Liebe Leser,
heute ist der Tag des Regenwurms. Dieser wurde von Naturschützern ins Leben gerufen, um den Helden des Bodens zu feiern. Aber nicht überall ist jeder Vertreter der Familie willkommen.
Ich finde sie schon sensationell, unsere Regenwürmer. Sie sind nicht nur super für den Boden, sondern fühlen sich auch klasse an. Mich persönlich ekelt es viel mehr davor, große Käfer in die Hand zu nehmen – also bis vor Kurzem, siehe Artikelende. Regenwürmer dagegen sind kühle Burschen, die sich mit der Kraft ihres Hydroskeletts gegen die rettende Hand stemmen. Dieses hydrostatische Skelett besteht aus einer flüssigkeitsgefüllten, segmentierten Leibeshöhle, die als Gegenspieler zum Hautmuskelschlauch fungiert. So kann der Regenwurm das bis zu 60-fache seines Körpergewichts stemmen und zählt zu den stärksten Tieren in Relation zu seiner Größe. Der Gemeine Regenwurm, auch Tauwurm genannt (wissenschaftlich Lumbricus terrestris), bohrt mehrere Meter tiefe Gänge. „Er durchwühlt den Boden sehr intensiv“, schreibt der Naturschutzbund Deutschland. „In einen Kubikmeter Ackerboden graben die Regenwürmer bis zu 900 Meter Röhren, die später von den Pflanzenwurzeln bewachsen werden. Diese sorgen für eine gute Bodenbelüftung und Wasserversorgung“, lobt der Industrieverband Agrar.
Insgesamt leben laut Naturschutzbund Deutschland 46 Arten aus der Familie der Regenwürmer in Deutschland. Das Clitellum, der sogenannte Gürtel, ist der meist hellere Ring und er zeigt dem Betrachter in der Regel, wo sich beim Wurm das Vorderende befindet. Zwar ist die Regenerationsfähigkeit der Ringelwürmer berühmt, zerteilt man aber einen Regenwurm, wachsen nicht zwei vollwertige Exemplare heran. Nur das Vorderende kann sich wieder zum Vollwurm entwickeln. Das Hinterende kann sich ein zweites Hinterende zulegen, heraus kommt ein Tier mit zwei After ohne Mund - nicht sonderlich lebensfähig.
„Einen besseren Untermieter im Garten als den Regenwurm kann man sich fast nicht wünschen“, schreibt der Nabu. Er grabe um, kompostiere altes Laub und dünge mit seinem Kot den Garten. Durch sein stetiges Graben belüfte der Regenwurm den Boden und schichte Nährstoffe von unten nach oben. Ein Regenwurm grabe und fresse quasi ohne Unterlass, vermutlich brachte ihm das vor Jahrhunderten den Namen „reger Wurm“ ein, aus dem im Lauf der Zeit wohl der Regenwurm wurde.
Vielleicht spielt aber auch die Tatsache eine Rolle, dass er vor allem bei Regen zu sehen ist. Fällt lange genug Wasser vom Himmel, verlässt der Geringelte sein Domizil im Erdreich und schiebt sich heutzutage oftmals über den Asphalt der Straßen. Das kann ein echter Wurmliebhaber nicht mit ansehen. Denn hier lauert die Gefahr durch Reifen, Schuhe, Sonne und Fressfeinde. Dummerweise scheint der Wurm auch noch mit Vorliebe längs auf Feldwegen und Dorfstraßen umherzuwandern. Dieses Verhalten ist vermutlich weniger eine Frage der Intelligenz, als vielmehr eine Frage der Perspektive und Gewohnheit. Bei Gefahr strebt der Wurm normalerweise nach unten. Außerdem überblickt der Wurm eher nicht, dass es einen Straßenrand gibt, der Rettung verheißen könnte, denn das ist ohne ordentliche Augen und aus diesem Winkel heraus quasi unmöglich.
Als Grund für das Herauskriechen aus dem Untergrund bei Regen wurde den Würmern früher die Angst vor Ertrinken unterstellt. Das ist eher nicht der Fall, denn sie atmen durch ihre Körperoberfläche und ihr Blut ist im Übrigen auch rot, da der rote Farbstoff Hämoglobin als Sauerstoffträger dient.
