Stuttgart

Wie smart ist Stuttgart wirklich?

Stuttgart wurde vom IT-Branchenverband Bitkom zur smartesten Großstadt Deutschlands gekürt.

  • Fabian Mayer, Erster Bürgermeister von StuttgartFoto: Thomas Niedermueller

    Fabian Mayer, Erster Bürgermeister von StuttgartFoto: Thomas Niedermueller

Stuttgart - Es ist ein Zeugnis, über das die Stadtverwaltung wohl jubelt: Stuttgart hat München als smarteste Großstadt Deutschlands vom Thron gestoßen und überzeugt in allen untersuchten fünf Kategorien: Verwaltung, Energie und Umwelt, Mobilität, Gesellschaft und Bildung sowie IT und Kommunikation. Der IT-Branchenverband Bitkom preist Stuttgart als Beispiel für andere Städte. Doch warum fühlt es sich nicht immer so an? Wir haben Stuttgarts Bürgermeister Fabian Mayer gefragt, zuständig für Allgemeine Verwaltung, Recht und Kultur.

Herr Mayer, Stuttgart hat München als smarteste Großstadt Deutschlands ausgestochen. Wie fühlt sich das an?

Zu München empfinde ich keine Rivalität – mit Platz zwei kann aus meiner Sicht auch die bayerische Landeshauptstadt sehr zufrieden sein. Wir hätten uns auch über Platz zwei gefreut, Platz eins war für uns eine große Überraschung. Den Erfolg haben alle Kolleginnen und Kollegen der Stadtverwaltung gemeinsam erzielt.

Der Bitkom lobt besonders Stuttgarts Fortschritte in der Verwaltung. Welche Erleichterungen gibt es hier?

Große Fortschritte haben wir mit der Online-Terminvereinbarung und Videoberatung gemacht. Viele Leistungen lassen sich online beantragen, etwa Wohngeld, Bürgergeld, Anträge für Führerschein und Kfz-Zulassung, Ummeldungen im Stadtgebiet, Einbürgerungen, Eheschließungen oder Baugenehmigungen.

Nutzen Sie auch KI?

Wir nutzen etwa unseren KI-Chatbot als digitalen Lotsen für die Bürgerinnen und Bürger oder um einfachere Anliegen direkt zu erledigen. In der Ausländerbehörde hilft ein KI-Tool den Antragstellern zu überprüfen, ob ihre Eingaben vollständig oder widersprüchlich sind. KI kommt auch in der Sachbearbeitung für das Wohngeld zum Einsatz. All das hat die Bearbeitungszeit verkürzt und unsere Beschäftigten entlastet.

Wie sicher sind die Anwendungen?

Wir haben ein eigenes sprachbasiertes System entwickelt. Unser ChatSTR ist eine Alternative zu ChatGPT und funktioniert datenschutzkonform. Die Daten werden in unserem eigenen städtischen Netzwerk gespeichert und verarbeitet.

Es gibt noch immer Klagen über lange Wartezeiten, etwa bei der Kfz-Zulassungsstelle in Feuerbach oder der Ausländerbehörde. Wie passt das zusammen?

Wir haben nach wie vor keine durchgängig automatisierte Ende-zu-Ende-Digitalisierung unserer Geschäftsprozesse. In den meisten Fällen erfolgen die Sachbearbeitung und Fallbeurteilung nach wie vor durch unsere Belegschaft. Leider fehlt uns in vielen Bereichen noch immer Personal. Die Digitalisierung erleichtert die Arbeit, aber sie ist kein Zauberstab für alle unsere Probleme. Deshalb haben wir etwa unsere Echtzeitampel ins Netz gestellt, in der wir die Besucherströme live erfassen. Viele Bürgerinnen und Bürger nutzen das und suchen dann nicht das ortsnächste, sondern ein Bürgerbüro mit einer geringeren Wartezeit auf.

Wann wird es spürbar besser?

Das ist schwierig zu sagen: Eigentlich haben wir genügend Personalstellen, aber wir kriegen sie nicht in dem Maße besetzt, wie wir es uns wünschen. Gerade in den Front-Office-Bereichen, also am Schalter, erhalten wir nicht genügend qualifizierte Bewerbungen. Grundsätzlich ist aber die Bewerberzahl bei der Stadtverwaltung gestiegen – in der aktuellen Wirtschaftskrise suchen viele einen sicheren und sinnstiftenden Job im öffentlichen Dienst.

In der Kategorie „Energie und Umwelt“ steht Stuttgart auf Platz eins. Wo ist das ganz konkret für die Bürgerinnen und Bürger zu spüren?

Mit unserem Solaratlas können sie beispielsweise die Eignung des eigenen Dachs für Fotovoltaik überprüfen und auch schon mögliche Kosten und Erträge abschätzen. Mit unserem digitalen Wärmeplan können sie überprüfen, ob der Wohnort für ein lokales Wärmenetz geeignet ist. In der Stadt nehmen wir digitale Wasserqualitätsmessungen vor. Smarte Straßenbeleuchtungen gehen nachts an, wenn Sie in der Nähe sind. Wichtig ist auch unser digitaler Zwilling.

Was meinen Sie damit?

Das ist ein wichtiges Planungsinstrument, mit dem wir unter anderem mit Umwelt- und Verkehrsdaten ein digitales Modell Stuttgarts erstellen. Das erleichtert die Verkehrs-, Stadt- und Umweltplanung ungemein. Wir können auch den Verkehr in Echtzeit simulieren.

Wie gut werden die digitalen Angebote von den Bürgerinnen und Bürgern überhaupt angenommen?

Sehr gut läuft es mit dem Chatbot auf der Webseite, der Online-Terminvereinbarung und der Videoberatung. Anderswo wünschten wir uns mehr Zuspruch, etwa bei der Onlinezulassung eines Kfz: Hier kommen nach wie vor viele Bürgerinnen und Bürger direkt vorbei, weil sie die Plakette eben gleich mitnehmen wollen. Am besten wäre hier meiner Meinung nach ein neuer bundesweit einheitlicher Prozess, in dem es gar keinen „Bepper“ mehr braucht, sondern alles digital beantragt werden kann.

Wie weit ist Stuttgart digitalisiert – von 0 bis 100 Prozent?

Wenn wir uns mit Unternehmen wie Amazon oder Zalando vergleichen, haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Diese bieten smarte, effiziente und perfekt digitalisierte Prozesse an. Als öffentliche Verwaltung müssen wir aber eine Vielzahl von spezialgesetzlichen Normen einhalten und Regularien wie Sicherheit, Diskriminierungsfreiheit, Transparenz, Teilhabe und Datenschutz in einem Maße beachten, das für die Privatwirtschaft so nicht gilt. Nach Maßstäben der öffentlichen Verwaltung schlägt sich Stuttgart ziemlich gut – wenngleich wir wissen, dass es noch etliche Themenfelder gibt, wo wir uns verbessern müssen und wollen.

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