Stuttgart - Kürzlich, da kamen Daniela Steinhoff und ihre Frau sonntags von einem Wochenendtrip wieder. Großer Schreck: In der Badewanne stand literweise Abwasser. Der eine Nachbar kam direkt mit einem Pömpel herbei geeilt, die andere Nachbarin bot sofort an, dass die beiden ihre Dusche nutzen können. Oder der Nachbar aus Italien, der nebenbei erfuhr, dass das Paar gerne Linguine al Limone (Zitronenpasta) isst – und ihnen ein besonderes Olivenöl aus seiner Heimat mitbrachte. Steinhoff selbst übernahm eine Zeit lang eine Lesepatenschaft für den Nachbarsjungen, dessen Eltern aus Russland stammen. Die Eltern sprachen wenig Deutsch und fürchteten um die Schulnoten ihres Sohnes.
Seit knapp drei Jahren leben Daniela Steinhoff (60) und ihre Frau nun an der Hornbergstraße in Gaisburg (Stuttgart-Ost) – und erleben dort etwas, was sie so noch nicht kannten: „Wir alle achten aufeinander, helfen uns, begegnen uns respektvoll; ohne miteinander befreundet zu sein, also ohne jegliche Anspruchshaltung.“ Die Nachbarschaft sei komplett durchmischt, sagt Steinhoff. Sie kämen aus unterschiedlichen Ländern, seien unterschiedlich alt, manche hätten eine Behinderung, auch die Bandbreite der Berufe und Lebensweisen sei enorm. „Alle lassen sich so, wie sie sind.“ Diese Vielfalt und Toleranz sei besonders an Stuttgart, findet die 60-Jährige, die aus Offenburg stammt und vor 25 Jahren nach Stuttgart zog.
Für einige Zeit haben sie und ihre Frau in Hamburg gelebt; einer Millionenstadt, von der man eigentlich noch mehr Diversität und Offenheit erwartet als von der schwäbischen Landeshauptstadt. Doch das Paar erlebte es in Hamburg „gar nicht anders“, sagt Steinhoff. „Stuttgart ist viel besser als sein Ruf.“ Wenngleich nicht alle Bezirke so gut durchmischt seien wie der Osten, räumt Daniela Steinhoff ein: „In West knubbeln sich die Akademiker.“
Doch nicht nur in ihrer direkten Nachbarschaft erlebt sie gelingende Diversität. Auch etwa in der Innenstadt, wenn wenige Meter neben einem Möbelgeschäft mit Sofas zu astronomischen Preisen ein Discounter „im dunklen Souterrain“ preiswerte Lebensmittel verkaufe, mag sie dieses Nebeneinander.
Darüber hinaus schätzt Daniela Steinhoff die Topografie in Stuttgart, die weiten Blicke, das viele Grün. Sie liebt den Klingenbachpark, das Bohnenviertel mit seinen kleinen Läden und Bars, die Heusteigstraße mit ihrem „Pariser Flair“, den Fernsehturm, die Uhlandshöhe, das Mineralbad Berg, den Rosensteinpark und den Schlossgarten.
Und natürlich den immer größer werdenden Christopher Street Day. „2001 waren wir zum ersten Mal dort, damals war alles noch recht überschaubar.“ Heute sei der CSD eine derart große, vielfältige Party geworden, dass Lesben und Schwule überhaupt nicht mehr auffielen, sagt sie. Die Vielfalt in Stuttgart sei einfach „normal“.
„Eigentlich mag ich fast alles an Stuttgart“, sagt Steinhoff. Nur weniges missfalle ihr: dass man in keinem Fluss oder See baden könne, „das ist maximal bedauerlich“. Außerdem fände sie mehr Fahrradstraßen im Stadtgebiet nötig. Und den „gesichtslosen Neubaugebieten“ könne sie wenig abgewinnen – aber die gebe es überall.

