Liebe Leser,
was sind das für Käfer? Ein Blick auf die Fotos, die den E-Mails zweier Leser angehängt waren, ließ vermuten: Es handelt sich um Wanzen. Wie sich herausstellt, werden die Tiere sogar steckbrieflich gesucht.
Zwei gute Nachrichten gibt es zu unserer heutigen Wanzenart: Das Rätsel, das die Leser bewegt, konnte gelöst werden und diese Tierart ist aktuell Thema beim Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg (LTZ) in Karlsruhe. Das war’s dann aber auch schon mit guten Neuigkeiten. Es handelt sich um Nymphen der Grünen Reiswanze, Nezara viridula, die sich bei Uli Simecek auf den Tomaten tummelten „und dort kleine Fressspuren hinterlassen“. Seine verständliche Frage hierzu: Wie kann man diese Insekten wieder loswerden?
Einige Tage später trudelten im E-Mail-Postfach weitere Fotos ähnlicher Tiere ein, die eine Leserin aus Horrheim an Pflanzen aus Bruchsal entdeckt hatte.
Man ahnt es schon: Die Grüne Reiswanze ist ein Gewinner des Klimawandels. Innerhalb der Familie der Baumwanzen gehört die Grüne Reiswanze zu einer der weltweit wichtigsten Schädlinge, ist auf der Diagnosedatenbank für Gehölze namens Arbofux zu erfahren. Herrjemine!
Zugute halten kann man dem Tierchen, dass es das ja nicht vorsätzlich ist. Außerdem hat der Mensch erst ermöglicht, dass sich der Organismus von seiner ursprünglichen Heimat, die vermutlich in Äthiopien liegt, derart gut ausbreiten kann. Besonders löblich an Nezara viridula ist, dass sie – im Gegensatz zu einigen ihrer Anverwandten – nur vereinzelt Schutz in unserer Hütte sucht. Erst kürzlich hatten wir in einer Pressemitteilung des Landratsamts Ludwigsburg die invasive Marmorierte Baumwanze vorgestellt. Diese findet eine Überwinterung in der guten warmen Stube anscheinend besonders toll. Das ist nicht gefährlich, aber lästig und vor allem können die Insekten ein lang anhaltendes und übelriechendes Sekret absondern. Denn die Familie der Baumwanzen, zu der beide genannten Arten zählen, kann sich auf ihre Stinkdrüsen verlassen. Wenn sie sich bedroht fühlt oder womöglich zerquetscht werden soll, wehrt sie sich mit Gestank – wer könnte den Tierchen das verdenken. Es empfiehlt sich daher nicht, die Wanzen mit dem Staubsauger entfernen zu wollen. Besser kommt der Kehrwisch zum tragen, den man bei Bedarf abwaschen kann. Wie widerlich der Gestank sein kann, ahnt jeder, der schon mal eine verwanzte Himbeere verspeist hat ... Uaaah, da schüttelt’s mich beim bloßen Gedanken daran. Das wäre doch eine prima Abnehmstrategie: Es gibt jede Menge zu essen, aber allen Speisen haftet so ein dezentes Wanzeng’schmäckle an. Über diese Geschäftsidee muss ich mal noch näher nachdenken.
Auch Simeceks in Vaihingen waren nicht glücklich über den Wanzenbesuch auf ihren Tomaten. Die Tierchen hätten auf der roten Frucht so weiße Hubbel hinterlassen. „Bei Paprika oder Tomate hellt sich das angestochene Gewebe auf, erscheint weißlich und wirkt schwammig“, ist im Info-Blatt des LTZ zu lesen. Das klingt auf jeden Fall nicht sehr appetitlich. Die Grüne Reiswanze ist nicht sonderlich wählerisch, was ihre Nahrung angeht. Sie sei sehr polyphag. Das bedeutet, sie saugt an Blättern und Früchten von allen möglichen Pflanzenarten. Vermutlich ist das einzige Kriterium, welches das Tierchen hier in gewisse Schranken weist, der Rüssel. Denn der muss das Äußere des auserwählten Objekts der Begierde durchstechen können. An diesem Stechrüssel, der nach unten in Richtung Bauch geklappt ist, lässt sich die Wanze vom Käfer unterscheiden. Selbiger hat in der Regel beißende Mundwerkzeuge.
