Liebe Leser,
wie schön es doch bei uns ist. Besonders, wenn die Weinberge in Herbstfarben leuchten, lohnt es sich, eine Trainingseinheit in die Rebflächen zu verlegen. Dazu braucht es aber ein paar Vorsichtsmaßnahmen.
Treue Phänomene-Leser wissen, dass ich neulich das erste Mal am Nonnensessel in Horrheim war. Nun folgte die Premiere am Weitblickweg in Hohenhaslach. Wunderbar, der Besinnungs- und Meditationsweg, kann ich nur sagen, und wenn man die Stäffele zur St. Georgskirche mit einbindet und hinaufschnauft, rinnt der Schweiß schon vor der Station 1. Vor allem, wenn der topfitte Sohn das Tempo vorlegt. Wie gut, wenn man auf dieser langen Treppe einen triftigen Grund für eine kurze Pause hat. Mit einem „ich muss mal kurz ein Foto machen“ kann man diese problemlos einläuten. Ich kann nur jedem empfehlen, sich ein gewisses Maß an Naturkenntnis anzueigenen. Erstens, weil das per se schon toll ist und zweitens findet sich so immer ein Grund, kurz stehen zu bleiben. Ganz egal ob Krabbeltier oder Blümchen, es bietet sich bei dem Anblick fast immer die Gelegenheit, möglichst unauffällig tief ein- und auszuatmen. Die Schnappatmung, die auf den Stäffele zur Hohenhaslacher Kirche droht, konnte so vergangene Woche in letzter Minute abgewendet werden.
Denn da gab es ja diese Blümchen zu bestaunen, die auch später an der Station 4 namens Himmelstreppe nochmal lebensrettend eine kurze Rast nötig machten. Übrigens kommt diese Taktik dem weltlichen Impuls dieser Station sehr nahe. Kurz gesagt: „Wer Pausen macht, hat mehr vom Leben“, steht hierzu geschrieben. Oder man bleibt überhaupt erst mal am Leben.
Bei der Pflanze, die zum Anhalten verleitet, handelt sich um einen Vertreter der Familie der Nachtschattengewächse, wissenschaftlich Solanaceae. Viele für uns giftige Vertreter zählen zu der Sippe, der wohl bekannteste dürfe die Schwarze Tollkirsche, Atropabelladonna, sein. Zur Familie der Nachtschattengewächse mit ihren mehr als 2500 Arten zählt auch die Gattung Solanum, Nachtschatten. In diesem Verwandtschaftskreis sind einige aus der Küche bekannte Vertreter vereint, wie zum Beispiel die Kartoffel und auch die Tomate. Als Zierpflanzen sind manche ebenfalls beliebt, beispielsweise der sogenannte Sommerjasmin. Das Blümchen, das neben den Stufen in Hohenhaslach grüßt, ist der Schwarze Nachtschatten, Solanum nigrum. Es fällt auf, weil es streckenweise dicht an dicht entlang der Treppe wächst und weil es noch blüht. Das einjährige Kraut hat weiße Kronblätter und schöne gelbe Staubblätter, den Blüten der Kartoffel durchaus ähnlich, nur zarter. Das Foto ist leider etwas unscharf, was vermutlich durch die körperliche Erschöpfung zu entschuldigen ist. Das heimische Pflänzchen fühlt sich auch sonst fast überall auf der Welt wohl. Nach der Bestäubung der Blüten durch diverse Insekten bilden sich hübsche Beeren aus, die im reifen Stadium schwarz sind.
