Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • So sieht die fädige Grünalge im Gartenteich aus.  Fotos: Rücker

    So sieht die fädige Grünalge im Gartenteich aus. Fotos: Rücker

Liebe Leser,
warum in die Ferne schweifen, wenn das Fremde liegt so nah. Seit Jahren entferne ich fädiges Zeug aus meinen Mini-Teich. Was ist das überhaupt und was tut die Schnecke daneben?

Ehrlich gesagt bin ich bei der Teichpflege sehr nachlässig bis untätig. Große Blätter werden hin und wieder rausgefischt und Wasser in die eher größere Pfütze nachgefüllt. Spaß hat man mit einem solchen Gartengewässer aber immer, man muss sich nur die Zeit nehmen, mal still daneben zu sitzen. Hin und wieder grüßen Libellen aus der Luft und deren Larven im Wasser. Majestätisch ziehen Spitzschlammschnecken im Teich ihre Bahnen – und zwar von unten an der Wasseroberfläche entlanggleitend. Schon das ist ein toller Anblick. Ich wollt’, ich wär’ hin und wieder ’ne Spitzschlammschnecke. Nur so für wenige Minuten kopfüber, den Himmel im Blick an der Wasseroberfläche kriechen.

Lymnaea stagnalis, so der wissenschaftliche Name des agilen Weichtieres, nutzt die Oberflächenspannung des Wassers von unten und weidet dort organisches Material ab. Es scheint den Schnecken gut zu gehen im kleinen Teich, etliche Laichschnüre an der Unterseite von Grünzeug zeugen von der Fortpflanzung. Ein, zwei andere Schnecken-Arten leben auch noch im befüllten Quadratmeter, aber am spektakulärsten ist Lymnaea. Andere größere Tiere – außer Larven von Großlibellen – gibt es nicht.

Die Spitzschlammschnecke wühlt sich ihren Weg nicht nur durch die grünen Fäden, die im Wasser flotieren, auf ihr wächst das Zeug auch noch. Eine erste Diagnose aus der Ferne: Es sind Algen. Na klar, was auch sonst. Nachdem jedoch ein Teil der fädigen Gebilde, die sich am Teichrand festkrallen, unterm Binokular landet und im Bestimmungsbuch „Das Leben im Wassertropfen“ geblättert wird, schwindet diese Überzeugung zunächst. Vielleicht sind es Blaualgen, also Cyanobakterien? Aber nein, es ist wohl eine fädige Grünalge, ein Vertreter aus der Gattung der Astalgen, wissenschaftlich Cladophora. Der Anblick ist so faszinierend wie verwirrend. Auf grünen, dicken „Schläuchen“, bestehend aus den Algenzellen, sitzen kleine Dinger drauf.

Das ist auf jeden Fall spannend und es erhärtet, nebenbei bemerkt, das Bedürfnis, ein Mikroskop mit stärkerer Vergrößerung zu besitzen. Die kleinen Teilchen haben sich nach geraumer Zeit in der Petrischale vom grünen Schlauch abgesetzt und bewegen sich in typischer Weise durchs Wasser. Dann ist die Sache klar, es handelt sich um Kieselalgen, Diatomeen, die sich ihre Zeit sowohl sessil, als Aufsitzer, als auch als Freischwimmer vertreiben können. Ach wie putzig, ich liebe sie!

Dass ich mit der Diagnose Cladophora und Diatomeen nicht ganz falsch liege, bestätigt Dr. Holger Thüs, Kurator am Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart, nach Sichtung zweier Fotos – allerdings mit Einschränkung. „Wenn sich die Algenbüschel ‚rau‘ (nicht schleimig) im Griff anfühlen, dann stimme ich Ihnen zu, dass Cladophora die wahrscheinlichste Diagnose darstellt – soweit bei dieser Vergrößerung überhaupt ein Name angewendet werden soll“, so der Algenexperte. Auch der Diatomeenbesatz passe da sehr gut. Cladophora-Arten seien wegen ihrer wenig beziehungsweise nicht verschleimenden Zellwände ein äußerst beliebtes Habitat für epiphytische andere Algen und Ciliaten.

Für eine belastbare Aussage wäre jedoch ein Foto bei stärkerer Vergrößerung oder am besten gleich eine Probe nötig, dann könne sogar die Art bestimmt werden. Hm, vermutlich wird der Ausflug nach Stuttgart, den ich ja gerne unternehmen würde, nicht während der Arbeitszeit durchgehen.

