Liebe Leser,
zum Jahreswechsel kommt die Sache mit den guten Vorsätzen auf uns zu. Weniger ärgern, das nehme ich mir vor – unter anderem.
Es wird bestimmt nicht leicht, mich weniger aufzuregen, denn bei mir ist das vermutlich zu einem guten Teil genetisch bedingt. Aber ich bin nicht allein, nur dabei nicht so erfolgreich wie zum Beispiel Louis de Funès oder sein modernes Pendant Hans-Joachim Heist alias Gernot Hassknecht. Beide neigen in ihren Figuren extrem zum Ärgern.
Aber zunächst mal das Gute am Ärgern: Es gilt als Basis-Gefühl unseres menschlichen Daseins und zeigt insofern, dass man noch lebt. Wie viele und welche Grundgefühle es gibt, sei zwar umstritten, schreibt das Spektrum-Lexikon der Neurowissenschaften. Furcht, Freude, Trauer, Ekel und Ärger seien jedoch die besten Kandidaten, dazuzugehören. Gehört man jedoch zu dem Teil der Menschheit, der sich überdurchschnittlich oft ärgert, kann das die Gesundheit negativ beeinflussen.
Neulich war es bei mir wieder so weit. Es war spät an einem Freitagabend und – zack – wie ein Blitz fuhr es in mich hinein und ich begann, mich aufzuregen. Denn am nächsten Morgen würde ein Artikel erscheinen, von dem mir schwante, dass ein Satz davon nicht ganz unproblematisch sein könnte. Wieso zum Donner fällt einem das erst ein, wenn die Zeitung schon im Druck ist?
Also, es war eine Stelle im Artikel über den Österreichischen Lein in den Phänomenen der Natur. Dort schwurbelte ich etwas von einem blauen Blümelein, Erika und Volkslied. Ich hatte auch kurz gegoogelt und Tony Marshall in dem Zusammenhang mit dem vermeintlichen Lied entdeckt. Und doch deuchte mir, dass mehr dahinter steckt.
In der Tat: „Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein, und das heißt, Erika“ war ein Marschlied, das in den 30er-Jahren der Feder des deutschen Komponisten Herms Niel entstammte. „Er war Kapellmeister beim Reichsarbeitsdienst und dirigierte auf den Reichsparteitagen der NSDAP in Nürnberg“, heißt es in einem Bericht der Sendung „Klassik“ des Bayerischen Rundfunks. Die Texte vieler seiner Marschlieder seien nicht soldatisch-aggressiv. Die „Erika“ beispielsweise betone die Heimatverbundenheit und die zartfühlende Seite der Seele des kämpfenden deutschen Mannes. „Und während vorgerückt wird und die Sturmgeschütze das Feuer auf die Dörfer an der Front eröffnen, singt der Soldat von summenden Bienlein und den Blümlein, die auf der Heide blühen. Diese Marschlieder sind verlogene Propaganda“, heißt es weiter im Textbeitrag zum Audio unter www.br-klassik.de, in dem in beeindruckender Weise moderne und militärische Versionen des Lieds angespielt werden. Denn ungeachtet ihrer Historie wurde die „Erika“ später auch bei der Bundeswehr gesungen und Tony Marshall hatte sie in den 70er Jahren vertont. Da stellt sich die Frage: Können Lieder böse sein? Darf oder will man solche Lieder noch hören, geschweige denn singen? Oder sind Lieder in sich selbst frei von jeder Schuld? Das sind, finde ich, keine einfach zu beantwortenden Fragen. Wie viele Lieder man so vor sich hin singt, deren Geschichte man nicht kennt, steht wieder auf einem anderen Blatt. Aber die „Erika“, die ist mir jetzt gründlich vergangen.
Jedenfalls wurde mir ob meiner Liedwahl schon ganz blümerant. Aber dank meiner Dusseligkeit hatte ich mich nicht auf das Lied mit der dunklen Vergangenheit bezogen. Denn ich hatte ja von einem blauen und nicht von einem kleinen Blümelein namens Erika geschrieben. Mein zitiertes Lied gibt es folglich meines Wissens nicht. Ein solches Versehen ist eigentlich auch richtig ärgerlich, in diesem Fall war es jedoch von Vorteil.
Aber es gibt ja noch etliche sonstige Aufreger, über die ich mich 2019 trefflich ärgern konnte. Zum Beispiel die Sache mit den Lampen und der Katze. Haben Sie in letzter Zeit mal Lampen gekauft? Das ist kein einfaches Unterfangen, denn oft besteht das Angebot hauptsächlich aus Lampen, bei denen die Leuchtmittel nicht mehr vom Kunden ausgetauscht werden können. Das heißt, dass im Fall der Fälle die gesamte Lampe im Müll landet. Wer das nicht will und im Internet Lampen mit austauschbaren Leuchtmitteln bestellt, sieht sich unter Umständen einer wahren Verpackungsorgie gegenüber. Die Rückersche Lampengeschichte hatte noch weitere Sonderaufreger in petto und trug insgesamt zur Blutdruckerhöhung bei.
