Stuttgart - Sie telefonierten sich die Finger wund. Unzählige Firmen riefen Michael Panzer alias Frl. Wommy Wonder, Manfred Wolter und Andreas Markovic an, keine wollte den Christopher Street Day finanziell unterstützen. Von einigen gab es ausweichende, von manchen rüde Antworten. Am Ende überwies einzig Ramazotti einen fünfstelligen Betrag und lieferte Getränke.
Das war im Jahr 2000. Davor hatte es eine CSD-Parade mal hier, mal da in Baden-Württemberg gegeben und in vielen Jahren auch gar nicht. Aber im Millennial-Jahr sollte sie groß werden – und in der Landeshauptstadt steigen. Ein paar Monate später gründeten zehn queere Pioniere am Küchentisch die Interessengemeinschaft CSD Stuttgart, auf dass der 2000er-CSD keine Eintagsfliege bliebe. Ein knappes Vierteljahrhundert ist das jetzt her.
Die Gewalt nimmt wieder zu
In diesen Tagen steht Stuttgart erneut im Zeichen des Regenbogens. Gute zwei Wochen lang feiert die queere Community den Christopher Street Day (CSD) und weist so auf ihre Anliegen hin. Denn auch wenn sich in Sachen Akzeptanz und Gleichberechtigung viel getan hat, steigt die Gewalt gegen queere Menschen – auch in Deutschland, auch in Baden-Württemberg, auch in der Landeshauptstadt.
Der unumstrittene Höhepunkt der CSD-Kulturwochen ist die CSD-Demo, die in diesem Jahr am Samstag, 25. Juli, stattfindet. 156 Formationen haben sich angemeldet. Das schrammt knapp an den 161 vom vergangenen Jahr vorbei, als Stuttgart den größten CSD aller Zeiten feierte.
„Wir waren naiv“, sagte Wommy Wonder rückblickend beim diesjährigen Neujahrsempfang des Vereins. Aber mit Leidenschaft dabei: Die urschwäbische Drag Queen kümmerte sich 2000 um die Gala, Markovic machte das Marketing, Wolter suchte den Kontakt zur Politik und der Verwaltung. „Bestenfalls geduldet“ seien sie in der Stadt gewesen, erinnert sich Wommy Wonder, „queer-freundlich, das gab es nicht.“
„Straßentheater“ hatte die Stuttgarter Zeitung noch abfällig getitelt, als am 30. Juni 1979 zum „Tag der Homobefreiung“ zwischen 100 und 300 Menschen für die Rechte queerer Menschen auf die Straße gingen. Das Cannstatter Brezelfest war dem Lokalteil mehr Platz wert. Dabei waren Anliegen der Aktivistinnen und Aktivisten hochpolitisch: Sie forderten unter anderem die Abschaffung des Paragrafen 175, der Homosexualität zwischen Männern unter Strafe stellte. Vollständig aus dem Strafgesetzbuch getilgt wurde der „Paragraf der Schande“ erst 1994. Von dem Tag aber ist ein ikonisches Bild geblieben: Eine kleine, weißhaarige Frau, die auf den Stufen des Königsbaus ein Schild in die Höhe hält: „Mein Sohn ist schwul! Na und!“
Weitere Demos folgten in Stuttgart 1985 und 1994, aber im Millennial-Jahr 2000 sollte das Ganze eine andere Dimension bekommen. Man habe die betuliche Landeshauptstadt aus dem Dornröschenschlaf holen wollen, sagte Wommy Wonder. „Unser Forderungskatalog war übersichtlich: im Grunde nur ein ‚Uns gibt’s, und mit uns kann man klarkommen.‘“ Verwaltung und Lokalpresse reagierten abwartend, ein Radiosender rief (heute unvorstellbar) dazu auf, sich die „Parade der Perversen“ doch mal selbst anzuschauen – allein, um sicherzugehen, dass keiner aus der Nachbarschaft dabei sei.
Das war einmal. Heute ist der CSD in der Mitte der Gesellschaft angekommen und will „ein leuchtendes Zeichen für Vielfalt, Respekt, Akzeptanz und Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft“ setzen, so der eigene Anspruch. Deshalb sprechen die Veranstalter auch bewusst von einer Demonstration und nicht von einer Parade. Denn der CSD war und ist sehr politisch. Es geht darum, die Anliegen und Forderungen der queeren Community sichtbar zu machen. Das Motto für 2026 lautet: „Ohne uns kein Wir! Füreinander laut, miteinander stark.“
Ab 11.30 Uhr stellen sich am Samstag in der Rotebühlstraße zwischen Schwab- und Senefelder Straße die Trucks und Fahrzeuge in der Reihenfolge auf, in der sie bei der Demo durch die Stuttgarter Innenstadt fahren werden. Gegen 13 Uhr sind die Gruppen dran, die zu Fuß unterwegs sein werden. Um 14 Uhr setzt sich der Tross dann in Bewegung. Wenn um 17 Uhr die Demo den Stuttgarter Schlossplatz erreicht hat, findet dort bis etwa 18 Uhr die Abschlusskundgebung statt.
Lange Liste von Teilnehmern
Viele Vereine, Gewerkschaften und Parteien fahren mit oder schicken Fußgruppen. Der VfB Stuttgart und sein queerer Fanclub Stuttgarter Junxx zum Beispiel. Vertreter der Stuttgarter CDU wie Alexander Kotz (Fraktionschef im Stuttgarter Gemeinderat) werden auf dem Truck der Lesben- und Schwulenunion (LSU) Baden-Württemberg mitfahren. Auch Kultureinrichtungen wie das Stuttgarter Theaterhaus mit der Gauthier-Dance-Kompanie, die Stuttgarter Fan- und Popkulturmesse Comic Con oder das Staatstheater sind vertreten.
Daneben sind auch weiterhin Formationen vieler Unternehmen mit von der Partie – ein Umstand, der von manchen als Kommerzialisierung einer eigentlich politischen Demo kritisiert wird. Die Autobauer Mercedes-Benz, Daimler Truck und Porsche zum Beispiel. Der Technologiekonzern Bosch. Das Modeunternehmen Hugo Boss und das Edelkaufhaus Breuninger. Der Wissenschaftsverlag Thieme. Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten sowie Hitradio Antenne 1. Die Outletcity Metzingen oder die Landesbank Baden-Württemberg. Die Fluggesellschaft Eurowings. Um nur ein paar zu nennen. Stuttgarts OB Frank Nopper (CDU) wird erst beim gemeinsamen Truck der Stadt, der SSB, des VVS, der Stadtwerke Stuttgart, des Klinikums Stuttgart und der SWSG vorbeischauen, teilte sein Sprecher mit. Anschließend werde der OB auf dem Lkw des VfB Stuttgart mitfahren.

