Liebe Leser,
weil’s so schön war, wandelte ich am Sonntag erneut auf dem Weitblickweg in Hohenhaslach. Dort winkte noch ein gar lieblich blaues Blümchen.
Hurra, da ist es wieder, das blaue Blümelein. Wie schön, dass ich inzwischen weiß, wie es heißt. Auf jeden Fall nicht Erika, wie es Ohrwurm und Volkslied nahelegen.
Schon beim ersten Rundgang auf dem schönen Hohenhaslacher Weitblickweg hatte ich es entdeckt und mir Hilfe bei der Bestimmung geholt. Denn die blaue Blüte schien zunächst mal zu keiner mir näher bekannten Pflanzenfamilie zu passen.
Doch nach längerer Suche in Büchern und im Internet fiel die Wahl auf eine Lein-Art, die sich dort am spärlich bewachsenen Hang im Kirbachtal bestandsbildend ausgebreitet hatte. Ich wähnte mich schon als Finderin des seltenen Lothringer Leins – aber das war nur eine vage Vermutung. Hilfe bei der Identifikation der Blume wurde deshalb vom Institut für Botanik und Landschaftskunde von Thomas Breunig in Karlsruhe erbeten. „Nach dem Foto zu urteilen handelt es sich eher nicht um den Lothringer Lein (Linum leonii), sondern um den Österreichischen Lein (Linum austriacum). Diese Art ist ein nicht häufiger Neophyt, der gelegentlich angesät wird und sich inzwischen eingebürgert hat. Im Stromberggebiet gibt es von ihm bisher nur wenige Funde.“
Und einer davon ist ein steiler Südhang gegen Ende des Weitblickwegs. Dort hatten selbst am vergangenen Sonntag noch wenig Knospen und Blüten die Köpfe gereckt.
Die Pflanzenart gehört in der Gattung Lein, wissenschaftlich Linum, zur Familie der Leingewächse. Der Mensch hat schon vor langer Zeit gelernt, sich deren Vertreter zunutze zu machen. Gemeinsam mit Gerste und Weizen zählt derGemeine Lein, Linum usitatissimum, zu den ältesten Kulturpflanzen. „Er wurde schon vor 6000 bis 8000 Jahren von den Ägyptern und Sumerern angebaut und kam in der jüngeren Steinzeit (im 3. Jahrtausend v. Chr.) in das südliche Mitteleuropa“, ist auf der Seite des Schaugartens der Uni Hamburg zu erfahren. Als Stammform werde die schmalblättrige, ausdauernde Wildart Linum angustifolium mit aufspringenden Kapseln angesehen, die im Mittelmeerraum bis Südwestasien vorkommt.
Im Jahr 2005 war dieser Linum usitatissimum, was laut Expertenjury als „äußerst nützlicher Lein“ übersetzt werden kann, zur Heilpflanze des Jahres gekürt worden.
Achtung, jetzt kommt der wohl längste Vereinsnamen weit und breit: Der Verein zur Förderung der naturgemäßen Heilweise nach Theophrastus Bombastus von Hohenheim, kurz auch NHV Theophrastus oder Paracelsus e.V., wählt die zu kürenden Pflanzen aus. Flachs, wie diese einjährige Blume auch heißt, habe der Menschheit schon Jahrtausende lang das Leben erleichtert – dies solle durch die Erhebung zur Heilpflanze des Jahres besonders gewürdigt werden, schreibt Maria Vogel vom NHV Theophrastus in der Huldigung. Lein wird sowohl direkt als Heilmittel verwendet wie auch für Speiseöl oder als Fasergrundstoff für Kleidung und andere Stoffe. Verschiedene Sorten wurden je nach gewünschtem Ergebnis herausgezüchtet. Öllein ist mit an die 50 Zentimeter kleinwüchsiger als der bis zu 1,50 Meter hohe Faserlein.
„Bis weit in das 18. Jahrhundert war Flachs bei uns die wichtigste Pflanzenfaser und neben Wolle der Textilrohstoff schlechthin. Zunächst die Baumwolle und schließlich die synthetischen Fasern haben den Flachs dann aber fast vollständig verdrängt“, schreibt der Nabu zum Flachs. Mitte der 1980er Jahre sei der Leinanbau in kleinem Maßstab wieder aufgenommen worden, so der Naturschutzbund weiter. Das habe vor allem an den ab 1987 fließenden Agrarbeihilfen aus Brüssel gelegen. Aus dem gleichen Grund wurde auch mehr Öl- als Faserlein angebaut, obwohl Öllein generell wärmebedürftiger sei und sich seine Anpflanzung eher in südlichen Ländern lohnt. In Ägypten sei das weiße Linnen Symbol für Licht und göttliche Reinheit. Die Pharaonen wurden vor ihrer Mumifizierung in Leinentücher gehüllt. Da viele Menschen heute mit Allergien zu kämpfen haben, könne Flachs als Naturmaterial eine echte Alternative sein.
