und weibliche Blüten, die an unterschiedlichen Individuen wachsen, was der Pflanzenkundler als zweihäusig oder diözisch bezeichnet. Die andere Art hat an einer Pflanze männliche und weibliche Blüten und heißt Weiße oder Schwarzfrüchtige Zaunrübe.

Dank einer rübenartigen Wurzel ist die Zaunrübe, eine Vertreterin der Kürbisgewächse, ausdauernd und treibt Jahr für Jahr im Frühjahr wieder kletternden Stengel aus. „Versucht man eine Zaunrübe mitsamt ihrer Wurzel aus dem Garten zu entfernen, ist größte Vorsicht geboten. Der Saft der Zaunrübe einschließlich der Wurzelknolle ist stark giftig! Gelangt der Saft der Zaunrübe auf die Haut, verursacht er Hautreizungen und sogar Blasenbildungen“, ist im Beiheft zu einer Kürbisgewächseausstellung der Uni Kassel zu erfahren. Die Wurzel lasse sich nicht ohne größere Erdarbeiten aus dem Boden ausgraben. Sie könne bis mehrere Kilogramm schwer und mitunter armdick werden, heißt es dort weiter. Potzblitz, wer hätte das gedacht. Also am besten gleich wachsen lassen.

Mit Hilfe von lustig anzusehenden Ranken rückt sie sich in ihrem Lebensraum zurecht. Und schon allein diese Ranken, die wie Luftschlangen aufgewickelt auf ihre große Stunde warten, lassen mich diese Pflanze lieben. Wenn diese pflanzlichen Halteseile ihren Dienst tun und das Grünzeug irgendwo fest verankern, sehen sie aus wie grüne Korkenzieherlocken auf Abwegen. Die zarten Pflanzenstielchen führen irgendwann suchend-rotierende Bewegungen aus, bis sie gegen einen Widerstand stoßen. Dann versucht die Ranke, dieses Hindernis zu umschlingen. Gelingt ihr das, stellt die Spitze der Ranke ihr Längenwachstum ein und die Basis beginnt sich zu rollen, um die Pflanze an die Stütze heranzuziehen. „Nach Berührung krümmen sich die junge Ranken schon nach wenigen Minuten. Dieser Vorgang ist so erstaunlich, dass ihn jeder Leser einmal selbst auslösen sollte, wenn er eine Bryonia entdeckt“, schreiben die Kürbis-Experten der Uni Kassel.

In der Antike hat man die Wurzel gegen Epilepsie und Schwindel, später gehen Rheuma, Gicht und als starkes Abführmittel verwendet. Heute setzt man sie nur noch in der Homöopathie ein. Die Zaunrübe spielte einstmals nicht nur in der Medizin, sondern auch im Aberglauben eine große Rolle, steht weiter im Katalog der Uni Kassel. Kranke hofften auf Genesung, wenn sie aus der ausgehöhlten Wurzel der Zaunrübe tranken. „Die Mädchen vom Niederrhein schnitten sich Scheiben aus der Wurzel und legten sie in ihre Schuhe, wenn sie zum Tanzen gingen. Sie meinten, dadurch für ihre Tänzer besonders anziehend zu sein“, heißt es weiter.

Nun aber zurück zu unserer Wildbiene. Ich habe wohl ein Weibchen erwischt, das Pollen für die Nachkommen sammelt. Nektar gibt es sowohl bei den weiblichen als auch bei den männlichen Blüten zu holen. Den Blütenstaub und Nektarvorräte schafft Mutter Sandbiene später mit den Eiern ins Nest. Dieses baut die Zaunrüben-Sandbiene gut getarnt im Boden und hierzu bevorzugt sie, was es bei dem Parkplatz hinten am Freibad zum Glück noch gibt: schütter bewachsene Stellen oder gleich ganz vegetationsfreie Stellen, die gerne durch Fahrspuren verdichtet sein dürfen, ist im Buch „Die Wildbienen Deutschlands“ von Paul Westrich zu erfahren.

Der Nesteingang ist lediglich ein kleines Loch, das in das unterirdische „Bergwerk“ der Biene führt. „So unauffällig der Nest-eingang, so spannend ist der Blick in die Brutkammern der Sandbienen. Hier ernähren sich die Larven von den Pollen- und Nektarvorräten, die die Mutterbiene eingetragen hatte, bevor sie den Nesteingang mit einem Pfropf aus Erde und Körpersekreten verschloss und starb“, führt der Wildbiene--Flyer aus. Während der Versorgungsphase bleiben die Nester laut Westrich jedoch zunächst offen und werden nur in der heißen Mittagszeit verschlossen. Diese Bienenart mag durchaus eine gewisse Nähe zu den Artgenossen. Westrich berichtet von Kolonien mit bis zu 100 Nestern. Wer jetzt gleich ein wenig in Panik gerät, der kann beruhigt werden: Wildbienen müssen keinen großen Honigvorrat verteidigen und haben deshalb nur einen sehr kleinen Stachel, der nicht durch die menschliche Haut stechen kann – das ist auf der Internetseite der Aktion „Mühlacker summt“ zu lesen. Die Flugzeit dieser Wildbienenart reicht von Ende Mai bis Anfang August.

Das Schicksal von Andrena florea hänge davon ab, ob sie genügend große Bestände der Zaunrübe findet. Leider werde diese allzu häufig als „Unkraut“ beseitigt, weshalb die Bienenschützer vom Wildbienen-Flyer für mehr Toleranz gegenüber dieser oft spontan aufkommenden Pflanze plädieren. Zur Unterscheidung von Honig- und Sandbiene ist zu erfahren, dass die Weibchen der Sandbienen im Gegensatz zur Honigbiene dicht und vollständig behaarte Hinterbeine haben, an denen sie den Pollen transportieren. Wer sich also schon lange über seine vollständig behaarten Beine ärgert, dem sei gesagt: Es gibt sicherlich einen guten Grund dafür, wir haben ihn nur noch nicht erkannt. Bis dahin kann ja weiterhin als glattrasierte Honigbiene oder als etwas fülligere Hummel durchs Freibad geschwebt werden.

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s.ruecker@vkz.de

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