Am Wochenende haben die Erschaffer künstlicher Intelligenz so deutlich wie noch nie vor den Geistern gewarnt, die sie selbst gerufen haben. In einem Essay forderte Dario Amodei, Chef des KI-Unternehmens Anthropic, das Tempo zu verlangsamen, mit dem die Fähigkeiten von KI-Modellen gesteigert werden. Es fehle an Sicherheit und Kontrolle, so seine Sorge. Es war schon immer unrealistisch, den technologischen Fortschritt aufhalten zu wollen. Auch fühlt er sich in der Regel nicht nach Sicherheit und Kontrolle an. Doch an diesem Scheidepunkt für die Zukunft der Menschheit lohnt es sich, innezuhalten und zu reflektieren. Der Internationale Tag der Demokratie bietet dafür einen Anlass. Unsere Redaktion beteiligt sich an der Aktionswoche des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) unter dem Motto: „Demokratie braucht viele Stimmen“. Damit wollen Medienhäuser in ganz Deutschland die Bedeutung von professionellem Journalismus und glaubwürdigen Informationen betonen.
Künstliche Intelligenz und digitale Plattformen verändern grundlegend, wie Informationen entstehen, verbreitet und konsumiert werden. Nie war es so leicht, für jeden Menschen – und künftig auch für jede Maschine – eigene Inhalte zu produzieren und zu veröffentlichen. Das kann Demokratie stärken. Es kann sie aber auch zersetzen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell dies geht. Algorithmen entscheiden darüber, welche Nachrichten in unseren Feeds auftauchen. Belohnt werden häufig die aufmerksamkeitsstärksten Inhalte: das Empörende, das Emotionalisierte, das Zuspitzende – manchmal schlicht das Falsche.
Dabei gilt der klassische Journalismus als Teil der demokratischen Infrastruktur. Seine Aufgabe ist es, Menschen zu befähigen, sich am demokratischen Prozess zu beteiligen. Und er soll kontrollieren, ob diejenigen, die Macht besitzen, sich an die Spielregeln der Gemeinschaft halten.
Doch durch den unkontrollierten Kampf um Aufmerksamkeit gerät das Geschäftsmodell vieler Medienhäuser unter Druck. Sie buhlen nicht mit den Mitteln des Populismus oder der Falschinformation um die höchste Reichweite, das verbietet sich. So ist eine Informationsflut entstanden, in der reale Krisen – geopolitische Unsicherheit, Klimawandel, wirtschaftlicher Wandel – neben den Botschaften von Populisten, Influencern und Bots stehen. Aus Vielfalt kann so eine Kakophonie werden. Und aus Überforderung Rückzug: Wer den Eindruck gewinnt, ohnehin nicht mehr unterscheiden zu können, was stimmt und was wichtig ist, wendet sich irgendwann ganz vom öffentlichen Diskurs ab.
Das wäre fatal. Demokratie ist ein Mannschaftssport. Sie lebt von jedem und jeder Einzelnen. Das ist ein Privileg – aber auch eine Verpflichtung. Medienkompetenz, die Instandhaltung der eigenen Urteilsfähigkeit und die Bereitschaft zur demokratischen Teilhabe sind keine unverbindlichen Handlungsempfehlungen.
Noch dazu haben Leserinnen und Leser heute mehr Einfluss auf die Medienwelt als je zuvor. In Echtzeit lässt sich messen, welche Themen Interesse finden und welche ignoriert werden. Nutzen Sie diese Möglichkeit der Mitgestaltung! Aber auch die Medienmacher müssen sich entwickeln. In einer Zeit, in der Einsamkeit und politische Vereinzelung zur gesellschaftlichen Herausforderung geworden sind, dürfen Medienhäuser nicht nur Lieferanten von Nachrichten sein. Sie müssen Räume für Diskurs und Begegnung schaffen und Menschen ins Gespräch bringen – digital und im echten Leben. Ja, die Demokratie braucht viele Stimmen. Aber sie braucht vor allem auch eines: Menschen, die einander wieder zuhören.
