Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Blauflügelige Ödlandschrecke vom Baresel-Gelände, erkennbar auch am Knick im Schenkel.

    Blauflügelige Ödlandschrecke vom Baresel-Gelände, erkennbar auch am Knick im Schenkel.

Liebe Leser,
eine Vaihingerin hat vorgestern meinen Tag gerettet. Vielen Dank dafür an Lisa Haupt. Dies geschah mit dem Foto einer oberflächlich betrachtet schmucklosen Heuschrecke.

„Hallo liebes VKZ-Team“, schrieb Lisa Haupt aus der Vaihinger Kernstadt zu ihren zwei Fotos, „hatte soeben einen seltsamen Grashüpfer vor die Linse bekommen. War das ein heimisches oder invasives Tier?“ So etwas ist natürlich immer spannend, vor allem, da ich mich just in diesem Moment mit diversen Themen für die Phänomene herumplagte, die sich als etwas langwierig erwiesen.

Also schnell die Bilder geöffnet und – tata – elektrisiert gewesen. Das sah ja mal spannend aus, huschhusch im Internet gesucht und siehe da: die Blauflügelige Ödlandschrecke rückte in den Fokus. Sensationell, finde ich. Zu dieser Tierart findet sich in den Tiefen des Internets eine spezielle artenschutzrechtliche Prüfung zum WEG-Bahnradweg auf der Homepage der Stadt Vaihingen. Die Blauflügelige Ödlandschrecke, wissenschaftlich Oedipoda caerulescens, lebt demzufolge in diversen Streckenabschnitten der alten WEG-Trasse in der Stadt unterm Kaltenstein.

Sagenhaft! „So kommt die Blauflügelige Ödlandschrecke im Bereich des ehemaligen Steinbruchs in großer Individuenzahl vor“, steht dort unter anderem zu lesen. Jochen Sieber von der Naturschutzabteilung der Stadt Vaihingen kann das bestätigten. Er habe die Blauflügelige Ödlandschrecke in diesem Bereich schon des Öfteren gesehen.

Leider hat sie sich bei einer raschen Begehung des Fundorts mit Lisa Haupt nicht mehr gezeigt. Beim Auffliegen hätte sie ziemlich sicher angesprochen werden können, dann zeigt sie nämlich ihre blauen Flügel und ist ein echter Hingucker.

„Sie sind wirklich wunderschön blau, die Flügel der Blauflügeligen Ödlandschrecke – wobei die nach außen anschließende dunkle Querbinde einen augenfälligen Kontrast bildet. Und wie ihr Name besagt, hält sie sich am liebsten auf spärlich bewachsenem Ödland auf“, heißt es bei der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW).

Dort finde man sie aber trotz der auffälligen Flügelfärbung nur sehr schwer: Oedipoda caerulescens ist in dieser üblicherweise braungrauen Umgebung mit ihrem grau bis braun marmorierten Körper ganz hervorragend getarnt. Die Hinterflügel sind beim Sitzen gut versteckt unter den Deckflügeln.

Das kann ich inzwischen bestätigen, denn dieser Fund einer Rote-Liste-Art hat natürlich den „Jagdtrieb“ in meiner Biologen-Seele ausgelöst: Diese Art muss ich auch sehen. Also am Donnerstagabend noch hoch zum Bareselgelände gefahren und – da war sie. Erst irritierten einige Bläulinge. Das sind die süßen, kleinen, blauen Schmetterlinge. Doch dann huschten tatsächlich die blauen Flügel der Ödlandschrecke im Sichtfeld herum. Das sitzende Tier zu entdecken ist aber aufgrund der guten Tarnung eine echte Herausforderung.

Die Färbung dieser Insektenart reicht von eher rotbraun bis zu grauschwarz und entspricht dem Untergrund, auf dem das jeweilige Individuum lebt. „Die Farbanpassung geschieht durch Bildung entsprechender Pigmente im Laufe der Jugendentwicklung“, steht hierzu im „Kosmos Heuschreckenführer“ von Heiko Bellmann.

Für den Naturinteressierten zusätzlich erschwerend ist die Tatsache, dass diese Heuschreckenart ganz lange sitzenbleibt, wenn man sich ihr nähert. Erst im letzten Moment schwingt sie sich in die Lüfte und ist dann eindeutig zu erkennen. Sie liebt warme und schüttern bewachsene Lebensräume.

