Phänomene der Natur

Phänomene der Natur

  • Das „Monster“ vom Klosterberg in Aktion. Wir ließen ihn ziehen – und er uns.  Foto: Rücker

    Das „Monster“ vom Klosterberg in Aktion. Wir ließen ihn ziehen – und er uns. Foto: Rücker

Liebe Leser, Wölfe und Bären im Ländle? Pah, Pillepalle! Wer einmal dem furchterregenden Wesen vom Horrheim Klosterberg gegenüberstand, den kann nichts mehr schrecken. Und auch in den guten Stuben der Vaihinger wird es mitunter wild. Es ist etwas peinlich, aber vor wenigen Tagen war ich zum ersten Mal überhaupt am Nonnensessel im Wald hoch droben am Klosterberg. Entlang der und durch die Weinberge ging es mit Freundin samt Hunden hinauf und hinab. Rebstöcke im Herbstlaub schmeichelten dem Blick, sogar die Sonne ließ sich beim Abstieg blicken, Horrheim, Hohenhaslach und eine prima Fernsicht grüßten, als plötzlich gar Schreckliches geschah. Vor mir auf dem Weinbergweg baute sich ein schauerliches Ungetüm auf. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr mir vermutlich und die erste Sorge galt den Hunden, die unbedingt von diesem Ungeheuer ferngehalten werden mussten. Als gewährleistet war, dass die Vierbeiner im Sicherheitsabstand waren, konnte ich es wagen, mich zu dem Monster hinunter zu beugen. Es war nämlich nur rund drei Zentimeter lang und maximal einen Zentimeter hoch. Aber das Theater, das dieses Insekt auf seinen sechs Beinen vollführte, war eines Oscars würdig. Es wand sich hin und her, reckte den Hinterleib wie ein angriffslustiger Skorpion nach oben, schmiss sich zur einen und zur anderen Seite. Das war schon beeindruckend genug. Dazu kam, bei etwas näherer Betrachtung, der Beißapparat. Mit weit aufgerissenen Mandibeln, so heißen die Mundwerkzeuge, ließ der Bursche keinen Zweifel daran, dass mit ihm nicht zu spaßen ist. Das Tier konnte recht schnell als Kurzflügler, wissenschaftlich Staphilinidae, entlarvt werden. Bei dieser Käferfamilie sind die harten Flügeldecken, die Elytren, auffällig verkürzt. Die meisten Vertreter dieser Käferfamilie besitzen aber durchaus große häutige Hinterflügel, mit denen sie sich in die Lüfte erheben können. Damit diese unter die schützenden Elytren passen, müssen die Käfer teilweise eine ausgefeilte Falttechnik mit Hilfe der Hinterbeine anwenden. Unser Exemplar war von so meditativen Tätigkeiten wie dem origamiähnlichen Falten irgendwelcher Hinterflügel meilenweit entfernt. Es kriegte sich gar nicht mehr ein und fuchtelte mit dem Hinterleib herum, aus dem etwas Weißes herausragte. Wer sich so benimmt und so aussieht, der ist nicht sonderlich schwer zu bestimmen. Das Monster vom Klosterberg ist der Schwarze Moderkäfer, wissenschaftlich Ocypus olens. Er ist der größte heimische Kurzflügler und macht allein dadurch sowie durch seine tiefschwarze Färbung, den großen Kopf und die massigen Beißerchen Eindruck. Mit diesen kann er „recht kräftig zubeißen“, wird ihm im Kosmos-Insektenführer attestiert. In Wäldern sei die Käferart überall häufig, heißt es dort weiter. Er fühlt sich aber auch im Weinberg recht wohl, der sich ja in Waldnähe befindet. Bevorzugt ist er nachts unterwegs, sein Domizil ist im Untergrund unter Totholz oder Steinen. Aus den weißen Strukturen am Hinterleib kann der Bursche ein stinkendes Sekret ausstoßen, das jedem Freßfeind den Appetit verderben soll. Als Larve oder auch ausgewachsen macht sich die Käferart bei Gärtnern durch die Tatsache beliebt, dass sie bevorzugt Nacktschnecken meuchelt. Gleiches widerfährt jedoch auch dem unachtsamen Regenwurm. „Die Beutetiere werden mit den Kieferzangen attackiert, festgehalten und mit den Kiefern zerkleinert. Mit Hilfe der Vorderbeine wird eine große weiche Pille gedreht. Diese wird so lange gekaut, bis sich ein brauner Nahrungsbrei bildet, der dann verzehrt wird“, ist auf der Seite Nationalpark Donauauen zu erfahren. Insgesamt also ein properer Bursche, den man am besten einfach seines Weges ziehen lassen sollte. In