Cladophora ist eine Gattung innerhalb der botanischen Gruppe der Grünalgen. Die im Süßwasser, oft in fließenden Gewässern, und im Meer auf festem Substrat häufig vorkommenden Fadenbüschel der Cladophora-Arten sitzen an der Basis mit einer wurzelartigen Zelle fest, ist im „Lehrbuch der Botanik“ weiter zu erfahren.

Anscheinend wuchern einige dieser Algen auch gerne in Aquarien, wo sie nicht so gelitten sind. Mit wohl einer Ausnahme: der sogenannten Mooskugel, auch als Algenball bekannt. Sie lässt das Herz einiger Aquarianer höher schlagen. Die Algenart mit dem Namen Cladophora aegagropila oder auch Aegagropila linnaei, kommt in verschiedenen Wuchsformen vor. Einerseits zum Beispiel als die fädigen Rasen, die man vom Teich her kennt, aber auch als frei im Wasserkörper schwebende Kugel. Das sieht natürlich schick aus und der Algenball wirkt als kleine Filteranlagen. Die kleinen Partikel, die sich an ihrer Oberfläche verfangen, werden gerne von Garnelen abgeweidet, ist in Aquarien-Ratgebern zu lesen, weshalb Garnelen-Besitzer die Algenkugel besonders mögen.

Die Astalge gehört zu den häufigsten Algen in Seen und Teichen. Astalgenbüschel können bis zu einem Meter lang werden. Der Algenrasen ist die Heimat vieler kleiner Wassertiere. „Fadenalgen im Teich? Gratulation, der Gartenteich ist gesund, die Wasserqualität ist gut“, liest man erfreut auf fadenalgen-entfernen.de. Die Algen dürften nur nicht überhand nehmen. Unsere fädigen Algen entziehen dem Wasser, während sie wachsen, Nährstoffe und reichern das Teichwasser mit Sauerstoff an. Das ist durchaus als positiv zu bewerten. Das Blatt wendet sich allerdings, wenn es so viele Algen werden, dass nichts anderes mehr zu sehen ist und wenn diese Pflanzen absterben und zu Boden sinken. Dann zehrt deren Zersetzung durch Mikroorganismen am Sauerstoffvorrat im Wasser und für andere Organismen kann es eng werden. Ein Vorgang, der schon vor Jahrzehnten für Schlagzeilen sorgte, als diverse Seen vom „Umkippen“ bedroht waren. Phosphateintrag vor allem durch Waschmittel hatte in den Gewässern zur Überdüngung geführt, Algen wucherten, starben ab, wurden zersetzt, der Sauerstoff wurde knapp und zack, schwammen die Fische mit dem Bauch nach oben. Doch auch im vergangenen Jahr meldete die „Tagesschau“, dass zu viele Algen in deutschen Seen sind. Fast drei Viertel der Seen seien in keinem guten Zustand. Das ging aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor. Die Gewässer würden an Vergüllung durch die Landwirtschaft leiden, wird eine Grünen-Abgeordnete zitiert.

Es empfiehlt sich also, die Algen-Matten im heimischen Teich hin und wieder zu entfernen. Wie gut, dass die Fäden wie Spaghetti aufgedreht werden können. Zu diesem Zweck gibt es sogar Spezialgeräte namens Algenhexe. Es kann aber passieren, dass man geschützte Wesen wie Libellenlarven mit herauswickelt. Deshalb lasse ich die Grünalgenklumpen immer erst noch ein wenig am Wasserrand liegen, damit sich vielleicht das eine oder andere Tierchen noch herausretten kann. Dann wandern die Algen auf den Kompost und dem Teich wurde ein Teil der Nährstoffe entzogen, was durchaus erwünscht ist.

In Sachen Teichpflege gibt es sicherlich beim Fachhandel echte Experten. Einen Tipp gebe ich trotzdem: Vorsicht scheint bei Angeboten von Anti-Algen-Mitteln, die Kupfer enthalten, angebracht zu sein. Dieses Element meuchelt zwar die Algen, aber unter Umständen auch die Fische.

Meine Wenigkeit wird noch eine Weile als leibhaftige Algenhexe fungieren. Wenn das irgendwann keinen Spaß mehr macht, lasse ich den Tümpel einfach verlanden. Dann gehe ich womöglich als Algenhexe vom Auricher Niedermoor in die Annalen ein.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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