Stuttgart

Welche Rolle spielt ein Wirt bei der Falschgeld-Flut?

Gefälschte Euroscheine im Nennwert von mehreren Hunderttausend Euro sollen auch über italienische Lokale in Stuttgart verbreitet worden sein. Eine Spurensuche.

  • Echt – oder eine Fälschung aus Neapel? Das Landeskriminalamt hat einen schwunghaften Handel mit gefälschten Euronoten aufgedeckt. Dabei soll die italienische Mafia ihre Finger im Spiel haben.Foto: dpa

    Echt – oder eine Fälschung aus Neapel? Das Landeskriminalamt hat einen schwunghaften Handel mit gefälschten Euronoten aufgedeckt. Dabei soll die italienische Mafia ihre Finger im Spiel haben.Foto: dpa

Stuttgart - Der Auftritt der Polizei kommt schnell und überraschend. Bei dieser Razzia in einem italienischen Lokal geht es nicht um Filetti oder Spaghettoni – es geht um den Verdacht, dass der Gastronom mit Falschgeld und Drogen gehandelt haben soll. Und das vermutlich in großen Mengen.

Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt sprechen in ihrer Pressemitteilung von Anti-Mafia-Ermittlungen. Es geht um Blüten im Nennwert von mehreren Hunderttausend Euro. Zeitgleich schlägt die Polizei in einem weiteren Stuttgarter Restaurant, in einem Laden im benachbarten Rems-Murr-Kreis, außerdem in Offenburg, Neapel, Bern und auf Gran Canaria zu. Was steckt hinter dieser Großaktion vom 9. September?

Meistens sind falsche 50-Euro-Noten im Umlauf

Sechs Haftbefehle, sichergestellte Waffen, Drogen, falsche Banknoten, mutmaßlich kriminell finanzierte Wertgegenstände – das ist eine erste Bilanz der Ermittler. Der Gastronom, der den schnellen und überraschenden Besuch erhalten hat, ist seit vielen Jahren in der Stuttgarter Gastroszene bekannt. Dass der Mann nun als Tatverdächtiger in Untersuchungshaft sitzt, dürfte für viele überraschend kommen. Man kennt seine Freundlichkeit, sein Gespür für ein Angebot fantasievoller Mittelmeer-Küche und das richtige Ambiente. Und der soll etwas mit der Mafia zu tun haben? Für Landsleute aus seiner Heimatregion, die ebenfalls als Gastronomen in Stuttgart tätig sind, wäre das für den Ruf „eine Katastrophe“, wie einer sagt.

Doch wie handfest sind die Beweise der Ermittlungsbehörden? Wie fundiert sind die Erkenntnisse? Eine Anfrage unserer Zeitung an das betroffene Restaurant vor wenigen Tagen, zu den Vorwürfen der Ermittlungsbehörden Stellung zu nehmen, ist unbeantwortet geblieben. Was auch daran liegen mag, dass sich der Beschuldigte in U-Haft befindet und schwer zu erreichen ist.

Das Landeskriminalamt bringt in seiner Pressemitteilung die Mafiaorganisation Camorra ins Spiel – weil die Blüten nach bisherigen Erkenntnissen aus Neapel stammen sollen, dem Zentrum verschiedener Clans in der Region Kampanien. Und weil alles mit einem heute 47-Jährigen begann.

Schaden: „Unterer bis mittlerer sechsstelliger Betrag“

Im November 2021 war der italienische Staatsbürger wegen des Verdachts, der Mafiaorganisation Camorra anzugehören und bei der Beschaffung von Falschgeld und Drogen sowie Geldwäsche seine Finger im Spiel gehabt zu haben, mit internationalem Haftbefehl festgenommen und nach Italien ausgeliefert worden. Berichtet wurde der Fall nie, „das Landeskriminalamt übernahm vom Polizeipräsidium Stuttgart die weiteren Ermittlungen“, sagt LKA-Sprecherin Alexandra Vischer.

