Stuttgart

Wenn Vernunft nicht mehr zählt

Auf den Angriff vom 11. September 2001 folgte eine Ära voller Angst und Hass. Sie wirkt bis heute nach.

Eine Welt ohne eine Trump-Regierung, ohne islamistischen Terror, ohne Hamas, ohne Streit über muslimische Migranten, ohne die iranische Bedrohung – eine solche Welt wäre möglich, wären die Anschläge vom 11. September 2001 nicht geschehen. Doch vor 25 Jahren töteten arabische Terroristen mit vier Passagierjets fast 3000 Menschen. Die Welt sah zu, wie die Türme des World Trade Centers in New York fielen. Schnell war klar, dass die Welt danach eine andere sein würde. Die Reaktion der USA auf diese unfassbare Tat läutete eine Ära von Angst und Hass ein. Bis heute bestimmt sie die politische Agenda. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Al-Qaida versetzte Amerika mit dieser ersten Attacke auf US-Territorium seit dem 2. Weltkrieg in Angst und Schrecken. Getrieben vom Hass auf das Terrornetzwerk und bestärkt vom naiven Hochmut seiner Regierung versprach der damalige Präsident George W. Bush danach nichts weniger, als die Welt vom Bösen zu befreien. Amerika nutzte alle seine Ressourcen, schuf den mächtigsten Überwachungsapparat der Welt, schränkte die Freiheiten der eigenen Bürger massiv ein, stärkte im Gegenzug die des Präsidenten und marschierte in Afghanistan und im Irak ein.

Im „Krieg gegen den Terror“ warfen die USA viele ihrer Prinzipien über Bord. Die Regierung log, folterte, ersetzte die Herrschaft des Rechts durch die Herrschaft von Drohnen, tötete Tausende unschuldige Zivilisten in den islamischen Ländern. Die Strahlkraft westlicher Werte erlosch. Millionenfacher Hass trat an ihre Stelle.

So verfehlte der mächtigste Staat der Welt wesentliche Ziele. Im „Krieg gegen den Terror“ verloren Schätzungen zufolge mehr als vier Millionen Menschen direkt oder indirekt ihr Leben. Er kostete die USA bis zu 5,8 Billionen US-Dollar. Er wurde zum Brandbeschleuniger des globalen islamistischen Terrorismus, der Armeen von Milizionären und Attentätern rekrutierte. Bei Tausenden Anschlägen weltweit – von Madrid über Berlin, von Bagdad bis Mumbai – wurden seitdem mehrere Hunderttausend Zivilisten getötet.

Der Hass half der Hamas, von 2006 an den Nahostkonflikt wieder aufflammen zu lassen. Das kriegsmüde Amerika zog 2011 die meisten seiner Truppen aus dem Irak ab, woraufhin die Terrororganisation Islamischer Staat dort einen beispiellosen Aufstieg nahm. Gleichzeitig nutzte der Nachbar Iran das entstehende Machtvakuum für einen Ausbau seiner Macht und seines Terrornetzes. Der Islamismus und die Kämpfe im Mittleren Osten spülten in der Folge immer mehr Migranten nach Europa, harmlose Familien ebenso wie Attentäter.

Der schmachvolle Abzug aus Afghanistan 2021 markierte endgültig das Scheitern der USA und ihrer Verbündeten. Zwar sind viele Strukturen des globalen Terrorismus heute zerschlagen – aber zu welchem Preis! Die mörderische Ideologie lebt weiter und mit ihr die Angst vor Anschlägen. Die USA sind seitdem militärisch, politisch und finanziell angeschlagen. Tief verunsichert, ihrer Glaubwürdigkeit in der Welt und vieler Freiheitsrechte beraubt wählten sie ausgerechnet Donald Trump, der ihr Land irgendwie wieder groß machen sollte. In Europa spaltet die Migrationsfrage die Gesellschaften. Reale Probleme, ideologische Schranken und Populismus schüren Angst und Hass. Eine Lösung dieser Krise ist nicht absehbar.

Der „Krieg gegen den Terror“ könnte ein Lehrstück sein für alle Regierenden, angesichts monströser Angriffe und Demütigungen auf dem Pfad der Vernunft zu bleiben, Maß zu halten, die Prinzipien ihres Staates nicht zu verraten, um Würde und inneren Frieden zu bewahren. Doch allzu oft siegt die Torheit der Regierenden. Zu allen Zeiten.

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