Liebe Leser,
„brummt die auch?“, lautete neulich die mit etwas Hysterie angehauchte Frage des Liebsten, als ihm unser heutiges Tier um den Kopf herumschwirrt.
Mein Gegenüber sitzt wie ich an jenem lauen Abend über dem Auricher Sportplatz. Dort geht auch bei tropischer Hitze fast immer ein kühles Lüftchen und es gibt feines Essen. Die Idylle wird gestört, als der Lebensgefährte mit deftigen Worten und wildem Gefuchtel ein Insekt aus seinem Dunstkreis vertreiben will.
Auch mein Puls steigt für einen kurzen Moment, denn er ist auf Bienen- und Wespengift allergisch. Aber es zeigt sich schnell, dass es sich um eine Schwebfliege handelt, die für uns Menschen völlig ungefährlich ist. Auf mein beruhigendes Mantra „nureineschwebfliege, nureineschwebfliege“ hin, folgt eben jener Einwand: „Brummt die auch?“ Herrje! Gute Frage! Kurze Zeit später hab ich sie am Ohr und es ist in der Tat so: Die Schwebfliege brummt, und zwar nicht schlecht. Der Flügelschlag mit bis zu 300 Schlägen pro Sekunde (300 Hertz) macht es wohl möglich. Diese hohe Frequenz befähigt die Schwebfliege zudem zum helikopterartigen in der Luft stehen und sogar zum Rückwärtsfliegen.
Fliegen, wer mag schon Fliegen – außer vielleicht in den Urlaub? Diese Tiere haben keinen besonders guten Ruf. Das wird dieser Tiergruppe nicht gerecht. Fliegen können schillernd schön und witzig wendig sein. In der zoologischen Klasse der Insekten zählen sie zur Ordnung der Zweiflügler, wissenschaftlich Diptera. Anstatt wie sonst bei Insekten üblich, mit zwei Flügelpaaren huschen diese Zweiflügler nur mit zwei Flügeln, also mit einem Flügelpaar durch die Lüfte. Das zweite Flügelpaar ist zu kleinen Schwingkölbchen, den sogenannten Halteren, umgebildet. Diese trommelschlegelähnlichen Gebilde strotzen nur so vor Sinneszellen und unterstützen die Flugkünste. Die Ordnung der Zweiflügler teilt sich zum einen in Mücken, zum anderen eben in Fliegen auf. Mücken sind in der Regel die zarteren Wesen, bei denen einem sofort die Stechmücken in den Sinn kommen. Fliegen haben ein robusteres Aussehen, die Stubenfliege gehört auch dazu.
Ja okay, Fliegen sind lästig und können Krankheiten übertragen. Fliegen machen uns die Nahrung madig.
Aber Fliegen sind auch unersetzlich. „Außer Wildbienen, die mit circa 30 000 Arten bekannt sind für ihr Bestäuberverhalten, tragen auch viele andere Hautflügler und ein Großteil der über 150 000 bekannten Fliegenarten zur Blütenbestäubung bei“, meldet das Bundesamt für Naturschutz. Wer hat nicht schon die Schwebfliege beobachtet, wie sie sich an Nektar labt. Eine häufige Schwebfliegenart ist zum Beispiel die Hain-Schwebfliege, wissenschaftlich Episyrphus balteatus. Sie war das Insekt des Jahres 2004 und die Deutsche Gesellschaft für allgemeine und angewandte Entomologie hat hierzu die Begründung gegeben. Das recht häufige Insekt sei bei Landwirten und Förstern als Nützling bekannt, denn eine Schwebfliegenlarve verzehre bis zur Verpuppung mehrere Hundert Blattläuse. Da freut sich auch der Hobby-Gärtner sehr, würde ich mal behaupten.
Ein Viertel der sage und schreibe 450 heimischen Schwebfliegenarten lebt im Larvenstadium von Blattläusen. Die erwachsenen Insekten benötigen Blüten, deren Nektar und Pollen offen dargeboten werden, denn sie haben nur einen kurzen Rüssel, so die Insektenkundler.
Lustigerweise kennen gefühlt die meisten Menschen, die Schwebfliege, auch solche, die sich sonst nicht für Natur interessieren. Vielleicht, weil sie einer der Organismen ist, der als Beispiel für Mimikry gilt. Mit der schwarz-gelben Warnfärbung der wehrhaften Bienen und Wespen tut sie eben so, als könne sie auch stechen, kann sie aber nicht. Dabei fanden kanadische Wissenschaftler vor einigen Jahren heraus, dass die kleineren Schwebfliegenarten selbst mit einer schlampigen Tarnung recht gut geschützt sind. Die perfekte Zeichnung sei eher für die größeren Arten lebenswichtig, da die Fressfeinde bei fetten Brocken doch schon eher mal zuschnappen und genau hingucken.