Im Frühjahr 2022 setzten ihn die italienischen Behörden aber wieder auf freien Fuß – und schon wenig später soll er Falschgeld und Rauschgift von Neapel nach Stuttgart transportiert haben. Insbesondere an die beiden italienischen Stuttgarter Restaurantbetreiber mittleren Alters. „Zum größten Teil handelte es sich bei den Falsifikaten um 50-Euro-Blüten“, sagt LKA-Sprecherin Vischer. Als Zwischenlager soll unter anderem das Geschäft eines türkischen Händlers im Rems-Murr-Kreis gedient haben. Der war bereits 2024 mit ein paar Blüten erwischt worden.

Mafiaverdacht im Rems-Murr-Kreis ist immer wieder ein Thema – wie jüngste Gerichtsprozesse zeigen. Im Stuttgarter Raum besonders verwurzelt ist nach Ansicht von Polizeiexperten indes die 'Ndrangheta aus Kalabrien. Ob in diesem Verfahren sowohl Camorra als auch 'Ndrangheta eine Rolle spielen könnten? Das bleibt vorerst offen. Das LKA jedenfalls hat hierzulande manche Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Organisationen festgestellt. Die Ermittlungen dauern an.

Zu den insgesamt sechs Verdächtigen, für die Haftbefehle beantragt wurden, zählt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft noch einen 42‑jährigen italienischen Staatsbürger, der bei der Polizeirazzia im Bereich Offenburg aufgespürt und dingfest gemacht wurde. Der war seit Herbst 2025 untergetaucht, weil gegen ihn wegen des Verdachts von Gewalttaten gegen seine Lebensgefährtin ermittelt wurde. Ebenso ein syrischer Beschuldigter, 38 Jahre alt, der im schweizerischen Bern lebt und Drogen beschafft haben soll. Bei der Falschgeldsumme, die in diesem Verfahren eine Rolle spielt, „handelt es sich um einen unteren bis mittleren sechsstelligen Betrag“, sagt Stefanie Ruben, Sprecherin der Stuttgarter Staatsanwaltschaft.

Bundesbank spricht von rückläufigen Zahlen

Der mutmaßliche Lieferant der gefälschten Banknoten aus Neapel, ein ebenfalls 42-jähriger Italiener, wurde in seinem Haus auf Gran Canaria von spanischen Strafverfolgern festgenommen. Allerdings musste er nicht mit dem nächsten Flieger in Handschellen nach Stuttgart. Das örtliche spanische Gericht erließ zwar den beantragten Haftbefehl, setzte den Beschuldigten aber gegen Auflagen wieder auf freien Fuß.

Da hatten in der jüngsten Zeit in Stuttgart selbst kleinere Fälle deutlich härtere Folgen. Ein 25-jähriger Wohnungsloser, der im Juli in einer Tankstelle an der Schwarenbergstraße im Stuttgarter Osten mit Blüten bar zu bezahlen versuchte, landete tags darauf in Untersuchungshaft. Mutmaßlich wären auch jene zwei Unbekannten hinter Gittern gelandet, die vor wenigen Tagen einen 54-Jährigen in einem Hotel in der Innenstadt hereinlegten. Die hatten Goldmünzen im Wert von mehreren Hunderttausend Euro gekauft – und diese hohe Summe mit gefälschten Geldscheinen beglichen. Das Opfer bemerkte die Fälschungen zu spät. Die Täter waren über alle Berge.

Eigentlich hatte die Deutsche Bundesbank vor wenigen Tagen positive Nachrichten in Sachen Falschgeld verkündet. Im ersten Halbjahr 2026 ist die Zahl der Blüten gegenüber dem vorangegangenen Halbjahr um 4,3 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig liegt auch die Schadenssumme um fünf Prozent niedriger. Die Bundesbank habe im ersten halben Jahr rund 30.000 falsche Euro-Banknoten mit einem Nennwert von 1,75 Millionen Euro im deutschen Zahlungsverkehr festgestellt. Auf dem ersten Platz liegt dabei die 50-Euro-Note. Ob das Falschgeld aus Neapel nun die Statistik verhagelt, bleibt abzuwarten.

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