Stuttgart

Stresstest-Prüfer zweifelt an eigenem Gutachten

Ein Schweizer Experte, der 2011 den Kapazitätsnachweis für Stuttgart 21 begleitete, äußert nun Zweifel. Die Bahn verweist auf das Ergebnis von damals –  und einen bereits ausgearbeiteten Fahrplan.

  • Die Diskussion um die Leistungsfähigkeit von Stuttgart 21 samt Tiefbahnhof hat nun neue Nahrung bekommen.Foto:  

    Die Diskussion um die Leistungsfähigkeit von Stuttgart 21 samt Tiefbahnhof hat nun neue Nahrung bekommen.Foto:  

Stuttgart - Zweifel an der Leistungsfähigkeit des neuen Durchgangsbahnhofs bei Stuttgart 21 begleiten das Projekt, seit die Idee dazu präsentiert worden ist. Die Bedenken, die acht Gleise des neuen Bahnhofs könnten die von der Deutschen Bahn versprochenen Zugzahlen nicht bewältigen, erhalten aus Sicht von Stuttgart-21-Kritikern aktuell neue Nahrung.

Nach 15 Jahren neuerliche Zweifel an der Leistungsfähigkeit

Anlass dafür ist ein neuer, 20-minütiger Videoclip des Filmemachers Klaus Gietinger mit dem Titel „Die sieben Todsünden von Stuttgart 21“. Darin kommt unter anderem Werner Stohler zu Wort. Der Schweizer war Gründer des Beratungsunternehmens SMA, das im Rahmen der Schlichtung von Stuttgart 21 bei einem Stresstest im Jahr 2011 die von der Deutschen Bahn vorgelegten Zahlen unter die Lupe nahm.

„Diesen Stresstest durchzuführen, war nur die Bahn selber in der Lage, und wir haben das, so gut wir das konnten, mit einem Audit begleitet“, sagt Stohler nun 15 Jahre nach den Vorgängen in Stuttgart im Video. Dieses Audit ist ein mehr als 200 Seiten starkes Papier, das Stohlers Unterschrift vom 21. Juni 2011 trägt. Im Kapitel „Gesamtergebnis“ heißt es darin unter anderem: „Unsere Prüfung der Simulationsergebnisse hat gezeigt, dass die geforderten 49 Ankünfte im Hauptbahnhof Stuttgart in der am meisten belasteten Stunde und mit dem der Simulation unterstellten Fahrplan mit wirtschaftlich optimaler Betriebsqualität abgewickelt werden können“.

15 Jahre später relativiert der Fachmann diese Erkenntnisse. „Ich habe eben selber nicht an diese Kapazitätsrechnungen geglaubt und habe ehrlich gestanden mich gar nicht mehr heftig darum gekümmert, weil sie für mich wissenschaftlich aber wertlos waren“, sagt Stohler jetzt in dem Film, der keine Antwort auf die Frage liefert, warum Stohler nun mit großem zeitlichem Abstand seine Zweifel formuliert. Die Deutsche Bahn (DB) will auf Nachfrage die Aussagen nicht bewerten: „Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir uns zu Aussagen Dritter, die uns selbst nicht vorliegen, grundsätzlich nicht äußern können“, erklärt ein Bahn-Sprecher. Er verweist auf die Schlichtung, bei der „die Leistungsfähigkeit des Durchgangsbahnhofs 2011 auf Basis des S-21-Finanzierungsvertrags in einem testierten und von allen Projektpartnern anerkannten Stresstest nachgewiesen“ worden sei.

Als die DB noch davon ausgegangen war, dass der Durchgangsbahnhof 2026 in Betrieb gehen würde, arbeitete sie mit zeitlichem Vorlauf an einem Fahrplan, der ab dem Tag X im Dezember 2026 hätte gelten sollen. Abgestimmt wurde dieses Konzept nicht nur mit der Fernverkehrstochter der DB sondern auch mit privaten Fernzuganbietern, dem für den Regionalverkehr zuständigen Land und dem Verband Region, der für den S-Bahnverkehr zuständig ist. Der Entwurf habe, so die DB, „in der Spitzenstunde morgens zwischen 7 und 8 Uhr 46 kommerzielle Ankünfte im Durchgangsbahnhof“ vorgesehen.

Eine Anfrage, wie SMA die Aussagen seines ehemaligen Chefs einordnet, ließ das Unternehmen zunächst unbeantwortet.

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