Von den in Deutschland vorkommenden Schwebfliegenarten sind manche nur fünf Millimeter, andere bis zu zwei Zentimeter groß, berichtet der Nabu. Manche seien schlank, andere pummelig, manche sind dicht behaart, andere glänzend glatt. Längst nicht alle sind nach Wespenart gezeichnet, einige sehen eher Honigbienen oder Hummeln ähnlich und Erzschwebfliegen sind weitgehend schwarz, beschreibt der Naturschutzbund die Tiergruppe.
Bis auf einige typische Arten sei es recht schwierig, Schwebfliegen sicher auseinander zu halten. Im Flug sowieso, aber auch gute Fotografien reichen nicht immer, weil sich die Arten zum Beispiel nur anhand der im Körperinneren verborgenen Geschlechtsorgane unterscheiden. Männlein und Weiblein sind meist verschieden gezeichnet. Wo nicht, lassen sich die Geschlechter anhand der Augen bestimmen, denn der Augenabstand ist bei den Männchen immer enger, oft stoßen sie komplett aneinander.
Auf dem Foto unten sind vermutlich Hain-Schwebfliegen zu sehen, die sich anJohanniskraut laben. Das behaupte ich jetzt mal. Die Tiere kommen in Hainen und gerne in der Nähe von Laubbäumen vor. Die Hain-Schwebfliegen überwintern als erwachsene Tiere. An milden Wintertagen kommen sie mitunter bereits aus ihren Verstecken im Laub oder schützenden Ritzen hervor, tauchen mit den ersten Frühjahrsblühern in größerer Zahl auf und sind dann an Winterling, Huflattich, Kornellkirsche und Weidenkätzchen zu finden. Da sie auch an kalten Tagen aktiv sind, werden sie auch gerne als Winterschwebfliegen bezeichnet. Ein Teil der Hainschwebfliegen wandert wie Zugvögel im Spätsommer nach Süden und vermehrt sich dort. Sie können durchaus 25 Kilometer pro Stunde zurücklegen, informiert die Entomologen-Gesellschaft weiter. Die nächste Generation komme im Frühjahr dann wieder zurück.
Das muss man jetzt erst mal sacken lassen. Dieses kleine Insekt fliegt mit 25 Kilometer pro Stunde durch die Gegend? Respekt. Und dann überquert es auch noch die Alpen? Allerdings werden für den Rückzug in den Norden teilweise zwei Generationen benötigt, aber trotzdem.
An der Forschungsstation Randecker Maar am Nordrand der Schwäbischen Alb wird neben dem Vogel- auch der Insektenzug beobachtet. Gut für die Vögel, dieser Insektenzug, denn so fliegt das so dringend benötigte Futter gleich mit. In der Festschrift zum 20-jährigen Bestehen der Station Randecker Maar erfährt der Leser, dass seit Anfang der 1960er Jahre immer wieder auffälliger Schwebfliegenzug beobachtet worden war. Deshalb sei dort mit der systematischen Untersuchung der Wanderungen mit Hilfe von Insektenreusen begonnen worden. Bei einer zwölfjährigen Fangsumme zeigte sich, dass 32,8 Prozent, knapp 30 000 Tiere, der Schwebfliegen Hain-Schwebfliegen waren. Außerdem wird berichtet, dass Wiederfänge von Schwebfliegen dabei sind, bei denen einzelne Tiere Wanderungen von 111 Kilometern nachgewiesen werden konnten. Hinsichtlich ihrer physischen Leistungsfähigkeit seien Schwebfliegen vielen Wanderfaltern überlegen. Bei der Überwindung von Gebirgspässen sei beispielsweise der Kleine Kohlweißling Pieris rapae als saisonaler Migrant „unseren Wanderschwebfliegen derselben Kategorie weder in der Vitalität noch in der Fluggeschwindigkeit gewachsen“, heißt es in der Festschrift mit durchklingender Begeisterung. Die Flugleistungen und -geschwindigkeiten der Schwebfliegen würden wohl nur von wenigen Libellen (Odonata) und Schmetterlingen (Lepidoptera) übertroffen.
Der Verein Forschungsstation Randecker Maar ist eine wissenschaftliche Einrichtung auf privater Basis, die sich aus Spenden finanziert, ist auf der Homepage zu erfahren. Dort arbeite ein kleines Team von Ornithologen und Entomologen alljährlich von Ende August bis Anfang November von Tagesanbruch bis zum späten Nachmittag, um die nach Süden wandernden Vögel und Insekten zu erfassen. Die Möglichkeit zur Mitarbeit bestehe bei sehr guten Fachkenntnissen im Bereich der Feldornithologie und Entomologie, des Weiteren für Studenten als wissenschaftliche Hilfskräfte für Zeiträume ab einer Woche. Also, dran denken, jede Schwebfliege zählt. Für alle von Läusen geplagten Gärtner: Die Hain-Schwebfliege wird es laut Nabu in Form von 500-Eier-Paketen als Schädlingsbekämpfer angeboten. Nichts für meinen Liebsten, aber für den Holunder.
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de


