Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Gelb blühen jetzt die Felder – welche Pflanze ist’s? Foto: Rücker

    Gelb blühen jetzt die Felder – welche Pflanze ist’s? Foto: Rücker

Liebe Leser, es blüht so gelb auf den Feldern. Es ist der Weiße Senf, der gerade nicht so aussieht, wie er heißt. Eigentlich sollte er auch gar nicht blühen. Im Internet tummeln sich zahlreiche Beiträge, die sich mit der Frage beschäftigen, was denn da blüht: Senf oder Raps? Beide blühen gelb, gehören zur Pflanzenfamilie der Kreuzblütler und sehen sich ähnlich. Aber wer aus Schaden klug wird, wie ich manchmal, der weiß: Jetzt kann es nur der Senf sein. Es ist schon geraume Zeit her, da schrieb ich unter ein Herbstbild mit gelben Feldern, dass der Raps blühe. Mehrere Leser meldeten sich mit dem Hinweis, dass dies falsch sei. Es handle sich um Weißen Senf. Um nun auf Nummer sicher zu gehen, wird der Vaihinger Landwirt und Vorsitzende des Bauernverbands Heilbronn- Ludwigsburg, Eberhard Zucker, konsultiert. Ja, das ist der Weiße Senf, der jetzt auf den Feldern blüht, bestätigt der Fachmann. Sinapis alba, wie die Pflanzenart wissenschaftlich heißt, dient auf den Äckern als Zwischenfrucht und zur Gründüngung sowie als Erosionsschutz. Außerdem werde der Boden fein durchwurzelt. Eigentlich sollte der Senf nicht blühen, sagt Zucker, denn dann steige seine Frostresistenz. Und das will der Landwirt in diesem Falle nicht haben. Denn die Senfpflänzchen, die bis zu 1,20 Meter hoch werden können, sollen erfrieren. Die dahingerafften Blumen bleiben dann bis zum kommenden Jahr liegen und werden schließlich in den Boden eingearbeitet. Senfpflanzen schützen als Zwischenfrucht auch das Grundwasser, sagt Zucker. „Sie ziehen das Restnitrat aus dem Boden und speichern es in der Pflanze“, erklärt der Vaihinger. So könne das Nitrat nicht in tiefere Bodenschichten verlagert werden. Die Nachfolgekultur kann im Frühjahr dann von den Nährstoffen der in den Boden eingearbeiteten Pflanze zehren. Der Weiße Senf, der zur allgemeinen Verwirrung auch Gelbsenf genannt wird, war in der Antike schon als Heilpflanze bekannt. Pedanios Dioskurides, der als Militärarzt im ersten Jahrhundert nach Christus im römischen Dienst stand, hatte ein auf fünf Büchern bestehendes Werk namens Materia Medica verfasst. In Buch zwei wird auch der Weiße Senf gewürdigt. Als Gurgelzusatz bei geschwollenen Mandeln und „gegen eine veraltete und verhärtete Rauheit der Luftröhre“ sollte der Pflanzensaft demnach ebenso helfen wie gegen „Stumpfsichtigkeit und schorfige Augenlider“. „Bei Schwerhörigkeit und Ohrensausen hilft er fein gestoßen mit Feigen in die Ohren gelegt“, heißt es bei dem antiken Gelehrten. In diesem Buch wird übrigens auch den Hoden des Bibers als Mittel gegen diverse Zipperlein gehuldigt. „Der Biber ist ein Amphibientier, welches sich meist im Wasser mit den Fischen und Krebsen aufhält, dessen Hoden auch gegen Schlangen wirkt“, erfährt der Leser in der Übersetzung unter pharmawiki.ch. Das Fleisch einer Otter hingegen verleihe dem Blick Schärfe. Jetzt muss ich mich aber losreißen ... Aber eins hab ich noch: Zur Weinbergschnecke steht geschrieben, dass sie die Haare verklebt, wenn man eine Nadel durch ihr Fleisch zieht und mit dem daran hängenden Schleim das Haar bestreicht. Das ist wohl früher wie heute eine Tatsache, deren tieferer Sinn sich mir zwar nicht erschließt, welche aber unterhaltsam ist. Zurück zu unserem Senf, der laut dem Internet-Lexikon spektrum.de auch damals schon als Gewürz und Genussmittel bekannt war. Senfkulturen nördlich der Alpen sind demnach seit dem 9. Jahrhundert bekannt. Die ursprüngliche Heimat von Sinapis alba liegt in Südeuropa und im südwestlichen Asien. Beim Bundesamt für Naturschutz wird der Status der Pflanzenart als „unbeständiger Neophyt“ angegeben. Wenn er jetzt großflächig auf den Feldern blüht, ist er dort ausgesät und als Ackerfrucht erwünscht. Dass er auch im Privatgarten gute Dienste leisten kann, ist dem Facebook-Kommentar von Ralph Günther zu entnehmen: „Damit und mit Erbsensaat hab ich damals während der Bauphase unseren Gartenboden vorbereitet – vor Grasausaat und Bepflanzungen. Das bisschen Mühe und Warten hat sich wirklich gelohnt!