Alkaloide sorgen für die Giftwirkung der Pflanze. Am höchsten sind dessen Anteile in unreifen Früchten und auch die Blätter haben es in sich. Teilweise wird behauptet, dass die reifen, schwarzen Beeren in manchen Regionen gegessen werden. Ich würde dringend davon abraten. Denn der Giftgehalt kann auch je nach Standort wohl deutliche Unterschiede aufweisen. Sagen wir mal so: Nicht umsonst wird die Pflanze im Volksmund auch Hunds- oder Sautod genannt. Obendrein könnte es sich bei in manchen Artikeln erwähnten Wonderberrys, die angeblich schadlos verspeist werden können, um andere Arten handeln. Also lieber: „Giftpflanzen – Beschauen, nicht kauen“, wie es in einer Broschüre des Landes Nordrhein-Westfalen heißt. Bei Vergiftungen kann es unter anderem zu Mundtrockenheit, Übelkeit, Atemstörungen und im schlimmsten Fall zur Atemlähmung kommen. „Die Beeren des Schwarzen Nachtschattens sind für Kinder sehr attratktiv und werden entsprechend oft gegessen“, heißt es im Buch „Vergiftungen im Kindesalter“ von Brockstedt et al. Bei Kindern genügen teilweise wenige Beeren, um Symptome auszulösen. Vor allem bestehe eine Schwierigkeit darin herauszufinden, in welchem Reifestadium sich die Früchte beim Verzehr befanden, schreiben die Autoren des Buches.
Bei den Wonderberrys, die teilweise beim Schwarzen Nachtschatten genannt werden, handelt es sich vermutlich um eine besondere Kreuzung oder Art, wissenschaftlich Solanum burbankii, erhältlich im Saatguthandel. Einkreuzungen und Verwechslungen mit dem Schwarzen Nachtschatten sind hier aber nicht ausgeschlossen. Im Notfall lieber einmal zu oft bei einer Giftnotrufzentrale anrufen. Die nächste bei uns ist in Freiburg, Telefon 0761 / 19240. Der Industrieverband Agrar sieht den Schwarzen Nachtschatten nicht gerne auf Äckern: „Sein finsterer Name ist Programm: Wenn der Schwarze Nachtschatten auf Äckern auftaucht, ist Vorsicht geboten.“
Auf einem Auricher Acker macht sich derweil ein ebenfalls giftiger Verwandter aus der Familie der Nachtschattengewächse breit, der jedoch ganz anders aussieht. Der Gemeine Stechapfel, Datura stramonium, wächst am Feldrand lustig vor sich hin. Alle rund ein Dutzend Vertreter der Gattung Datura, die es weltweit gibt, sind stark giftig. Der Gemeine Stechapfel gilt laut Bundesamt für Naturschutz als eingebürgerter Neophyt. Im Gegensatz zum Schwarzen Nachtschatten, der nur bis zu 70 Zentimeter hoch wird, kann der Stechapfel auf über einen Meter Höhe anwachsen. Die außergewöhnlichen Stechapfelblüten öffnen sich in der Regel erst nachts, um dann ihren starken, süßen Duft abzugeben und sich von Nachtfaltern bestäuben zu lassen oder für Selbstbefruchtung.
Namengebend für den Trivialnamen sind die stacheligen Samenbehälter, die den Winter über an der Pflanze verbleiben. Die Giftigkeit der Pflanze ist in allen Teilen gegeben, besonders hoch ist die Dosierung der giftigen Inhaltsstoffe in Samen und Wurzeln. Die Vergiftungssymptome können von der Hautrötung über Unruhe, Pupillenerweiterung, Bewusstlosigkeit und schließlich Tod durch Atemlähmung reichen. „Von Experimenten und Versuchen wird dringend abgeraten“, ist auf der Seite des Nationalparks Donauauen zu dieser Pflanzenart zu lesen. Wer sie als Zierpflanze haben möchte, sollte sich gut überlegen, wer oder was sich alles so in seinem Garten tummelt und durch die Giftpflanze in Gefahr kommen könnte. Beim Hantieren mit der Pflanze sind Handschuhe vonnöten, da Hautkontakt ebenfalls vermieden werden sollte.
Überraschenderweise kann ein Wirkstoff der Pflanze per Pflaster hinters Ohr geklebt manchen Menschen das Leben deutlich erleichtern. Scopolamin aus Stechapfel oder Bilsenkraut gilt manchem Seebären als zuverlässigstes Mittel gegen Seekrankheit. Wer Pech hat, bekommt ein paar Halluzinationen gratis dazu. Das klingt nicht sehr beruhigend, denn der Stechapfel ist auch für mögliche Horrortrips bei Rauschmittelkonsum bekannt.
Aber, wie schon gesagt, manchmal können einem selbst Giftpflanzen das Leben retten – einfach angucken, fotografieren und Atem schöpfen.
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