Stuttgart - Es gab Zeiten im deutschen Sport, da wäre jene Szene nach dem Abschluss verschiedener Großereignisse wohl sinnbildlich gewesen, als Lea Meyer nicht zum erhofften Sieg über 3000 Meter Hindernis lief, sondern danach ein wütendes und enttäuschtes Interview gab. Mit aufgeschürfter Nase, weil sie kurz vor dem Ziel kopfüber in den Wassergraben gefallen war. Irgendwie dumm gelaufen. Für die Sportlerin. Für die deutsche Leichtathletik. Für die ganze Sportnation.
Nachdem am Sonntagabend die Schwimm-EM in Paris, die Leichtathletik-EM in Birmingham, die ersten Wettbewerbe der Reit-WM in Aachen, die WM der Rhythmischen Sportgymnastik in Frankfurt und die Turn-EM in Zagreb zu Ende gegangen waren, war das Missgeschick der Leichtathletin aber nur noch eine Randnotiz. Überstrahlt von den Bildern starker Leistungen, vom Glanz der Medaillen und den positiven Emotionen, die die deutschen Sportlerinnen und Sportler in der vergangenen Woche in die Welt getragen haben.
Wo vor allem nach Olympischen Spielen oder Titelkämpfen in olympischen Kernsportarten zuletzt stets Trübsal geblasen wurde, dominiert nun ein ganz neues Gefühl: Die Sportnation Deutschland kann wieder was, bietet der internationalen Konkurrenz erfolgreich die Stirn und grüßt in den Medaillenspiegeln mitunter wieder von den Podestplätzen. Durch Schwimmer Johannes Liebmann ist gar ein Weltrekord gefallen. War das nun schon die Trendwende?
Es ist wichtig, das Geschehene einzuordnen. So, wie es Jörg Bügner, der Leistungssportvorstand im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), getan hat. Man müsse bedenken, dass es im Falle seiner Sportart eben eine EM war, nicht eine WM. Soll heißen: Weil die Leichtathletik global aufgestellt ist, waren einige der stärksten Kontrahenten hier gar nicht am Start. Durchgängig Weltklasse ist das deutsche Team trotz der EM-Erfolge also nicht automatisch.
Dennoch ist das, was da passiert ist, richtig stark. Und vor allem: unfassbar wichtig für den deutschen Sport. Der sucht nach Nachwuchskräften, die bereit sind, die Leichtigkeit des digitalen Alltags gegen hartes Streben nach Erfolg einzutauschen. Nach Trainerinnen und Trainern, die bereit sind, diese reiseintensiven Jobs mit Leidenschaft auszuführen. Nach einem Schwung, der neue Begeisterung für den Spitzensport entfacht und dafür sorgt, dass die Gesellschaft den Spitzenathleten wieder mehr Wertschätzung entgegenbringt. Sportliche Vorbilder sind da unerlässlich.
Die Tage von Paris, Birmingham, Aachen, Frankfurt und Zagreb haben gezeigt: Es gibt sie. Und sie sind wieder selbstbewusst genug, große Ziele zu formulieren. Gut wäre es, wenn die (Sport-)Politik den Schwung aufnimmt. Schließlich gibt es ein Ereignis, das eine Stimmung, wie sie zuletzt oder etwa auch bei den European Championships 2022 in München herrschte, deutlich verstärkt: Olympische Spiele im eigenen Land.
Klar: Die Begleiterscheinungen und Bedingungen der Bewerbungen sind nach wie vor kritisch zu betrachten. Aber im Sinne des Sports ist die olympische Bewegung immer noch Gold wert. Gerade in einem Land, in dem der Fußball wirtschaftlich und medial eine so dominante Rolle spielt wie in Deutschland. Gut, dass ein Anfang in Sachen Bewerbung bereits gemacht ist. Denn der Sport kann mit einem solchen nationalen Projekt dazu beitragen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.
Das ist groß gedacht. Vielleicht zu groß. Aber die vergangenen Tage haben gezeigt: Nur, wer sich hohe Ziele steckt und sie konsequent verfolgt, realisiert am Ende seine Träume. Und muss sich über kleinere Missgeschicke nicht kollektiv ärgern.