Der Ölgehalt der Leinsamen liege bei 30 bis 50 Prozent, so der Nabu weiter. Unter Lufteinfluss verbinden sich die Fettsäuren zu sehr beständigen Riesenmolekülen. Leinöl dient deshalb unter anderem als Bindemittel in Lacken und Firnis. Außerdem werde aus Leinöl der Bodenbelag Lineoleum hergestellt. Auch in der Küche sollte das wertvolle Leinöl laut dem Naturschutzbund mit seinen essenziellen, also für den Menschen lebensnotwendigen, Fettsäuren nicht fehlen. Viele Spezialitäten wie Pellkartoffeln mit Quark aus dem Erzgebirge erhalten erst durch Leinöl ihren unverwechselbaren Geschmack, so der Nabu. Leinsamen enthält außerdem hohe Mengen Ballaststoffe und relativ viel Kalium, man könne ihn ganz oder geschrotet gut zu Müsli beimischen, so die Naturschützer weiter.
Als Heilpflanze habe der Lein immer eine wichtige Rolle gespielt, heißt es in der Würdigung des NHV Theophrastus. Hippokrates nenne ihn als Mittel gegen Katarrhe, Leibweh und Durchfall. Paracelsus erwähnt ihn zur Reizlinderung bei Husten. Hildegard von Bingen setzte ihn ein gegen Gürtelrose.
Heute werde Lein vorwiegend als mildes Abführmittel eingesetzt. Aber auch bei Magen- oder Darmschleimhautentzündungen und Entzündungen im Mundbereich sollte an diese Pflanze gedacht werden.
Das Leinöl enthalte den Inhaltsstoff Lignan, von dem eine Schutzwirkung gegenüber Darm- und Brustkrebs vermutet wird.
Äußerlich wird das als Hausmittel bekannte Leinsamensäckchen bei Zahnschmerzen, Ischias, Rheuma, Gallenkoliken, Blasen- und Nierenleiden oder Gesichtsneuralgien heiß aufgelegt. Leinöl sei auch Bestandteil in hochwertigen Kosmetika zum Hautschutz.
Als Inhaltsstoff von Heil- und Zugsalben habe Leinöl schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung, was durch den hohen Anteil an Alpha-Linolensäure, sprich Omega-3-Fettsäure, erklärt wird.
Unser Hohenhaslacher Fundstück, der Österreichische Lein, soll in Deutschland zum ersten Mal um 1860 in Thüringen aufgetaucht sein. Er ist eine mehrjährige, krautige Pflanze, die bis zu 60 Zentimeter hoch werden kann. Besonders wohl fühlt sich die Blume auf trockenen Standorten. Ihre ursprüngliche Heimat soll Vorderasien gewesen sein, es wird vermutet, dass der Österreichische Lein mit Saatgut eingeschleppt wurde. Heutzutage kann die Pflanzenart selbst als Saatgut oder Staude in Gärtnereien gekauft werden, als Lückenfüller zwischen Stauden, für den Steingarten, Dachbegrünung und Balkonkästen. Die niedlichen Blüten öffnen sich nur in den Morgenstunden. Diese Leinart soll nur bis September blühen – es konnten neulich aber noch vereinzelte blaue Blütenblätter am Hohenhaslacher Hang gefunden werden.
In dem Buch von 1823 „Gründliche und umfassende Abhandlung über Leinbau und Flachsveredlung (...)“ von Johann Paul Kolbeck ist Folgendes zu lesen: „Den österreichischen Lein fand Herr Optiz von Prag in einem böhmischen Walde auf einem aus Flugsand bestehenden Boden (...) es wäre für die Öl- und Flachsgewinnung zu wünschen, dass er sich in vielen Wäldern häufiger vorfände.“ In meinem alten Bestimmungsbuch Schmeil-Fitschen „Flora von Deutschland“ von 1982 wird der Österreichische Lein als zerstreut vorkommend bezeichnet. „Sonnige Kalktrockenhänge, wohl nur eingeschleppt aus Südost-Europa und stellenweise eingebürgert“.
Das Blümchen ist laut Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt. In unserer Weinbaugegend mit dem entsprechenden Klima dürfte sich dieser Lein wohlfühlen. Der Österreichische Lein findet sich sogar als empfohlene Staude in der Pflanzenliste im aktuellen Bienen-Weidekatalog von Baden-Württemberg. Aber, ist bei der Pflanzendatenbank für Gartenarchitektur zu lesen: „Der botanisch versierte Purist setzt außerhalb seines (bezieht sich auf den Österreichischen Lein, Anm. der Red.) natürlichen Verbreitungsgebietes an seiner statt für naturidentische Trockenrasen selbstredend den Ausdauernden Lein ein“, Linum perenne. Also, an alle Gartenfreunde: 2020 nicht blaumachen, sondern im Grünen mit Lein mal blau machen.
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s.ruecker@vkz.de


