Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Amarant vor der Auricher Trockenmauer. sr

    Amarant vor der Auricher Trockenmauer. sr

Liebe Leser,
mit dem Wort „Fuchsschwanz“ können mehrere Dinge assoziiert werden. Beim vielleicht spektakulärsten Vertreter ist mitunter sogar unklar, wie er dorthin kam, wo er sich Jahr für Jahr wieder zeigt.

Ohne das dazugehörige Tier spielte der Fuchsschwanz in Sachen Opel-Manta und 80er-Jahre eine gewisse Rolle. Der Schwanz eines echtes Fuchses zierte anno dunnemals gerne Rückspiegel und Schlüsselbunde. Dies war vor allem bei adoleszenten Vertretern männlichen Geschlechts der Fall. Heute taugt dieses befellte Zubehör allenfalls noch als Bad-Taste-Kostüm, also als Kostüm des schlechten Geschmacks, ist dem Internet zu entnehmen.

Nicht vergessen werden dürfen an dieser Stelle die Schreiner und Heimwerker, die den Fuchsschwanz als Säge schätzen. Einige Musiker können diesem Werkzeug sogar Töne entlocken und spielen darauf Musik.

Unser heutiger Fuchsschwanz spielt aber die Hauptrolle in Feld und Garten und zwar nicht als Tier, sondern als Pflanze.

Schon bei der täglichen Runde durch Aurich sticht einem die rote Version derzeit hier und dort ins Auge. Es handelt sich um Vertreter aus der Pflanzenfamilie der Fuchsschwanzgewächse, wissenschaftlich Amaranthaceae.

Zu dieser Familie zählen unter anderem die Gemüsesorten Spinat und Rote Bete und auch die Zuckerrübe. Zur Pflanzenfamilie zählt die Pflanzengattung Amaranthus, auch Amarant oder Amaranth genannt, mit an die 70 Arten, die nahezu auf dem gesamten Globus vorkommen.

Unter anderem der Garten-Amaranth, wissenschaftlich Amaranthus caudatus, liefert das sogenannte Pseudogetreide Amarant, das entfernt an Hirse erinnert. Es handelt sich um keine echtes Getreide, denn die Getreide-Sorten wie Weizen und Gerste zählen allesamt zu den Süßgräsern und somit zu den sogenannten Einkeimblättrigen, die sich zuerst mit einem Keimblatt aus der Erde wagen. Im Gegensatz dazu gehören die Fuchsschwanzgewächse zu den sogenannten Dicotyledonen, den Zweikeimblättrigen, bei den gleich zwei Keimblättchen emporwachsen.

Amarant zählt zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. „Seine Heimat ist Zentral- und Südamerika“, ist in einem Informationsblatt des Landwirtschaftlichen Technologiezentrums Augustenberg (kurz LTZ) zu erfahren. Früheste Funde werden auf mehr als 5000 Jahre vor Christi Geburt datiert. Bei den südamerikanischen Urvölkern, den Inkas, Azteken und Mayas galt Amarant als heilige Pflanze, der eine lebensverlängernde Wirkung innewohnen soll. Darauf deute auch der Name Amaranthus aus dem Griechischen für unsterblich oder nicht welkend hin. Amarant spielte wohl auch bei Zeremonien mit Menschenopfern eine Rolle. Die spanischen Eroberer ließen den Anbau des Nahrungsmittels aufgrund der starken religiösen Bedeutung für die Indios im 16. Jahrhundert verbieten. Doch die Pflanze und ihre Samen starben nicht aus und erfahren seit geraumer Zeit als sogenanntes Superfood eine Renaissance. Der Samen der Pflanze ist glutenfrei und somit für Zöliakiepatienten sowie bei Gluten-Unverträglichkeiten geeignet. Zum Backen sind die Produkte jedoch nur bedingt verwendbar, da das Klebereiweiß fehlt. „Amarant gilt als echtes Power-Lebensmittel. Die Samenkörner sind sehr gute Eiweißlieferanten“, heißt es im Lebensmittellexikon online. 100 Gramm Amarant enthalten demnach etwa 16 Gramm Eiweiß. Laut LTZ hat Amarant einen hohen Eiweiß- und Mineralstoffgehalt, zum Beispiel Kalzium, Magnesium, Eisen und Zink. Die Proteine bestehen aus vielen essenziellen Aminosäuren, besonders wertvoll hierbei das Lysin. Der Eisen-, Magnesium- und Kalziumgehalt betrage ein Mehrfaches der Gehalte in Roggen oder Weizen. Amarant übertreffe den Weizen deutlich im Ballaststoffgehalt und sei besonders vitaminreich. Gegessen wird der Samen zum Beispiel in Flockenform, gepoppt im Müsli oder als Auflauf, gekeimt in Salaten oder auch als Dessert. Die wichtigsten Anbaugebiete sind Südamerika, Russland und China, aber auch in Deutschland und Österreich wird das Fuchsschwanzgewächs in wärmeren Regionen angebaut. In „agrarheute“ wurde zum Beispiel im August der Anbaupionier Hans Bär aus Franken vorgestellt, der seine eigene Amarant-Sorte namens Bärnkrafft anbaut und vermarktet.

