Stuttgart

Trauerzug in Uniform zieht durch die Stadt

Der Unfalltod eines Polizisten der Stuttgarter Motorradstaffel hat am Freitagmorgen im Stadtzentrum noch einmal Stillstand im Verkehr ausgelöst. Für einen Trauermarsch mit 700 Teilnehmern wurden Straßen kurzzeitig gesperrt. Es gibt neue Erkenntnisse zum Unfallablauf.

  • 700 Fußgänger und ein langes Motorradspalier: Der Trauerzug in der Theodor-Heuss-Straße.Foto: red/Wolf-Dieter Obst

    700 Fußgänger und ein langes Motorradspalier: Der Trauerzug in der Theodor-Heuss-Straße.Foto: red/Wolf-Dieter Obst

Stuttgart - Zu Ehren eines tödlich verunglückten Verkehrspolizisten hat das Stadtzentrum eine 1,3 Kilometer lange neue Fußgängerzone bekommen – wenn auch nur für begrenzte Zeit. Am Freitagmorgen haben etwa 700 Polizeibeamte und Beschäftigte zusammen mit Innenminister Thomas Strobl einen Trauermarsch zur Domkirche St. Eberhard unternommen. Dazu gab es Straßensperrungen rund um den Hauptbahnhof. Der Autoverkehr blieb draußen – zur Erinnerung an den 61-jährigen Motorradpolizisten Thomas Hohn, der am 24. Juni während der Fußball-EM bei einer Eskorte für den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán ums Leben gekommen war.

Der Trauerzug bewegte sich vom Pariser Platz im Europaviertel über den Arnulf-Klett-Platz und die Theodor-Heuss- und Bolzstraße zum Schlossplatz. Damit Autofahrer nicht einmal versehentlich dem Trauermarsch in die Quere kommen konnten, wurden gegen 9 Uhr die Fahrbahnen der Theo-Meile zwischen Rotebühlplatz und dem Hauptbahnhof gesperrt, und auch die Schillerstraße war für den Verkehr vom Gebhard-Müller-Platz her zeitweise tabu. Motorradstaffeln aus Hessen, Bayern und Rheinland-Pfalz bildeten ein beeindruckendes Spalier. In den Staus mussten Verkehrsteilnehmer längstens 22 Minuten warten.

Der Trauermarsch war der Prolog für eine Trauerfeier in der Domkirche St. Eberhard, wo am Vormittag 250 Polizeibeschäftigte und geladene Gäste, unter anderen der ungarische Generalkonsul András Izsák, zusammenkamen. Die Feier wurde auf dem Schlossplatz per Video übertragen. Dort war bereits am 1. Juli des Polizeihauptkommissars gedacht worden, der als Urgestein der Stuttgarter Motorradstaffel und bundesweit anerkannter Experte für manipulierte Fahrzeuge bekannt war. Die Zeremonie ähnelte dem Trauermarsch am 14. Juni in Mannheim, der dem von einem Messerangreifer getöteten Beamten Rouven Laur gegolten hatte. Einen solchen Marsch hatte es in Stuttgart bisher nicht gegeben.

Der Unfall am 24. Juni in Degerloch habe „schonungslos vor Augen geführt, dass jeder Einsatz, und mutet er auch noch so harmlos und alltäglich an, ein lebensgefährlicher sein kann“, sagte Innenminister Thomas Strobl. Stuttgarts Polizeipräsident Markus Eisenbraun betonte, dem Verkehrspolizisten und Tuning-Experten Hohn sei es bei seiner Arbeit um mehr als nur um die Rechtslage gegangen. „Für ihn zählten Verkehrssicherheit und der Schutz der Menschen“, meinte Eisenbraun, „er war ein wahrer Hüter der Straßen.“

Was hatte den Unfall ausgelöst? Ungeduld? Ein Missverständnis? Gedankenlosigkeit? „Der Unfall hat Dutzende Opfer hinterlassen“, sagte der Leiter der Verkehrspolizeiinspektion, Michael Saur. „Die Frage, was hätte anders laufen können, die können wir vergessen. Das führt zu nichts.“

Der 61-jährige Thomas Hohn war am 24. Juni auf dem Albplatz in Degerloch ums Leben gekommen. Er hatte zu der Eskorte gehört, die den ungarischen Staatsgast Orbán nach dem Schottland-Spiel zum Flughafen bringen sollte – als aus einer Querstraße eine 69-jährige Autofahrerin in die gesperrte Kreuzung fuhr und mit seiner Maschine kollidierte. Ein weiterer Motorradpolizist erlitt schwere Verletzungen. Die Umstände werden vom Polizeipräsidium Ludwigsburg ermittelt. Dazu ist ein Gutachter eingeschaltet, dessen Ergebnisse noch nicht vorliegen.

Derweil liegen unserer Zeitung Zeugenaussagen vor, wonach die mobile Absperrung für den Konvoi auf der B 27 nicht unbedingt ersichtlich gewesen sei. Ein Autofahrer berichtet, er habe ebenfalls in der Warteschlange auf der rechten Spur der Rubensstraße gestanden, ohne dass vorne ein Polizeimotorrad erkennbar gewesen sei. Stattdessen hätten sich Rot- und Grünphasen über längere Zeit abgewechselt. Er selbst habe an einen Unfall geglaubt und überlegt, ob er an Ort und Stelle rangieren und wenden soll. Dann sei von hinten eine Autofahrerin auf die vermeintlich freie linke Abbiegespur ausgeschert und bei Grünlicht in die Kreuzung gefahren. Von links rauschte die Eskorte mit Motorradpolizist Hohn heran.

„Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen bestehen keine Zweifel daran, dass der Einmündungsbereich ausreichend abgesichert war“, sagt der Ludwigsburger Polizeisprecher Steffen Grabenstein auf Nachfrage. Es sei ein Beamter mit einem Polizeimotorrad zur Absperrung eingesetzt gewesen, „was bei den örtlichen Gegebenheiten ausreichend war“.

Warum die Autofahrerin an den stehenden Fahrzeugen vorbeifuhr und die von links kommende, bevorrechtigte Fahrzeugkolonne nicht gesehen oder nicht beachtet habe, sei weiterhin unklar.

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