In diesem Sommer brannte die Sonne in vielen deutschen Landesteilen und in weiten Gebieten Europas unbarmherzig. Flüsse trockneten aus, die Binnenschifffahrt brach teilweise zusammen. Die Reaktion hierzulande: die weitgehende Aufhebung des Sonntagsfahrverbotes für Lkw. Mit noch mehr CO₂‑Ausstoß wird der Klimawandel also beschleunigt beziehungsweise verstetigt. Um diesen Zusammenhang darzustellen, hätte man das Wort „Klimawandel“ aussprechen müssen. Das wurde aber weitgehend vermieden.
Es ist richtig, sich zunächst einmal mit den akuten Auswirkungen des Niedrigwassers oder mit Hitzeschutz zu beschäftigen. Aber es ist offenbar unpopulär geworden, über die langfristigen Folgen menschlichen Handelns zu sprechen. Die meisten Politiker leugnen nicht den menschengemachten Klimawandel. Aber weil weite Teile der AfD und diverse rechte Medien daraus „Klimairrsinn“ gemacht haben, vermeidet vor allem die Union das Triggerwort Klimawandel.
Ein anderes Beispiel ist das Gendern. Aus dem zugegebenermaßen sprachlich nicht immer gelungenen Versuch, die Sprache geschlechtergerechter zu machen, wurde der Begriff Gendern zum Hassobjekt. Von Trump bis Weidel wurde das Gendern derart in Misskedit gebracht, bis es entweder verboten oder der Lächerlichkeit preisgegeben wurde. Nun wagt es kaum noch jemand, sich über das Gendern offen positiv zu äußern.
Dieselben politischen Kräfte, zu denen auch das BSW gehört, die ständig behaupten, in Deutschland werde die Meinungsfreiheit unterdrückt, haben nicht das geringste Problem damit, wenn geschlechtergerechte Sprache verboten wird. Politische Korrektheit, bekannter unter „Political Correctness“, ist de facto ein Schimpfwort geworden.
Hinzu kommen weitere Begriffe, die wegen des von ganz rechts vergifteten politischen Klimas kaum noch in den Mund genommen werden – oder wenn, dann nur in negativem Zusammenhang. „Entwicklungszusammenarbeit“ zu sagen, bedeutet fast unweigerlich, sich etwas über Radwege in Peru anzuhören. Über die Bekämpfung von Hunger oder Kindersterblichkeit will kaum noch jemand sprechen. Dabei müsste die Tatsache, dass Hunger, Ausbeutung und anderes Elend weiter existieren, Anlass sein, nicht weniger, sondern mehr Geld in Entwicklungszusammenarbeit zu stecken. Über das Wie lässt sich streiten, aber das Wort sollte seine positive Ausstrahlung zurückbekommen.
„Migration“ kommt fast nur noch in Verbindung mit den Adjektiven „irregulär“ oder sogar „illegal“ vor. Beim Wort „Integration“ ertönt vielfach Hohngelächter. Und „Nachhaltigkeit“ scheint allmählich wieder ganz aus dem deutschen Wortschatz zu verschwinden. Kein Wunder, wenn Lieferkettengesetze, die Sklaven- und Kinderarbeit sowie ökologische Verbrechen verhindern sollen, nur noch als bürokratischer Sondermüll betrachtet werden.
Es ist kein Zufall, dass Begriffe wie „Patriotismus“, „Männlichkeit“ oder „deutsche Leitkultur“ wieder in Mode sind. Offensichtlich gibt es dafür ein Bedürfnis. Aber sich vor bestimmten Begriffen zu drücken, wenn man doch von deren Wichtigkeit überzeugt ist, ist feige. Wenn wir immer wieder durch die Natur darauf hingewiesen werden, dass der schnelle Klimawandel menschengemacht ist, dann sollten wir ihn menschengemachten Klimawandel nennen und darum kämpfen, dass der Planet auch für nachkommende Generationen bewohnbar bleibt.
Es ist nicht lächerlich, wenn sich alle Menschen gleichberechtigt in der Sprache wiederfinden wollen. Auch wenn die bisherigen diesbezüglichen Wortschöpfungen nur teilweise, nun ja, nachhaltig sind.
