Stuttgart - Im Blaumann kam Andreas Zaiß ins Rathaus. Um fürs 50. Stuttgarter Weindorf zu werben. Kurz allerdings nur. Denn er hatte noch richtig was zu schaffen. Er ist nicht nur Vorstand des Bürgervereins Pro Stuttgart, der das Weindorf ausrichtet; sondern Wengerter und Wirt beim Weindorf. Der schauen muss, dass seine Laube rechtzeitig fertig wird bis zur Eröffnung am Donnerstag.
Am Samstag nach dem Ende des Wochenmarktes sind 52 Laster auf den Marktplatz und den Schillerplatz gefahren, haben kubikmeterweise Holz abgeladen. Gut 100 Handwerker haben sich ans Werk gemacht, um die 119 Lauben der 32 Wirte zusammenzuzimmern und auszustatten, damit am Donnerstag um 12 Uhr das erste Viertele ausgeschenkt werden kann. Den Gästen gebührt das Recht des ersten Schlucks, die Honoratioren trinken erst am Abend, wenn im Innenhof des Alten Schlosses dann um 19 Uhr das Weindorf offiziell eröffnet wird. Von OB Frank Nopper und dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Manuel Hagel.
Donnerstagabend? Ja, in der Tat. Wer sich über die Jahrzehnte daran gewöhnt hatte, das Weindorf beginne mittwochs, muss umdenken. Denn dieses Weindorf ist ein besonderes, vor 50 Jahren wurde es aus der Taufe gehoben. Und zur Feier des Jubiläums darf 17 Tage lang gefeiert werden, von Donnerstag bis Samstag, 5. September. Wie es nächstes Jahr aussieht, ist noch nicht ausgemacht. Da werden alle erst in ihre Kassen und auf ihre Konten schauen; aber die Erfahrung lehrt, Publikum und Wirte gewöhnen sich schnell an solche Ausnahmen. Und weil sich so ein Jubiläum auch gut eignet, „neue Impulse“ zu setzen, wie Pro-Stuttgart-Geschäftsführer Dominik Schwab das ausdrückt, hat man sich auch ein neues Logo gegönnt. Burgunderrot. Passt jetzt nicht zum Trollinger, wenngleich man die Traditionalisten trösten darf, es gibt den schwäbischen Hauswein noch. Auch beim Weindorf.
Bei Andreas Zaiß etwa. Für sechs Euro gibt es bei ihm ein Viertele, „moderat aufgeschlagen“ hat er, weil der Mindestlohn gestiegen sei und der hohe Preis für die Energie auch bei ihm und den Kollegen durchschlägt. Mittags sei das günstigste Viertele durchaus gefragt, auch das Tagesessen für 12 bis 13,50 Euro. Abends darf es dann auch für den schwäbischen Genießer mal teurer sein, „da gibt es nach oben keine Grenze“.
Wobei, eine Grenze gibt es doch. Champagner ist weiterhin nicht erlaubt. Weine und Sekt müssen ausnahmslos aus Baden-Württemberg sein. Beim Motto ist man da nicht so päb, beim Weindorf in der Hauptstadt des „Länd“ trifft man sich zu „Wine & Dine“. Macht zugegeben auch mehr her als schlucken und vespern.
Diese Diskussion rund um den Schampus wurde zu Genüge geführt, bei Pro Stuttgart will man auch nicht mehr über Verbote diskutieren. Und lieber Anreize schaffen, wie man das so schön nennt. Also hat man ein Weindorf-Zertifikat eingeführt für Speisen, deren Zutaten zu 75 Prozent aus dem Land stammen. Bisher haben acht Betriebe das Zertifikat bekommen.
Kein Zertifikat mehr bekommen hat die Kulturlaube. Sie heißt nun BW-Bank Laube „echt regional“ und bietet nicht mehr Kleinkünstlern eine Bühne, sondern elf kleineren Weingütern aus der Region, die hier ihre Weine ausschenken können. „Mehr Wine & Dine“ statt „Art“, auch weil die Bühne direkt am Eingang vom Schlossplatz her dazu verführt hat stehen zu bleiben und so den Durchgang erschwerte.
Die Stunde der Vielfalt gibt es dieses Jahr auch nicht, was aber nicht an der Infrastruktur liegt, sondern daran, dass selbst für Tausendsassa Jens Zimmermann, Vorstand von Pro Stuttgart, der Tag nur 24 Stunden hat. Als Moderator war er am Wochenende in Frankfurt bei der EM der Sportgymnastik, am Mittwoch ist er in Oberstdorf beim Skispringen, am Donnerstag moderiert er dann die Weindorf-Eröffnung in Stuttgart. Wer so viel unterwegs ist, kommt schwerlich zum Planen und Organisieren.
Die Stunde der Vielfalt soll nächstes Jahr aber wiederkommen. Und mutmaßlich auch das Merchandise. Eigene Klamotten hat man mit Jako entworfen. Von den 300 Jubiläumstrikots gibt es nur noch wenige. Nummeriert sind sie. Und Nummer eins lässt gerade Paralympics-Sieger Niko Kappel von allerlei Prominenten signieren, es wird bei Eppli am Samstag, 21. August, versteigert. Zugunsten von Kappels gGmbH Kleinformat zur Förderung von Inklusion. Integrieren will man auch Jüngere beim Weindorf. „Ein Fest für die Eltern und Großeltern“ sei das Weindorf, so zumindest hat es Schwab vernommen. Deshalb gibt es im Verbund mit Chimperator drei Konzerte im Hof des Alten Schlosses. Tom Twers, Kink Kong Kicks und Morpheuz treten auf. Und sollen zeigen: Das Weindorf ist auch was für die Generation Z.

