Über Jahrzehnte war die IG Metall eine kraftstrotzende Gewerkschaft, die sich in guten Zeiten am längeren Hebel wähnte: Stets konnte sie im Alltag mit der Verhinderung von Mehrarbeit und in Tarifrunden gar mit Streiks drohen, was angesichts der guten Auslastung seine Wirkung nicht verfehlte. Die Kultur des Geben und Nehmens, zelebriert auch von anpassungsfähigen Betriebsräten, funktionierte prima. Seinerzeit wurden die Warnungen der Arbeitgeber mit Verlagerungen oder Personalabbau als übliches Lamento beiseite geschoben.
Heute gibt sich die einst so mächtige IG Metall verunsichert wie nie. Über die Lautsprecher werden noch Kampfansagen gemacht, denn offensichtlich klein beigeben verbietet sich – dafür ist der Druck der Basis, Stärke zu demonstrieren, zu groß. Doch die Sorge um die Arbeitsplätze bei Mercedes, VW, Porsche, Audi und vielen anderen Unternehmen, die an der Automobilindustrie hängen, hat sie in die Defensive gedrückt.
Jeden Monat verliert die deutsche Industrie insgesamt rund 15.000 Arbeitsplätze – Werkschließungen und die Abkehr vom Standort Deutschland sind Fakten, keine Drohungen mehr. Fast täglich neue Warnungen der Arbeitgeberseite wecken schon den Verdacht, dass hier kollektiv versucht wird, die Gewerkschaft sturmreif zu schießen.
Im Zentrum der Diskussion stehen die Arbeitskosten als elementarer Faktor für die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Autohersteller. Gerade bei Mercedes zielen sie daher auf die Arbeitszeit: auf eine Rückkehr zu den 40 Stunden. Ein „Bullshit-Vorschlag“, wie es in der IG Metall heißt. Betriebsparteien können vieles vereinbaren – eine 40-Stunden-Woche ausgerechnet bei Mercedes würde den Flächentarifvertrag in der Metall- und Elektroindustrie sprengen. Wenn der Arbeitgeberverband dazu die Hand reicht, würden ihm unzählige Mitgliedsunternehmen die Tür einrennen und denselben Vorzug für sich einfordern. Dann gäbe es im Verband kein Halten mehr, das Fundament Flächentarif wäre Makulatur.
Der IG Metall könnte eine offenkundige Aufgabe der einst so hart erkämpften 35-Stunden-Woche den Boden entziehen. Geschichtsvergessenheit und Entsolidarisierung würde man ihr an der Basis nicht verzeihen. Unabhängig davon stellt sich ohnehin die Frage, was die 40 Stunden in einer Zeit der Überkapazitäten bringen sollen – außer Personalabbau zu rechtfertigen. Schon heute sind viele Werke zu wenig ausgelastet. Somit erweist sich das Ringen um die Arbeitszeit eher als Symbolstreit. Nach einer Ausweitung zu rufen, ist einfach. Letztlich bräuchte es weitere tarifliche Öffnungen für die Betriebe, wie sie in der Metall- und Elektroindustrie lange geübte Praxis sind – keine plakative 40-Stunden-Woche für alle.
Insofern passt es, dass die Metalltarifrunde vor der Tür steht. Diese Multikrise lässt sich allerdings nicht mit Ritualen bewältigen – es wäre unangebracht, nach dem Sommer in den gewöhnlichen Schlagabtausch mit Forderungen, Angeboten und Warnstreiks zu verfallen. Vielmehr müsste die Lösung diesmal jenseits der großen Bühne gefunden werden. Ein Novum wäre es nicht.
Wenn ein solcher Sonderweg allein auf Lohnkürzungen hinauslaufen soll, würde er aber scheitern. Eine Gesamtstrategie müsste eine verlässliche Perspektive für die Jobs einschließen, ebenso den Verzicht bei Managern und Anteilseignern. Selbst wenn sich vieles davon nicht tarifvertraglich verordnen lässt – es bräuchte die Zusicherung aller Beteiligten, nicht zuletzt der Politik, den Industriestandort mit allen Mitteln retten zu wollen. Insbesondere die IG-Metall-Führung muss handeln, sonst wird sie von immer neuen Unternehmenssparpaketen angetrieben. Ausreichend Mut ist ihr zuzutrauen.