„Die Samen reifen in den Rispen, die gesamte Pflanze kann zwei Meter Höhe erreichen. Die Rispen können grün, orange, braun oder rot gefärbt sein, auch die Körner können alle Farben von weiß über (gold-) gelb, dunkelrot bis zu schwarz haben“, schreibt das LTZ . Aus den Amarant-Blüten entwickeln sich bis in den Herbst etwa 50 000 Samen je Pflanze. Das freut zumindest die Vögel, falls sie in den Genuss kommen. Die Pflanze wird in einigen Regionen auch als Blattgemüse genutzt. Die jungen Blätter und Triebe lassen sich laut LTZ wie Spinat zubereiten. In seinem Kräuterbuch von 1543 beschrieb der Mediziner und Botaniker Leonhart Fuchs den als „Maier“ bekannten Aufsteigenden Fuchsschwanz, Amaranthus lividus, als Blattgemüse. Als Spinatkraut gibt es „Roten Meier“ auch heute als Saatgut zu kaufen. „Zarte Blütenstände in Butter gedünstet sind eine Delikatesse“, steht bei diesem Angebot verheißungsvoll dabei. Der Aufsteigende Fuchsschwanz und der Griechische Fuchsschwanz (Amaranthus graecizans) sind vermutlich laut Bestimmungsbuch Schmeil-Fitschen die einzigen in Europa ursprünglichen Arten. Alle anderen Amarantarten, die in Deutschland irgendwann einmal auftauchten, „sind entweder aus Gärten ausgewandert oder mit Saatgut beziehungsweise Wolle aus tropischen Ländern eingeschleppt worden ...“ Einige dieser Arten haben sich etabliert. Manche, wie der Zurückgekrümmte Fuchsschwanz (Amaranthus retroflexus) kommt ursprünglich aus Nordamerika und findet sich bei uns in Weinbergen und als Ackerunkraut. Vergiftungen von Rindern und Schweinen nach Aufnahme großer Mengen sind laut Bundesumweltministerium aus den USA bekannt. Im Rothmaler, Exkursionsflora von Deutschland, ist zu lesen, dass früher auch Amaranthus tricolor der Dreifarbige oder Blatt-Amarant eine beliebte Gartenpflanze war.

Für die Nutzung durch den Menschen spielen wohl die drei Arten Amaranthus cruentus (Rispen-Fuchsschwanz), A. hypochondriacus (Trauer-Amarant) und A. caudatus (Garten-Fuchsschwanz) die Hauptrolle.

Die gute Nachricht für alle, die es in ihrem Garten mal mit dem Fuchsschwanzgewächs versuchen möchten: Die Pflanze gilt als anspruchslos. Das deckt sich auch mit dem, was eine Auricherin über die Exemplare in ihrem Garten sagt. Im Krautgarten von Martina Scheuermann wachsen die prächtig roten Amarant-Pflanzen Jahr für Jahr wie von selbst. Sie habe die Pflanze nie ausgesät, sagt die Auricherin. Das farbenprächtige Gewächs sei irgendwann mal da gewesen und komme jedes Jahr aufs Neue wieder. „Die hat eine tolle Herbstfarbe“, befindet sie zu dem einjährigen Kraut. Die Pflanze sei aufgrund ihrer Dimension schon bombastisch. Die Auricherin verwendet die Rispen gerne in Sträußen, auch wenn die Haltbarkeit nicht überragend ist. Nur wenig entfernt von den Krautgärten winkt an einer Trockensteinmauer ein roter Amarant dem Fußgänger entgegen. Doch eine Warnung scheint nötig, und die ist sogleich die schlechte Nachricht: Die Schönheit hat Unkrautpotenzial und geht auch dort auf, wo man sie nicht haben mag. „Es war eine Pflanze, die unseren Kulturpflanzen in den Beeten schon immer Konkurenz gemacht hat“, erinnert sich Vaihingens Gärtnermeister Maurus Senn. Botanisch gesehen bietet die Gattung die Besonderheit, dass es sich bei ihren Vertretern um sogenannte C4-Pflanzen handelt. Durch eine Anpassung des Stoffwechsels kann die Pflanze aktiv CO2 anhäufen und auch, wenn aufgrund von Hitze und Trockenheit die Spaltöffnungen teils geschlossen sind, eine optimale Photosynthese erreichen. Amarant wird als Beigabe für Biogasanlagen erprobt. Denn die Pflanze scheint auch dort für die Mikroorganismen als Lieferant von Spurenelementen „gesund“ zu sein.

Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de

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