Stuttgart - Die Woche war hart. Ziemlich hart. Als wäre eine Café-Eröffnung alleine nicht schon stressig genug, fällt der Termin für Stelp in eine besonders belastende Zeit. Ein iranisches Gericht hat den Stelp-Gründer Serkan Eren zu zehn Jahren Haft verurteilt, wie die Stuttgarter Hilfsorganisation am Dienstag bekannt gab. „Die Woche war außergewöhnlich, anstrengend und emotional - und eben eine große Belastung für uns alle“, sagt Christoph Joos, zweiter Vorstand von Stelp, und ergänzt, dass alle von den positiven Reaktionen und der breiten Unterstützung überwältigt waren. „Wir hätten die Eröffnung verschieben können, aber wir haben auch Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den Sponsoren und allen, die uns geholfen haben“, so Joos. Das Credo „Jetzt erst recht“ steht dem gesamten Team ins Gesicht geschrieben.
Kaffee, Drinks und soziale Verantwortung
Und das hat sich über die Jahre hinweg kaum verändert. Betritt man das Lovd, sieht man nämlich gleich viele vertraute Gesichter hinter der Theke. „Unsere Volonteers sind uns zum Glück zu einem großen Teil erhalten geblieben, auch wenn der Übergang vom früheren Non-Profit-Café Natan zum Lovd nicht nahtlos war“, erzählt Fabian Ortlieb. Er ist der Geschäftsführer des neuen Stelp-Cafés in der Calwer Straße, das zwar an den Vorgänger in der Katharinenstraße anknüpft, aber in einem größerem Rahmen: Ein Kaffee, ein Drink oder ein Stück Kuchen – und damit gleichzeitig humanitäre Hilfe unterstützen, das ist die Idee hinter dem neuen Lovd. Statt eines klassischen Cafés soll ein Treffpunkt für Unterstützer, Volunteers und alle entstehen, die Stelp kennenlernen möchten. Sämtliche Gewinne sollen in die Hilfsprojekte der Organisation fließen.
Auf der Karte stehen Kaffee, Kuchen und Drinks – auch bis in den Abend hinein. Gleichzeitig soll Lovd Raum für Veranstaltungen und Begegnungen bieten. Geplant sind unter anderem Pub-Quiz-Abende, Afterworks, Yoga-Sessions, Matcha-Workshops und Dayclubbing am Samstagmorgen.
Mit den Erlösen aus dem Lovd finanziert Stelp seine humanitäre Arbeit. Die Organisation unterstützt Projekte auf drei Kontinenten und nach eigenen Angaben in 18 Ländern. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Nahrungsmittelsicherheit, sauberes Wasser, Notunterkünfte und medizinische Versorgung.
Möglich wird das Non-Profit-Modell durch viele ehrenamtliche Helfer sowie Partner und Dienstleister, die das Projekt unterstützen. Lovd soll damit nicht nur Einnahmen für die Arbeit von Stelp generieren, sondern auch einen Ort schaffen, an dem Menschen unkompliziert mit der Organisation und ihren Projekten in Kontakt kommen.
Schwierige Situation um Serkan Eren
Es soll zwar gefeiert werden an diesem Samstag, aber ohne große Reden und ohne viel Tamtam. Schon wenige Minuten nach der offiziellen Eröffnung ist das neue Café gut gefüllt, es wird angestoßen und vor dem Tresen bildet sich eine Warteschlange. Die Servicemitarbeiterinnen und -mitarbeiter haben gut zu tun.
„Diese Überzeugung tragen heute viele Menschen gemeinsam“
Auch Fabian Ortlieb kommt an diesem Samstagmittag nur kurz zum Durchatmen. „Mein Telefon steht seit Dienstag nicht mehr still, ich komme kaum dazu, alle Nachrichten zu beantworten“, so der Geschäftsführer, der sich sichtlich gerührt zeigt. Die Lage ist ernst und vieles ist seit Langem für das Stelp-Team ungewiss. Die Hilfsorganisation setzt sich seit mehr als einem Jahr für Erens sichere Rückkehr ein und steht dazu im Austausch mit den zuständigen türkischen Behörden, wie Finanzvorständin Linda Weiss mitteilt. Auch das Auswärtige Amt ist über den Fall informiert, äußert sich jedoch grundsätzlich nicht zu einzelnen Haftfällen. „Das Urteil gegen unseren Gründer Serkan hat uns und unser gesamtes Team tief getroffen“, sagt Fabian Ortlieb. Gleichzeitig sei das Café ein wichtiger Meilenstein für die langfristige Arbeit von Stelp.
Hinter dem Lovd liegen viele Monate Vorbereitung und das Engagement zahlreicher Menschen. „Wir sind überwältigt von der Unterstützung und sind gut in der neuen Nachbarschaft angekommen“, so Ortlieb, der positiv nach vorne blickt und sich wahnsinnig freut, dass das Café gleich so gut angenommen wird. „Gerade in diesen Tagen spüren wir, wie viel Anteilnahme uns entgegengebracht wird. Dafür sind wir sehr dankbar. Serkan hat Stelp mit der Überzeugung mitgeprägt, Menschen in Not zu helfen. Diese Überzeugung tragen heute viele Menschen gemeinsam“, so Ortlieb.
Lovd Calwer Str. 34, Stuttgart-Mitte, Öffnungszeiten: Mo-Fr 9-23, Sa 9-1, So 9-18 Uhr.

