Stuttgart

Stuttgarts erstes Hochhaus wird geräumt

Fast 100 Jahre nach seiner Fertigstellung steht der die Stadt prägende Tagblattturm vor einer teuren und jahrelangen Sanierung. Mit ursächlich sind Keime im Trinkwasser.

  • Der Tagblattturm in der Eberhardstraße muss grundlegend saniert werden. Aber zuerst müssen die städtischen Mitarbeiter und gewerblichen Mieter ausziehen.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

    Der Tagblattturm in der Eberhardstraße muss grundlegend saniert werden. Aber zuerst müssen die städtischen Mitarbeiter und gewerblichen Mieter ausziehen.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Das älteste moderne Hochhaus und ein bedeutendes Wahrzeichen der Stadt trifft auf die Probleme eines fast hundert Jahre alten Bestands: Bisher hat sich die Stadt geziert, die Notwendigkeit einer der größten Sanierungen des denkmalgeschützten Tagblattturms in der Eberhardstraße in seiner langen Geschichte einzuräumen. Dabei ist die Entscheidung für die wohl mehrere Jahre dauernden Bauarbeiten, die einen hohen Millionenbetrag kosten dürften, schon im vergangenen Jahr gefallen. Nun hat die Liegenschaftsverwaltung auf Anfrage die umfassenden Arbeiten und die bis Herbst währende Evakuierung aller Räumlichkeiten bestätigt. Diese bestehen aus städtischen und privaten Büros.

An den Eingangstüren kleben seit dem 18. Juni Warnhinweise für die Mieter wegen verunreinigten Trinkwassers. Demnach dürfe das Wasser aus der Leitung zwar weiterhin benutzt werden, sofern „die Sterilfilter endständig gesetzt sind“. Ursächlich ist eine Überschreitung der Grenzwerte des als „Krankenhauskeim“ bekannten Bakteriums Pseudomonas aeruginosa. Die Mieter werden aufgefordert, alle drei Tage die Leitungen für mehrere Minuten durchzuspülen.

Die genauen Ursachen für die Verunreinigung seien nicht bekannt. Es würden aber regelmäßige Trinkwasseruntersuchungen durchgeführt, zudem sind Filtersysteme angebracht, die turnusmäßig ausgetauscht würden, meint die Stadt. Das System werde kontinuierlich überwacht. Eine akute Gesundheitsgefährdung bestehe nicht. Daher habe das Liegenschaftsamt auch entschieden, „einen geordneten Auszug vorzunehmen und das Gebäude nicht ad hoc zu sperren“.

Mehr als nur Verunreinigungen

Die Antworten der Stadtverwaltung auf unsere Anfrage zeigen allerdings, dass es um weit mehr geht als um eine schnelle Beseitigung der Verunreinigungen. „Aufgrund des Alters der Infrastruktur ist ein kompletter Austausch der Rohrleitungen notwendig“, teilte die Stadt mit. Das deutet darauf hin, dass nicht nur einzelne Leitungsabschnitte betroffen sind, sondern die gesamte Trinkwasserinstallation. In einem 16-geschossigen denkmalgeschützten Hochhaus ist das ein erheblicher Eingriff.

„Nach aktuellem Kenntnisstand“ seien die angrenzenden Gebäude nicht betroffen, weil die Trinkwassersysteme voneinander getrennt seien. Darüber hinaus sei aber auch „eine komplette Technik-Sanierung notwendig“. Das umfasst üblicherweise nicht nur die Reinigung von Trinkwasserleitungen. Betroffen sein könnten die in die Jahre gekommene Heizungs- und Sanitärtechnik, Lüftung, Elektroinstallation, Brandschutzanlagen und die Sicherheits- und Gebäudeleittechnik. Kurzum: Die Aussagen lassen einen tiefen Eingriff in die Gebäudestruktur erwarten. Die „Lebensader“ des altehrwürdigen Gebäudes muss vom Keller bis zur Dachterrasse hoch über der City komplett erneuert werden. Folglich ist eine Sanierung im laufenden Betrieb nicht möglich, weshalb die betroffenen Bereiche nun schrittweise geräumt würden. Wie groß das Projekt tatsächlich wird, lässt die Stadt allerdings offen.

Einen Zeitplan für die Arbeiten nennt die Verwaltung ebenso wenig wie eine Kostenschätzung. Der „erforderliche Maßnahmenumfang“ werde aktuell „geprüft und geplant“. Eine verlässliche Einschätzung zu „Umfang und Dauer“ sei erst nach Abschluss der Planung möglich. Dabei beschäftigt sich die Stadt bereits seit längerer Zeit mit den grundlegenden Problemen des Gebäudes. Das seit 30 Jahren im achten Stock eingemietete Architekturbüro Neugebauer + Rösch habe bereits im Dezember eine fristlose Kündigung auf Ende Januar 2026 erhalten, der man aber erfolgreich widersprochen habe, sagt die Architektin und Partnerin Sonja Neugebauer. Nun hat man dem Büro ordentlich auf Ende September gekündigt. Man sei auf der Suche nach neuen Räumen, so Neugebauer. Einen konkreten Zeitplan für die Rückkehr der städtischen Nutzer gibt es nicht.

Erstes modernes Hochhaus Stuttgarts

Der Tagblattturm ist kein gewöhnliches Bürogebäude. Der zwischen 1924 und 1928 nach Plänen von Ernst Otto Oßwald errichtete Turm gilt als erstes modernes Hochhaus Stuttgarts und als eines der bedeutendsten Bauwerke des Neuen Bauens in Deutschland. Mit seinen 61 Metern Höhe veränderte er vor fast 100 Jahren die Silhouette der Stadt. Ursprünglich als Sitz des „Stuttgarter Neuen Tagblatts“ errichtet, stand das Gebäude für die Bedeutung der Presse und den Aufbruch in eine moderne Großstadt. Hier saßen Redaktion und Verlag des Stuttgarter Neuen Tagblatts, in den angrenzenden Gebäudeteilen liefen die Rotationsmaschinen – von 1945 an für die in der Tradition des eingestellten Blatts gegründete Stuttgarter Zeitung, die in den 1970er-Jahren im Zuge des technischen Wandels die Produktion und Redaktion nach Möhringen verlagerte.

Nun stellt sich für die in chronischer Finanznot befindliche Stadtverwaltung die Aufgabe, die technischen Anforderungen des 21. Jahrhunderts – auch hinsichtlich des Brandschutzes – in einem fast hundert Jahre alten Denkmal zu erfüllen. Eine ähnliche Debatte hatte Stuttgart beim Fernsehturm erlebt. Auch dort ging es nicht allein um ein Bauwerk, sondern um ein Stück Stadtidentität. Der Fernsehturm war wegen Sanierungs- und Brandschutzproblemen vom März 2013 bis Januar 2016 für Besucher gesperrt.

Hintergrund war eine Anordnung der Stadt Stuttgart, nachdem neue Brandschutzanforderungen deutlich gemacht hatten, dass Flucht- und Rettungswege nicht mehr den Vorschriften entsprachen. Auch beim Tagblattturm gibt es dieses Problem. Die Dimension der Arbeiten ist aber noch offen.

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