Die Nymphen, also das Jungvolk der Grünen Reiswanze, werden den Fachleuten oft als merkwürdige schwarze Marienkäfer gemeldet. Die Grüne Reiswanze ist sehr gesellig und lässt es sich gemeinschaftlich an Obst und Gemüse schmecken. Ihr wird ein vergleichbares Schadpotenzial wie der Marmorierten Baumwanze attestiert. Das Info-Blatt aus Augustenberg vermerkt gar: „Es ist zu erwarten, dass sich die Grüne Reiswanze zu einem unserer wichtigsten und auffälligsten Schädlinge entwickelt.“
Stellt sich die Frage: Was tun gegen den ungeliebten Mitesser? Weltweit sind laut LTZ verschiedene natürliche Feinde der Grünen Reiswanze bekannt, darunter Schlupfwespen und Widersacher aus der Gruppe der Fliegen. Eine Raupenfliege namens die Federfüßige (Trichopoda pennipes), lasse dabei hoffen. Denn sie hat sich laut Technologiezentrum Augustenberg aus Freilassungen in Italien natürlicherweise bis in den Rheingraben ausgebreitet. Und wenn die Wanze hier überlebt, gelingt das hoffentlich auch ihrem natürlichen Gegenspieler. Dessen Potenzial werde derzeit untersucht. Der Gärtner kann in gewissen Entwicklungsstadien versuchen, die Eier und Larven von seinen Pflanzenschützlingen abzusammeln.
Das LTZ bestätigt, dass es sich auf unseren Fotos um die Grüne Reiswanze handelt. „Um die Wanzen etwas einzudämmen, empfehlen wir das Einnetzen von (Kultur)-Pflanzen, die nicht befallen werden sollen, wie zum Beispiel Gemüsepflanzen“, so die Spezialistin vom LTZ. Ansonsten helfe während der Saison nur die regelmäßige Kontrolle der Pflanzen im Garten oder auf dem Balkon und den Befall abzusammeln und zu vernichten. Weiter heißt es: „Auch auf die Eigelege achten, diese befinden sich meistens auf der Blattunterseite und sind vom Farbton orange. Wir empfehlen keine Pflanzenschutzmittel! Diese wirken nicht ausreichend, besonders die erwachsenen Tiere sind oftmals tolerant gegenüber den zugelassenen Pflanzenschutzmitteln.“
Das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft weist darauf hin, dass vor allem Freizeitgärtner zwangsläufig eine neue Gelassenheit entwickeln müssen, wenn es um das Thema Pflanzenschutz geht. Denn der Trend führe eindeutig weg von Spritzmitteln und aus Kostengründen komme im Hausgarten auch nicht jede biologische oder biochemische Gegenmaßnahme in Frage.
1979 ist die Grüne Reiswanze laut LTZ erstmals in Deutschland entdeckt worden, und zwar in Köln. In den 90er Jahren tauchte sie mehrfach bei uns im Ländle auf. Auch aufgrund der milden Wintertemperaturen nehmen die wirtschaftlichen Schäden durch diese Tierart zu, denn die mittlere Temperatur von fünf Grad Celsius werde im Winter immer öfter überschritten. „Das heißt, die Reiswanzen überleben zunehmend den mitteleuropäischen Winter und vermehren sich dadurch“, so das Technologiezentrum in Karlsruhe.
Gerade den Hobbygärtnern komme bezüglich der invasiven Schaderreger eine besondere Rolle zu, betont das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft. Denn sie seien es in der Regel, denen unbekannte Tierchen an Gemüse, Obst oder Zierpflanzen als erstes auffallen – und das im Idealfall noch bevor sich die Schädlinge in den großflächigen Anbaugebieten ausbreiten.
Die Grüne Reiswanze ist sehr variabel gefärbt und auch die fünf Nymphenstadien sehen sehr unterschiedlich und teils überraschend bunt aus. Das erwachsene Tier kann mit der heimischen Grünen Baumwanze verwechselt werden. Die Grüne Reiswanze hat allerdings im Gegensatz zur heimischen Art drei weiße Punkte mit rechts und links einem schwarzen Punkt auf dem Halsschild. Jedenfalls bittet das LTZ Augustenberg, Funde der Grünen Reiswanze und auch Verdachtsfälle zu melden, denn es erfasst die deutschlandweite Verbreitung dieser Wanzenart. Wer eine verdächtige Wanze oder auch Jugendstadien entdeckt, kann ein Foto samt Angabe von Fundort und Datum an pflanzenschutz-insekten@ltz.bwl.de senden. Insgesamt betrachtet sind Wanzen eine erfolgreiche und faszinierende Insektengruppe, die in allen möglichen Nischen und Winkeln der Erde Fuß gefasst hat.
Bleibt in puncto Grüne Reiswanze und in Gedenken an Rudi Carrell nur ein Stoßgebet gen Himmel: „Wann wird’s mal wieder richtig Winter?“
Anregungen zur Serie per E-Mail an
s.ruecker@vkz.de


