Liebe Leser,
das Weichtier des Jahres 2019 ist eine Schnecke – und was für eine! Die Gemeine Heideschnecke lebt auf trockenen Standorten und hängt bei großer Hitze hoch oben am Grashalm herum.
Es ist nahezu unglaublich, aber es gibt Schnecken, die wahre Sonnenkinder sind. Gartenbesitzer dürften bei Schnecken vor allem an all die Nacktschnecken denken, die ihnen das Leben schwermachen und durch die Feuchtigkeit des frühen Morgens kriechen. Ebenfalls noch gut bekannt ist unsere Weinbergschnecke mit dem wissenschaftlichen Namen Helix pomatia und in Vaihingen vielleicht noch der Schlachtruf der Auricher, „Schneck’ rutsch“.
Neulich saßen kleinere Gehäuseschnecken in Vielzahl in der Mittagshitze oben am Grashalm auf einer Wiese vor der spektakulären Roßwager Halde. Es sind Heideschnecken. Heideschnecken leben in offenen Landschaften zwischen Krautvegetation. Viele Arten sind wärmeliebend, sodass sie an sonnenexponierten Böschungen oder Hängen ideale Lebensräume finden, berichtet die Deutsche Malakozoologische Gesellschaft (DMG). Sie ruft das Weichtier des Jahres aus, das in diesem Jahr mit Helicella itala die Gemeine Heideschnecke ist. Weichtiere, wissenschaftlich Mollusca, sind die tolle Tiergruppe zu denen neben den Schnecken unter anderem auch die Muscheln und Kopffüßer zählen. Heideschnecken, ist im Flyer zum diesjährigen Weichtier-Star zu erfahren, sind nur bei Regenwetter oder bei ausreichender Luftfeuchtigkeit (zum Beispiel nachts) aktiv. Trockenzeiten im Sommerhalbjahr überdauern sie, indem sie an Pflanzen hochklettern und erhöht sitzen bleiben. Dieses Verhalten sei bei Arten in Trockenbiotopen besonders auffällig, komme aber auch bei anderen Schneckenarten vor, die an Mauern oder Bäumen emporklettern und in Trockenstarre auf feuchtes Wetter warten. Dadurch seien sie während der Trockenstarre zumindest nicht Angriffen von Fressfeinden in Bodennähe (Raubinsekten, Spinnentieren und Kleinsäugern) ausgesetzt. Außerdem können die ruhenden Schnecken schon geringe Feuchtigkeitsmengen direkt erhalten, sofort nutzen und wieder aktiv werden.
Auf offenen Flächen schütze das Emporklettern auch vor zu starker Erhitzung am Boden. In Ruhephasen verschließen die Schnecken die Gehäuse-Mündung zum Schutz vor Austrocknung mit Häutchen aus erhärtetem Schleim. Halten Sie sich fest: Wüstenschnecken können laut der DMG sogar mehrere Jahre in Trockenstarre bleiben und danach aktiv weiterleben. Heideschnecken und ihre Verwandten sitzen in Trockenstarre manchmal in großen Gruppen an Pflanzen oder auch an Baumaterialien. Diese kleinen heimischen Schneckchen werden sehr leicht durch Menschen verschleppt, zum Beispiel wenn sie in Autos hineinkriechen und einfach irgendwohin mitfahren.
Heideschnecken ernähren sich von modernden oder faulenden Pflanzenteilen, sie fressen nur sehr selten die Blätter oder Stängel von frischen, grünen Pflanzen oberflächlich an. Auch durch das Fressen von Tierkot, zum Beispiel von Kaninchen oder Schafen, decken sie ihren Nahrungs- und Mineralbedarf.
Heideschnecken haben in Deutschland ihre Fortpflanzungsperiode meist ab Spätsommer oder Herbst. Die Tiere werden geschlechtsreif und paaren sich. Bei mildem Winterwetter oder nach kurzer Winterpause bleiben die erwachsenen Tiere sogar aktiv bis ins Frühjahr.
