Stuttgart - Der Mann trägt ein bodenlanges, schwarzes Kleid und eine blonde Turmfrisur, auf die Doris Day neidisch gewesen wäre. Fröhlich winkt er in die Kamera. Noch ungewöhnlicher als seine Aufmachung ist aber der Ort, an dem er steht: auf der Antenne des Stuttgarter Fernsehturms.
Das Foto muss vermutlich irgendwann zwischen Mai und Dezember 1965 entstanden sein. Es ist Horst Leidigs „Heiligtum“. Leidig, der in Gaildorf im Landkreis Schwäbisch Hall wohnt, ist der Sohn des Mannes auf der Fernsehturm-Antenne: Horst Leidig senior, der beim Süddeutschen Rundfunk (SDR) als Hochfrequenztechniker arbeitete. Er war für die Senderüberwachung zuständig, sein Arbeitsplatz war oben auf dem Turm, der 1955 gebaut und 1956 eingeweiht wurde, auf dass die Fernseher in der Region endlich ein stabiles Bild ohne Wackler übertragen würden. In diesem Jahr feiert das Stuttgarter Wahrzeichen 70. Geburtstag.
1965 bekam der Fernsehturm eine leistungsstärkere Antenne – und wuchs damit noch einmal ein wenig auf seine heutige Höhe von fast 217 Metern. Sein Vater, erzählt Leidig, habe damals eine Wette verloren, so sei es zu der ungewöhnlichen Aktion gekommen. „Um was es dabei ging, weiß ich leider nicht.“ Aber der 63-Jährige kann sich daran erinnern, dass er als Kleinkind seinen Vater damals im Fernsehen gesehen hat: „Er trug ein Kleid und eine Perücke meiner Mutter und war an der Antenne mit einem Klettergurt gesichert.“ Die Familie hat den waghalsigen Auftritt vom Röhrenbildschirm abfotografiert. Der SDR hatte die Aktion damals offenbar gefilmt.
Horst Leidig hat beim heutigen Südwestrundfunk (SWR) nachgefragt, aber im dortigen Archiv ist kein Mitschnitt zu finden. „Das könnte an der Verschlagwortung liegen oder daran, dass nicht jeder Beitrag aus jenem Jahr archiviert vorliegt“, sagt Francisco Hoyo, der für die Pressearbeit rund um den Stuttgarter Fernsehturm zuständig ist. Oder der TV-Beitrag stammt aus einem anderen Jahr.
Inzwischen hat Horst Leidig das Bild mit Künstlicher Intelligenz herausarbeiten lassen. „Das ist ziemlich gut geworden, es sieht meinem Vater ähnlich.“ Er sei stets ein großer Fan des Stuttgarter Fernsehturms gewesen, sagt der 63-Jährige, auch wenn er heute nur noch selten auf den Hohen Bopser komme. „Aber früher, da sind wir fast täglich mit den Aufzügen hoch und runter gefahren. Alle Aufzugführer kannten uns beim Namen.“