In Baden-Württemberg gilt beispielsweise der Stromberg-Heuchelberg als Gebiet mit relativ hohem Vorkommen dieser Heuschreckenart. Ich hätte sie eher auf der Schwäbischen Alb verortet, dort aber ist sie laut Heuschreckenführer in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen, vielfach sei sie schon ausgestorben, wie etwa in der Lüneburger Heide. Diese Heuschrecke mag gerne Trockenrasen, Steinbrüche, Sandgruben sowie kiesige Parkplätze mit lückiger Vegetation aber eben auch Bahnanlagen. An ihrem Fundort nahe der Fußgängerzone könnte das Kopfsteinpflaster mit breiten, schütter bewachsenen Fugen eventuell ein adäquater Lebensraum sein. Ihre Nahrung bestehe zum größten Teil aus Gräsern, schreibt Bellmann, im Internet ist auch von Aas, das möglicherweise gefressen wird, die Rede. Die Blauflügelige Ödlandschrecke bewegt sich vor allem laufend am Boden oder fliegend fort. Hüpfen ist nicht so ihr Ding. Die Art soll sich auf sogenannten Kahlschneisen von einem Biotop zum anderen begeben können.

Die Männchen dieser Kurzfühlerheuschrecken sind nicht gerade besonders romantisch veranlagt. Im Gegensatz zu vielen Verwandten aus dem Formenkreis der Heuschrecken stimmen sie keinen „Gesang“ an, um ein Weibchen für sich zu begeistern. Allenfalls ein kurzes Zirpen wird ihnen attestiert, dann geht es aber auch gleich zur Sache. Immerhin schupst die Schreckendame den Liebestollen hinfort, falls ihr nicht nach einem Schäferstündchen zumute ist. Schafe sind ein gutes Stichwort, auf das wir später nochmal zurückkommen.

Anscheinend sind die Männchen der Blauflügeligen Ödlandschrecke nicht nur unromantisch, sondern auch etwas dumm oder kurzsichtig. Vielleicht sind sie aber auch pfiffig. Bei der Paarung versuchen sie ihr Glück nicht nur bei den ihnen zugehörigen Weibchen, sondern besteigen so ziemlich alles, was diesen annähernd ähnlich sieht – auch wenn es ein Stück Holz ist. Wer weiß, möglicherweise steigt dadurch tatsächlich die Anzahl erfolgreich vollzogener Kopulationen.

Falls alles klappt, legt das Weibchen die Eier mit ihrem Legebohrer am Hinterleib in den Boden hinein. Im darauffolgenden Jahr schlüpfen dann die kleinen Heuschrecken, Nymphen genannt, die nach mehrfacher Häutung zum erwachsenen Tier heranreifen. Die Kleinen sehen schon fast aus wie die adulten Tiere, denn es wird keine vollständige Metamorphose vollzogen. Erwachsene Tiere findet man von Mitte Juli bis Ende Oktober, die Larven ab Ende Mai.

Auf der Roten Liste der bedrohten Arten erscheint die Blauflügelige Ödlandschrecke in der Kategorie 3, sie gilt somit als gefährdet. Sie ist nach der Bundesartenschutzverordnung eine besonders geschützte Art. Es ist unter anderem verboten, besonders geschützte Arten der Natur zu entnehmen, zu beschädigen, zu töten oder ihre Fortpflanzungs- und Ruhestätten beziehungsweise Standorte zu beschädigen oder zu zerstören. „Bei Eingriffen in große Schotterflächen der Bahn werden für diese besonders geschützte Heuschreckenart Maßnahmen zur Sicherung der Population durchgeführt, so beispielsweise in Heilbronn“, berichtet die LUBW. Die Umweltbehörde gibt auch Tipps zum Schutz dieser schönen Heuschreckenart: „Möchten Sie aktiv werden für die Blauflügelige Ödlandschrecke? Wer ab und zu einmal Schaffleisch aus dem Land isst, der hilft auch der Ödlandschrecke: Durch die Schafbeweidung werden die für diese Heuschreckenart geeigneten Lebensräume, etwa Trockenrasen, vor der Verbuschung bewahrt.“ Wichtig sei aber auch, große vegetationsarme Schotterflächen oder Steinbruchhalden zu erhalten.

In Vaihingen sollen bei der Umwandlung von der Schienen- zur Fahrrad-Trasse laut der artenschutzrechtlichen Prüfung die Maßnahmen zur Sicherung der ökologischen Funktion für Reptilien auch den im selben Lebensraum vorkommenden Heuschreckenarten zugutekommen. Hierzu zähle unter anderem ein Schotterrasen, der im Bereich der Reptilienhabitate am alten Stadtbahnhof als neuer Teillebensraum entstehen soll.

Wer beim nächsten Spaziergang etwas Blaues fliegen sieht, kann sich auf jeden Fall freuen. Denn entweder handelt es sich um einen Bläuling, die Ödlandschrecke, diverse Libellen, blaue Drohnen, fliegende Schlümpfe oder gar rasende Ufos ... etwas Besonderes ist’s eigentlich immer.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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