“ Sinapis alba wird Weißer Senf genannt, weil die Samenkörner ein weißes Aussehen haben, Gelbsenf heißt er wegen der Blütenfarbe. Seine Samenkörner sind es auch, die mit den Samen des Braunen und Schwarzen Senfes zur Herstellung des Tafelsenfes sind. Es werden ganze und gemahlene Körnchen in der Küche verwendet, auch beim Marinieren schwimmen sie gerne mal mit herum. Senf gilt als appetitanregend und verdauungsfördernd und kommt in Form von Tafelsenf in zahlreichen Geschmacksrichtungen und unterschiedlich scharf auf den Tisch. Im Weißen Senf kann aus dem für die Schärfe verantwortlichen Glykosid Sinalbin bei der Senfherstellung Bisphenol F entstehen. Dies rief vor einigen Jahren unter anderem das Bundesinstitut für Risikobewertung auf den Plan. Es liege nahe, dass Bisphenol F ein ähnliches toxikologisches Gefährdungspotenzial wie das gut untersuchte Bisphenol A habe, hieß es im Jahr 2015. Die gute Nachricht kommt aus der Schweiz: Das dortige Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen stuft die Gesundheitsrisiken von Bisphenol F in Senf als gering ein. Also Prost Mahlzeit, dann ist das Weißwurstfrühstück doch gerettet. Und – Überraschung! – die Wildbiene des Jahres 2019 ist die Senf-Blauschillersandbiene (Andrena agilissima). Diese bis zu eineinhalb Zentimeter große Wildbiene hat einen Blauschimmer auf Flügeln und Hinterleib, ähnlich wie einige andere Arten, darunter die Blaue Holzbiene, die jedoch deutlich „dicker“ ist. Die Senf-Blauschillersandbiene besucht gerne den Acker-Senf, dessen Aussaat dann aber im März beispielsweise an Ackerrändern erfolgen sollte, da die Flugzeit des Insekts sonst vorüber ist. Im Ländle ist die Art stark gefährdet. Unter www.wildbienen-kataster.de kann man Sichtungen melden, die im kommenden Jahr wieder von Anfang Mai bis Anfang Juli möglich sind. Über die späte Blüte freuen kann sich dagegen die Honigbiene, denn bei ihr überwintert das Volk in der Behausung, dem Magazin. Die erwachsene Wildbiene stirbt in der Regel nach ihrer Flugzeit, bei ihr überwintert nur der Nachwuchs. Bei Temperaturen ab circa acht Grad Celsius fliegt dagegen die Honigbiene – auch im Winter. Der Vaihinger Imker und stellvertretende Vorsitzende des Bezirksimkervereins Vaihingen, Gerhard Haffner, sieht in der üppigen Senfblüte zurzeit überwiegend Vorteile für die Bienen. „Jede zweite Biene bei mir am Haus ist gestern gelb zurückgekommen“, berichtete er am Donnerstag. Für den Futtervorrat zum Überwintern im Kasten sorgt der Imker. Denn: Er ist ja der Räuber, der den natürlichen Futtervorrat, den Honig, größtenteils gemopst hat. Haffner setzt bei der Fütterung auf Weizensirup. Dieser bleibe den ganzen Winter über flüssig und verfügbar. Es ist vor allem der Pollen des Ackersenfs, der beim Imker Pluspunkte sammelt. Zwar bewirke der Polleneintrag jetzt, dass die Bienenkönigin nochmal verstärkt Eier legt. „Das will man um diese Jahreszeit nicht unbedingt, weil sich die Varroa-Milbe, die wir bereits bekämpft haben, in der Brut vermehren kann“, sagt Haffner. Das Bienenvolk kann sich aber mit diesem reich gedeckten, gelben Tisch einen Pollenvorrat anlegen. Der sei dann prima, wenn die Bienenkönigin ab Ende Januar im Folgejahr für Nachwuchs sorgt. „Wir freuen uns über alle Blühflächen, die noch bis zum Frost blühen“, sagt der Imker. Auch der Spaziergänger kann sich freuen. Die Ackersenfblüte schmeichelt dem Auge und verströmt mitunter einen lieblichen Duft. Der weckt die Vorfreude auf das Frühjahr. Wer zu all dem seinen Senf abgeben mag, kann das per E-Mail gerne tun ... oder samt Weißwurst direkt in der Redaktion. Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
Datenschutz-Einstellungen