Stuttgart

Zeit für die Zeitenwende beim Klimaschutz m schutz

Angesichts des Extremsommers wäre eine Reaktion in der Klimapolitik angebracht. Stattdessen herrscht Resignation.

Sagt noch jemand Jahrhundertsommer? Als es 2003 außergewöhnlich heiß in Deutschland war, schien der Begriff passend. Allerdings hatte das Jahrhundert gerade erst angefangen. Trotzdem hielt man während der langen Hitze 2018 daran fest. Auch 2019 und 2022. 2025 sagten einige dann schon: Sommerjahrhundert. Oder einfach: Klimakrise.

Dieses Jahr könnte es noch mehr Hitzetage geben als 2003. Außergewöhnlich ist das nicht mehr. Es ist das neue Normal. Die Folgen des Klimawandels sind spürbar: Spanien und Frankreich kämpften gegen Waldbrände in ungekanntem Ausmaß. Flüsse wie Rhein und Donau haben sich in Rinnsale verwandelt. Mehrere europäische Länder schalteten Atomkraftwerke ab, weil das Kühlwasser nicht mehr reichte. Hüttenwirte ließen sich Wasser mit Helikoptern liefern. Im Bodensee verendeten tonnenweise Karpfen.

Und was tut die Politik? Es wird diskutiert, den Europäischen Emissionshandel aufzuweichen, das wichtigste Klimaschutzinstrument der EU. Wirtschaftsvertreter und Politiker fordern, es mit der Energiewende langsamer angehen zu lassen. Klima-Demonstrationen gibt es kaum noch.

Es sieht nicht danach aus, als werde dieser Sommer daran etwas ändern. Eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt: Eine Mehrheit der Deutschen will weiter konsequenten Klimaschutz. Aber die Zustimmung nimmt ab. Ein Gefühl von Machtlosigkeit hat sich ausgebreitet.

Das zeigen etwa die Rufe nach mehr Klimaanpassung. Dabei geht es um Maßnahmen, die kurzfristig helfen. Natürlich ist es notwendig, mehr Klimaanlagen einzubauen, Sonderlöschmittel gegen Waldbrände zu kaufen oder Dämme gegen Hochwasser hochzuziehen. Aber das allein wird auf lange Sicht nicht reichen. Bemerkenswert ist, wie über die Lage gesprochen wird. Das Forschungsnetzwerk World Weather Attribution hat kürzlich bestätigt: Die aktuelle Hitzewelle hängt ganz klar mit dem menschengemachten Klimawandel zusammen. Zugleich zeigt eine Studie aus Großbritannien, dass drei von vier Zeitungsartikeln über die Hitzerekorde den Klimawandel nicht erwähnen.

Ähnlich agiert da die Bundesregierung. „Eine Chefsache wird das Wetter nicht ändern“, sagte etwa Regierungssprecher Stefan Kornelius. Auch Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) erklärte, am Wetter nichts ändern zu können. Es zeigt sich: Vom Klima will niemand sprechen.

Keine Frage: Für die Wirtschaft bedeutet Klimaschutz oft eine Belastung. Doch inzwischen zeigt sich, dass kein Klimaschutz die Unternehmen ebenfalls etwas kostet: Mit bis zu 0,4 Prozentpunkten weniger Wirtschaftswachstum rechnet das Institut der deutschen Wirtschaft, weil das Niedrigwasser den Schiffsverkehr einschränkt. Hinzu kommen weitere Faktoren, etwa Einbußen in der Landwirtschaft, die besonders abhängig von Sonne und Regen ist.

Je realer der Klimawandel wird, desto größer scheint die Resignation. Oft hört man in diesen Tagen, dass Deutschland ohnehin nichts an der Erderhitzung ändern könnte: Es trägt nur etwa 1,5 bis 1,8 Prozent zum weltweiten CO2-Ausstoß bei. Das spielt allerdings herunter, dass Deutschland als eines der größten Industrieländer eine wichtige Vorreiterrolle hat.

Hinzu kommt, dass internationale Klimapolitik durchaus wirkt: Bevor sich die Weltgemeinschaft 2015 auf das Pariser Klimaabkommen geeinigt hatte, lag die erwartete Erderwärmung bei 3,4 Grad Celsius. Inzwischen geht man dank der klimapolitischen Erfolge von 2,3 bis 2,8 Grad Celsius aus. Das ist noch zu viel, das Ziel sind 1,5 bis maximal zwei Grad Celsius. Aber es erinnert daran, dass Fortschritte möglich sind. Auch im Sommerjahrhundert.

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