den guten Stuben einiger Vaihinger zeigt sich derweil ein anderer Kaventsmann, der für Schrecken sorgt. Ich würde jetzt gerne schreiben, dass der Spinnenläufer, der gemeint ist, ja gar nichts tut. Aber auch er kann anscheinend kraftvoll zubeißen. Zur Beruhigung: Dessen Biss sei zwar „schmerzhaft, aber nicht tödlich“, schreibt die „Welt“ in einem Artikel, der sich mit Tieren in Hotelzimmern beschäftigt. Der Spinnenläufer, wissenschaftlich Scutigera coleoptrata, gehört zur zoologischen Gruppe der Hundertfüßer. Während die heimischen Arten uns oft im Garten unterkommen und dort eher als Nützlinge gelten, entsetzt der Zuwanderer aus Südeuropa durch seine Größe und durch seine Schnelligkeit. Das kann Kollege Michael Banholzer bestätigen. In seiner Wohnung in der Vaihinger Kernstadt grüßt ihn mitunter ein Exemplar zum Beispiel von der Wand im Bad. Denn er mag es feucht, der Krabbler mit den Dutzenden von Beinen. Das Tier ist laut dem Augenzeugenbericht recht groß und schnell wie die Sau, wie der Schwabe sagen würde. Der Körper ist dabei zwar nur bis zu drei Zentimeter lang, aber die Antennen und Beine können die Gesamtlänge des Gliederfüßers auf bis zu 15 Zentimetern ansteigen lassen. Die Spinnenläufer sind durch körperliche Anpassungen wie einem effizienten Atmungssystem aus sich mehrfach verzweigenden Tracheen und einer komplexen Muskulatur dazu in der Lage, Geschwindigkeiten von bis zu 42 Zentimeter pro Sekunde zu erreichen. Man öffnet also die Tür ins Bad, schaltet das Licht ein, erblickt den Krabbler und dann ist er auch schon weg. Eigentlich leistet er durchaus gute Dienste, da sich der Spinnenläufer auch von Lästlingen und Schädlingen ernährt, die bei seiner Schnelligkeit keine Chance zur Flucht haben. Die Tierart ist mindestens seit einigen Jahrzehnten in unseren Gefilden zugange. Schon mein altes Bestimmungsbuch „Brohmer – Fauna von Deutschland“ von 1984 listet den Spinnenläufer unter Spinnenassel mit dem Zusatz: „In Weinbergen Süd-West-Deutschlands, eingeschleppt, selten.“ Auf seiner Seite „Naturspaziergang“ schreibt der InsektenkundlerAndreas Haselböck in puncto Gegenwart, dass in größeren Städten wie Karlsruhe und Stuttgart die Populationen inzwischen wohl recht groß seien. Auch eine weitere Leserin aus der Vaihinger Kernstadt hat von der unheimlichen Begegnung der schnellen Art im trauten Heim berichtet. Kollege Banholzer hat inzwischen wohl den Dreh raus. Vielleicht befördert durch das Baseball-Training, auf jeden Fall aber als alter Tierfreund und geübter Spinnenfänger, kann er die Geschwindigkeit des Tieres mitunter toppen, fängt es ein und setzt es an die frische Luft. Der Kaiserstuhl scheint bislang die einzige Region, in der sich die Tierart auch im Freien etabliert hat. Das Weibchen legt ab dem Frühling seine Eier in Verstecken wie Ritzen ab. Wenn die Larven schlüpfen, besitzen erst einmal vier Beinpaare. Sie häuten sich vielfach, bis sie ausgewachsen und geschlechtsreif sind. „Bei jeder Häutung können verlorengegangene Extremitäten wieder hergestellt werden“, schreibt Entomologe Haselböck. Das ist durchaus beneidenswert. Diese Krabbler zählen jedoch – Insektenkundler hin oder her – nicht zu den Insekten, denn die haben maximal sechs Beine. Dass die Spinnenläufer wehrhaft sind, verrät die Titelzeile „Hundertfüßer beißt Kehler Pastor in den großen Zeh“ eines Artikels auf Baden online. Auch der Österreichische Rundfunk zitiert einen Experten zum Einwanderer Spinnenläufer dahingehend, dass dessen Biss zwar nicht lebensbedrohlich, aber doch ziemlich unangenehm sei. Vielleicht sollten die Vaihinger sich das angewöhnen, was die „Welt“ in ihrem Artikel den Hotelgästen rät: Überall vor dem Reinschlupfen zuerst die Schuhe ausklopfen. Ansonsten ist der schwäbische Tüftlergeist gefragt: Wir wär’s mit einer Lebendfalle für den Spinnenläufer? Anregungen zur Serie per E-Mail an s.ruecker@vkz.de
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