Stuttgart - Man muss es hin und wieder sagen: Das Wahrzeichen des Cannstatter Volksfestes ist nicht der Maßkrug. Es ist die Fruchtsäule. Die hat man auf dem Wasen nicht als weithin sichtbaren Treffpunkt aufgebaut, sondern sie kündet mit Obst, Gemüse und Blumen geschmückt vom Ursprung des Festes, das 1818 als Erntedankfest nach überstandener Hungersnot gestiftet wurde. Die 179. Auflage des Volksfestes wird von Samstag an gefeiert. Und ist über die Fruchtsäule hinaus weit mehr mit der Tradition des Festes verbunden als ihre Vorgängerinnen: Denn heuer findet das Landwirtschaftliche Hauptfest statt.
Alle vier Jahre wird der Wasen zum größten Bauernhof des Landes. 200.000 Besucher werden zu der Agrarmesse erwartet, die vom 27. September bis zum 4. Oktober parallel zum Volksfest stattfindet. Sie geht zurück auf die Stiftung des Festes durch König Wilhelm I. und Königin Katharina, denn die Bauern sollten nicht nur feiern, sie sollten auch wetteifern, Ideen austauschen, Produkte entwickeln, dass niemals mehr im Lande jemand hungern sollte. Der Rhythmus hat sich zwar verändert, Stuttgart wurde zum Standort der Industrie, doch alle vier Jahre kehrt das LWH zurück, mit Landmaschinen und Tieren aller Art.
Gemeinderat strich Geld fürs Historische Volksfest
Für das neue Führungsduo Guido von Vacano und Christian Eisenhardt ist das erste Volksfest unter ihrer Ägide damit gleich eine besondere Herausforderung. Dass sie nicht noch größer geworden ist, dafür sorgte der Gemeinderat, indem er das Geld fürs Historische Volksfest strich. Das wurde seit dem 200-Jahr-Jubiläum des Volksfestes 2018 alle vier Jahre auf dem Schlossplatz veranstaltet, und sollte eigentlich 2026 wieder aufgebaut werden. Doch die Stadträte sparten es ein. Man bleibt also in Bad Cannstatt mit den Festen. Weil weniger Platz ist auf dem Wasen für den Rummel, mit 240 Betrieben sind rund 60 weniger als sonst dabei. Dabei sind aber gleich zehn neue Geschäfte, darunter sieben Fahrgeschäfte. Die Wilde Maus XXL ist mit 605 Metern Schienenlänge und 19 Kurven das größte reisende Fahrgeschäft dieser Art. Das Riesenrad City Star steht ohnehin schon eine Weile, in 65 Meter Höhe ragte es schon seit Wochen über den Wasen. Der Ghost Rider, das Kanurah und der Booster sind eher für jene mit robustem Magen geeignet, die Geisterbahn Diablos Residenz für die Unerschrockenen. Das Laufgeschäft Flower Power feiert die Ästhetik der 70er Jahre.
Was einen daran erinnert, dass man nicht mehr in den 70er Jahren lebt, sind nicht nur die Frisuren und die Klamotten, sondern auch der Bierpreis. Bis zu 15,60 Euro kostet die Maß Bier dieses Jahr. Im Vorjahr waren es noch bis zu 15,20 Euro. „Wir erleben auch, was die Menschen erleben, wenn sie an die Tankstelle fahren oder einkaufen gehen“, sagt Wirtesprecher Marcel Benz, Wirt im Hofbräu-Zelt. Alles wird teurer. Die Kosten steigen, für Energie, Personal, Rohstoffe, zudem sei das Platzgeld erhöht worden, sagt Benz. Wenn davon spricht, „die Tradition zu ehren“, meint von Vacano ganz sicher nicht das stete, auch schon traditionelle Steigen des Bierpreises, sondern das „behutsame Entwickeln des Festes“. Und gerade dafür sieht er einen großen Bedarf. Denn stehe doch schon die Gründung des Volksfestes für „Zuversicht und Vertrauen in die Zukunft“. Zwei Eigenschaften, die dem Deutschen im Allgemeinen und dem Schwaben im besonderen seit jeher schwerfallen. Und in diesen Zeiten vonnöten sind. Deshalb wagt sich Johannes Ellenberg mit dem Verein Startup Stuttgart aufs Volksfest. Sie veranstalten am Mittwoch, 7. Oktober, den Gründerwasen. Mit Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Krautt und OB Frank Nopper. Raus aus dem Labor, aus dem Elfenbeinturm, „denn hier beim Volksfest sind die Menschen“, sagt Startup-Präsident Johannes Ellenberg, „da wollen wir hin.“
Die Zukunft gestalten, ohne die Tradition zu vergessen. Das ist seit jeher das Anliegen von Wulf Wager, Organisator des Volksfestumzuges. Der zieht am Sonntag, 27. September, um 11 Uhr durch Bad Cannstatts Straßen zum Volksfest. 60 Festwagen sind dabei, so viele wie noch nie. 4000 menschliche Teilnehmer und 100 Pferde, Esel, Schweine und Ziegen. Die Fraktion Linke/SÖS/Tierschutz hat einen Antrag eingereicht, dass der Umzug künftig ohne Tiere stattfindet. Behandelt wird der Antrag allerdings erst nach dem Umzug. Der Cannstatter Volksfestverein als Organisator betont, dass selbstverständlich die gesetzlichen Vorgaben des Tierschutzgesetzes eingehalten werden. Der Umzug sei ein lebendiges Schaufenster baden-württembergischer Geschichte, echter Traditionen und Brauchtumspflege. „Hierzu gehören seit jeher auch Pferde, Ochsen, Kühe, Ziegen und andere landwirtschaftliche Nutztiere, die geeignet und trainiert sind, an diesem Festzug teilzunehmen.“ Volksfestverein hat aber nun reagiert, er hat erstmals neben 300 ehrenamtlichen Helfern noch Ordner engagiert, um zu verhindern „dass so genannte Tierschützer den Umzug stören“.
Die Sicherheit auf dem Platz ist die Aufgabe der Polizei. Diese hat es dieses Jahr etwas leichter, weil der Tag der deutschen Einheit auf einen Samstag fällt. Es also keinen zusätzlichen Feiertag gibt mit enormem Publikumsandrang. Und auch der Europäische Fußballverband hilft den Sicherheitsbehörden. Weil die Länderspielpause drei Wochen dauert, gibt es kein einziges Heimspiel des VfB während der Volksfest-Zeit. Für die Beschicker und die Wirte ist das ärgerlich, für die Polizei eher praktisch, zumal es wegen des Landwirtschaftlichen Hauptfestes keine Parkplätze gibt. Es empfiehlt sich also die Stadtbahn-Sonderline U11 zum Wasen zu nehmen.
Sich die Fruchtsäule genauer anzuschauen, lohnt sich dieses Jahr übrigens besonders. Sie ist nämlich neu. Und ganz aus Stahl. Da verbindet sich Tradition mit der Zukunft.
Das 179. Cannstatter Volksfest
Info
Das Volksfest beginnt am Freitag, 25. September, mit dem Fassanstich um 16 Uhr. Gefeiert wird bis zum Sonntag, 11. Oktober. Geöffnet haben die 240 Betriebe von Montag bis Donnerstag von 12 bis 23 Uhr, freitags von 12 bis 24 Uhr, samstags von 11 bis 24 Uhr, sonntags von 11 bis 23 Uhr.

