Stuttgart - Nur noch einmal schlafen, dann ist die Fußball-WM vorbei. Endlich, möchte man sagen. Nach 39 Tagen, mehr als hundert Spielen und mehr als 200 Trinkpausen stehen sich an diesem Sonntag in New York die beiden besten Teams des Turniers gegenüber. Spanien, weil es gezeigt hat, dass sich ein perfekt abgestimmtes Mannschaftsspiel noch immer über die Summe der Superstars erhebt – siehe das dominant geführte Halbfinale gegen das besser besetzte Frankreich um Kylian Mbappé. Und Argentinien, weil der Titelverteidiger demonstriert hat, wie weit es gehen kann, wenn sich eine Nation samt Mannschaft voller Leidenschaft hinter einem Spieler vereint – Lionel Messi. Siehe das Halbfinale gegen das überforderte England.
Dennoch bleibt aus sportlicher Sicht festzuhalten, dass zuletzt die besten vier Nationalteams aufeinandergetroffen sind. Zu den Erkenntnissen gehört, wie weit sich die deutsche Auswahl von der Weltklasse entfernt hat. Sie hat unter Julian Nagelsmann weder Positionsspiel noch Passion auf den Rasen gebracht. Das Herabpurzeln auf Platz zwölf in der Weltrangliste dokumentiert den schwachen Status quo indes nur statistisch. Die DFB-Elf unter dem designierten Bundestrainer Jürgen Klopp muss sich neu erfinden, um in vier Jahren eine gute Rolle zu spielen – oder überhaupt dabei zu sein.
Selbstverständlich ist es jedenfalls nicht mehr, dass Deutschland zu den Teilnehmern oder gar den zu den Favoriten zählt. Es sei denn, Gianni Infantino erfüllt sich seinen nächsten Traum von dann 64 Teams, die bei einer Weltmeisterschaft antreten. Diesen Gedanken einer weiteren Aufstockung hat der Präsident des Weltverbandes Fifa bereits geäußert, nachdem in Nordamerika erstmals 48 Nationalmannschaften am Ball waren. Das hat in vielen Begegnungen zu einem gemächlichen Spielfluss und insgesamt zu einer zähen Vorrunde geführt. Trotz der beeindruckenden Leistungen der vermeintlich Kleinen wie Kap Verde oder Curaçao.
Schöne Bilder haben gerade die Inselstaaten produziert – auf dem Feld und rund um die Arenen. Aber nicht nur sie haben zu einer fröhlichen und friedfertigen Stimmung beigetragen. Die WM war ein Treffpunkt für Amerikaner, Europäer, Afrikaner, Asiaten und Araber. Singend und tanzend sind die Fans durch die Städte und Stadien gezogen. Dieser Ausgelassenheit konnte man sich nicht entziehen. In Amerika herrschte ein Ausnahmezustand, der viel mit dem Wunsch zu tun hatte, beim Fußballkarneval eine gute Zeit zu erleben und wenig mit der Realität, die ansonsten Donald Trump bestimmt.
Der Präsident der Vereinigten Staaten ist während der WM-Tage selten direkt in Erscheinung getreten. Sein Anruf bei Infantino gehört aber zu den markanten Punkten. Trump bat darum, die Rote Karte für den besten amerikanischen Stürmer Folarin Balogun zu überprüfen. Prompt wurde die Sperre aufgehoben. Ein ebenso dreistes wie durchschaubares Spiel zweier Protagonisten, die sich für unantastbar halten. Was wie eine Szene aus einem schlechten Hollywood-Film wirkte, ist indessen auf sportpolitischer Ebene die Realität.
Der Fifa-Chef biedert sich an. Infantino hat dabei genau zwei Interessenlagen. Erstens: der eigene Machterhalt. Zweitens: die Gewinnmaximierung. Dafür tut er alles – und aus Infantinos Perspektive ist die WM ein voller Erfolg. Knapp zwölf Milliarden Euro an Umsatz erzielt die Fifa im Zyklus bis 2026, die Fernsehquoten haben weltweit gestimmt und die Stadien waren voll. Absurderweise sind das beste Voraussetzungen, um die Fußballzitrone weiter auszupressen. Das bedeutet, noch mehr Spiele anzusetzen, um noch mehr Geld zu verdienen.