Bei der Katze trug es sich zu, dass ich im Frühjahr einer sichtlich gut genährten Hauskatze eine Eidechse aus dem Maul gewunden hatte. Ein Zuschauer meinte hierzu, ich hätte mich in den Naturhaushalt eingemischt. Das hat mich dann doch ziemlich aufgeregt. Aber immerhin hat die Eidechse überlebt.
Wer sich wie ich über Stuttgart 21 aufregen kann und sich zum Jahresabschluss nochmal richtig ärgern will, dem lege ich „Die Anstalt“ mit „Wer ist schuld an Stuttgart 21?“ vom ZDF und die SWR-Folge der Eisenbahn-Romantik zur Gäubahn ans Herz. Beides von diesem Jahr und in den Mediatheken abrufbar.
Da Ärgern aber nicht gesund ist, widmen wir uns jetzt lieber ein paar Strategien zum Gegensteuern
Ärger ist in der Menschheitsgeschichte verwurzelt, Stresshormone werden ausgeschüttet, wir sind bereit für die Konfrontation, unsere Mimik spiegelt das Gefühl wider. Auch heute kann Ärgern Sinn machen, zum Beispiel um Ziele durchzusetzen oder zu spüren, dass Änderungen anstehen. Ärger kann uns auf die Palme bringen, wenn beispielsweise unsere Pläne durchkreuzt werden. Wenn wir gemütlich im Auto fahren und jemand uns schnittig die Vorfahrt nimmt, ärgern wir uns. Noch größer wird dieser Ärger, wenn wir davon ausgehen, dass dies nicht aus Not oder Versehen geschah, sondern mit Absicht.
Dabei raten Fachleute davon ab, sich den Ärger ständig von der Seele zu brüllen, denn dann bleibe man auf hohem Ärger-Niveau stecken. Ärger immer „herunterschlucken“ sei allerdings auch nicht gesund. Am besten sei die Ärger-Kontrolle. Als erste Maßnahme kann hierbei tief durchgeatmet und bis Zehn gezählt werden. Im Magazin der Techniker-Krankenkasse heißt es hierzu, Ärgerforscher wie der Mainzer Psychologieprofessor Dr. Thomas Kubiak hätten festgestellt, dass die heiße Phase des Ärgers meist nicht länger als zehn Minuten dauere. Die körperlichen Veränderungen während des Ärgerns seien meist nach spätestens einer Stunde abgebaut. Man dürfe sich nur nicht immer wieder aufregen. Am besten sei, den Ärger annehmen, ihn vorübergehen lassen und sich dann um eine konstruktive Lösung des Problem bemühen.
Im „DUZ-Magazin“, einer Fachzeitschrift für Hochschulen und Wissenschaft, nimmt Psychologe und Karriereberater Christoph Burger herumstehendes Dreck-Geschirr der Kollegen als Ärger-Beispiel. Er rät, darüber nachzudenken, was hinter dem Ärger über das ungespülte Geschirr stecken könne. Sein Ansatz ist es, Ärger und Wut in positive Energien umzuwandeln. Vielleicht sage einem die Kaffeetasse, dass man sich im Team nicht wertgeschätzt fühle und nur den Dreck für andere wegräume. Der Ärger sei hier durchaus ein Hinweisgeber für die eigenen Bedürfnisse, die man dann konstruktiv angehen könne. Wer für Ärger anfällig ist, potenziert sein Stresserleben, schreibt „spiegel-online“ und rät unter anderem zur Ablenkung. Man solle einen Buchstaben auswählen und fünf Dinge, die mit jenem beginnen und einem Wohlbefinden verursachen, überlegen. Wer anfällig fürs Ärgern ist kann die ruhige Zeit zwischen den Jahren auch dazu nutzen, sich Ratgeber für den Umgang damit anzuschaffen und zu lesen. Denn unabhängig von anderen Risikofaktoren kann übermäßiges Ärgern dem Herzen richtig Schaden zuführen, fanden Forscher der University of North Carolina heraus.
Also nehme ich mir hiermit vor, mich weniger zu ärgern, mit dem Rauchen aufzuhören und abzunehmen. Zur Beruhigung werde ich ein paar Folgen La Linea gucken. Das ist das italienisch nörgelnde Zeichentrickmännchen mit der durchgehenden Linie, das einen zum Lachen bringt. Mit Humor lässt der Ärger über das Misslingen meiner Vorhaben nämlich schneller nach.
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