Wenn der Sauerstoffgehalt hoch genug und das Wasser nicht zu warm sei, können Regenwürmer mehrere Wochen lang vollständig in Wasser eingetaucht gehalten werden, zitiert die Uni Münster frühere Untersuchungen. Erklärungsversuche für die Wanderung bei Regen an die Oberfläche sind die Flucht vor möglichen Fressfeinden, da der Regen Vibrationen wie die Näherung eines Maulwurfs verursache. Dem Maulwurf wird eine besondere Jagdmethode unterstellt: „Er lähmt den Wurm mit einem Biss in den Kopfbereich und legt ihn sich als Vorrat für den Winter bereit. So wurden einmal über 500 Regenwürmer in einem Maulwurfsbau gezählt“, ist auf der Seite regenwuermer.info zu lesen. Die Deutsche Wildtierstiftung berichtet, dass sich der Maulwurf einfach an tierischer Tiefkühlkost labt, dann nämlich, wenn sich die Würmer im Winter in einer Art Kältestarre befinden. Zurück zum Exodus bei Regen, hier wird auch die Angst vor Einsturz der Wohnröhren diskutiert. Oder aber den Regenwurm erfasst einfach eine gewisse Wanderlust, die eben bei Regen ohne Austrocknungsgefahr möglich ist.
Wohl alle Regenwurmarten legen sich Wohnröhren in der Erde an, auch wenn sie die Streu besiedeln und einer sogenannten epigäischen Lebensweise frönen. Denn zum Überdauern der Sommer- und Wintermonate im Ruhemodus ist es im Untergrund immer noch besser - außer, der Maulwurf kommt. Der Gemeine Regenwurm zieht laut Nabu in einer Nacht bis zu 20 Blätter in seine Wohnröhre und klebt sie mit seinem Schleim fest. Aber bevor der zahnlose Wurm fressen könne, müssen Pilze und Bakterien die Pflanzenteile mundgerecht für ihn zerkleinern. Und das bedeutet: Das Blatt verrottet, wie in einem Komposthaufen. Beim Fressen dieser Köstlichkeit gerate auch Erde mit in den Wurm, dort wird die Masse mit Pilzen und Bakterien vermischt und heraus komme besonders gute Erde.
Manchmal wird der Wurm aber auch zur Plage. So berichtete die Landwirtschaftskammer Salzburg im vergangenen Herbst vom massenhaften Auftreten des Schwarzkopfregenwurms, der immer mehr Betriebe im Flachgau in Bedrängnis bringe. Zum Problem wird der Schwarzkopfregenwurm laut Landwirtschaftskammer Tirol durch die enormen Mengen an Kot, die er in neubesiedelten Flächen an die Erdoberfläche aufstößt, es entstehen dabei bis zu acht Zentimeter hohe Kothäufchen, die dicht gedrängt aneinander liegen. Dadurch werde die landwirtschaftliche Nutzung der Wiesen erschwert beziehungsweise komme zum Erliegen. An Hängen können die landwirtschaftlichen Fahrzeuge abrutschen, Grünfutter, Grassilage und Heu werden mit Erde verschmutzt und von den Tieren nur ungern gefressen. Nicodrilus nocturnus, wie der Bursche wissenschaftlich heißt, sei in Großbritannien, Frankreich, Italien, in der Westschweiz und im Schweizer Mittelland heimisch und mache dort keine Probleme. Trotz vieljähriger Bemühungen seien bis heute keine wirksamen und sinnvollen Bekämpfungsmaßnahmen bekannt.
Ja und wer hätte das gedacht, der geliebte Tauwurm unserer Böden macht in Nordamerika der Natur das Leben schwer. Wissenschaftler vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig hatten vor wenigen Jahren erstmals nachgewiesen, dass europäische Regenwürmer die Artenvielfalt in dortigen Wäldern dezimieren. Denn während der letzten Eiszeit vor etwa 12 000 Jahren seien dort fast alle Regenwürmer ausgestorben. Es hatten sich Ökosysteme mit Böden ohne Regenwürmer entwickelt. Doch Siedler schleppten die Würmer wieder ein, die bis heute von Anglern verbreitet werden. „Nun schiebt sich eine Regenwurminvasion wie eine Front mit etwa fünf Metern pro Jahr durch die Wälder und verändert die physikalischen und chemischen Eigenschaften der Böden“, so die Forscher. Lumbricus terrestris zum Beispiel, unser Tauwurm, trage basischen Boden aus tieferen Schichten nach oben. Am Waldboden verschwindet die Laubstreu, da sie von den Würmern gefressen und in Humus umgewandelt wird. Die Böden trocknen rascher aus, da Wasser schneller abfließt. Der Regenwurm als Öko-Feind, wer hätte das gedacht.
Bei uns dürfen sie natürlich weiterhin guten Gewissens gerettet werden, wenn auch vor dem Hintergrund, dass die Süßen einiges an Parasiten in sich tragen können. In Zukunft rette ich vielleicht eher mit Stöckchen. Eines sollte man sicherlich nicht tun: Sie zum Fressen gern haben.
Bei der nächsten Mutprobe also lieber auf den Wurm verzichten und auf ... hm ... Kutteln umsteigen. Das ist manchen ja als Nahrung ebenso suspekt wie ein Regenwurm. Da wäre ich aber gleich dabei. Am besten mit Trollingersößle.
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