Es ist leider wie so oft bei den Lebewesen des Jahres: Die Gemeine Heideschnecke Helicella itala wird in diesem Jahr gehuldigt, weil sie in Deutschland in ihrem Bestand gefährdet ist und gefährdete Biotope bewohnt. Früher war Helicella itala eine sehr häufige Schnecke, die fast überall an Wegrändern und auf ungenutzten offenen Flächen zu finden war. Heute ist sie vielerorts auf die eigentlichen Trockenrasen beschränkt. Pestizideinsatz auf landwirtschaftlichen Flächen seien für sie ebenso schädlich wie dichtes Pflanzenwachstum durch Nährstoffeintrag, heißt es von der DMG. Mahd zu ungeeigneter Zeit gefährde die Schnecken, zum Beispiel blieben den Tieren bei Hitze nicht genügend Pflanzen zum Klettern. Einst kamen auch Jungschnecken mit Saatgut auf die Felder und wurden durch Wanderschafherden auf Magerrasen verbreitet. Diese für Trockenrasen geeignete Biotoppflege sei heute fast nur noch auf Naturschutzgebiete beschränkt. Für Helicella itala sei außerdem problematisch, dass sie von den konkurrenzfähigeren eingeschleppten Verwandten verdrängt wird, die mit veränderten Bedingungen auf Trockenrasen, zum Beispiel durch verstärkte Wetterextreme bedingte längere Trockenphasen und Starkregenereignisse, die Boden wegschwemmen, besser zurechtkommen.
Unser diesjähriger Schneckenstar Helicella itala ist anhand des Gehäuses oft nur schwer von den ähnlichen Verwandten Rotmündige Heideschnecke Cernuella neglecta und der Östlichen Heideschnecke Xerolenta obvia zu unterscheiden. Nun kommt die Rotmundige Heideschnecke im Ländle nicht vor. Dafür leben im Vaihinger Raum die sehr ähnlichen Heideschneckenarten Xerolenta obvia und Helicella itala, lässt Dr. Vollrath Wiese in Cismar in Ostholstein auf Nachfrage wissen. Er ist Ansprechpartner und Vorsitzender der Deutsche Malakozoologischen Gesellschaft, welche den Titel für die Weichtiere vergibt. Außerdem ist er im 400-Seelen-Ort Cismar Museumsleiter des privaten Naturmuseums Haus der Natur, in dem sich vor allem Schnecken- und Muschel-Fans beim nächsten Urlaub in Norddeutschland sattsehen könnten. Die Sammlung von Schnecken- und Muschelschalen sei besonders reich an ungewöhnlichen Stücken und mit mehr als 5000 ausgestellten Arten Deutschlands größte derartige Ausstellung. Sie biete einen übersichtlichen Einblick in die fast unermessliche Vielfalt dieses zweitgrößten Tierstammes mit Schalen von Sandkorngröße bis zu einem Meter Länge in allen Farben und Formen, heißt es auf der Homepage des Museums.
Etwas prüdere Naturelle sollten die folgenden Zeilen vielleicht überspringen. Denn Heideschnecken besitzen, wie die meisten Arten ihrer Verwandtschaft, kalkige Liebespfeile, die bei der Paarung zum Einsatz kommen. Die Tiere sind zwittrig, bei der Kopulation kann jeder Partner Spermien abgeben und erhalten. Liebespfeile sind bei Helicella itala in zwei Pfeilsäcken angelegt. Bei der Paarung werden beide Pfeile in den Körper des Partners gestoßen und in rascher Folge bewegt, dabei werden hormonähnliche Drüsensekrete übertragen. Diese dienen wie bei Weinbergschnecken vermutlich dazu, im Wettkampf mit Konkurrenten die eigenen Chancen auf Vaterschaft zu erhöhen.
Ein bis drei Wochen nach der Paarung legen die Tiere 25 bis 70 weiße Eier als Gelege im Erdboden ab. Nach etwa vier bis fünf Wochen schlüpfen aus den 1,2 bis 1,6 Millimeter großen Eiern die winzigen Jungschnecken. Sie haben bereits ein spiraliges Gehäuse, leben selbstständig und ernähren sich wie die erwachsenen Heideschnecken. Sie werden mit etwa einem Jahr fortpflanzungsfähig und erreichen ein Lebensalter von zwei bis drei Jahren.
Helicella itala steht in Baden Württemberg auf der Vorwarnliste der bedrohten Arten, genauso die Östliche Heideschnecke Xerolenta obvia. Welche von beiden Arten ich wohl fotografiert habe? Dr. Otto Linck berichtete in „Der Weinberg als Lebensraum“ von 1954 von zwei gebänderten kleinen Heideschnecken, von denen die ostkontinentale obvia im Weinbergraum häufiger ist als die itala. Vielleicht gilt das heute auch noch. Lernen können wir von beiden was: große Hitze einfach mal in einer Trockenstarre überdauern.
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