Stuttgart - Wenn die Begegnung der Kulturen nur immer so einfach wäre: „Jetzt suchen wir die Farben der bulgarischen Fahne“, empfiehlt der Schwabe mit familiären Verbindungen am Stand des Bulgarischen Kulturforums auf dem Stuttgarter Marktplatz. Weil hinter ihm die Umrisse seines Sehnsuchtslandes weiß, grün und rot hinterlegt sind, fällt den Kindern die Antwort nicht schwer. „Alle kriegen was“, entscheidet also der Mann und verteilt Schokoriegel bulgarischer Provenienz, deren Verpackung ein eindrucksvolles Gebirge ziert.
Auch als Alina Papagiannaki-Sönmez, seit April Geschäftsführerin des veranstaltenden Forums der Kulturen, die 23. Ausgabe von Baden-Württembergs größtem Weltmusik-Festival eröffnet, scheint Multikulturalität selbstverständlich: „Hier in Stuttgart wird Vielfalt nicht nur gefeiert, sondern mitgestaltet“, schwärmt sie. Und Baden-Württembergs neuer Sozialminister Oliver Hildenbrand (Die Grünen) betont die Bedeutung des Sommerfestivals der Kulturen für die Stadtgesellschaft: „Es geht darum, Begegnungen zu ermöglichen, Vielfalt zu erleben und ein Signal zu setzen – gegen Rassismus!“
Rolf Graßer fordert Zusammenfließen statt Kampf
Das Festival mache „genau das sichtbar, wofür Stuttgart steht – für Vielfalt“ erklärt Alexandra Sußmann (Die Grünen). Gemeinsam mit Veronika Kienzle (Die Grünen), die Bezirksvorsteherin Stuttgart-Mitte, fordert sie seit Jahren und auch bei der Festivaleröffnung ein Haus der Kulturen in Stuttgart. „Wir sind die Welt, die in Stuttgart zusammenkommt“, sagt Kienzle „Wenn Kulturen sich nicht bekämpfen, sondern zusammenfließen, entsteht Wunderbares“, so ergänzt Rolf Graser, der langjährige Geschäftsführer des Forums der Kulturen, der das Sommerfestival der Kulturen vor 25 Jahren erfunden hat, auf der Marktplatz-Bühne, auf der bis zum Sonntagabend 15 musikalische Acts auftreten werden.
Den Anfang machte am Dienstabend die Band Baba Yaga aus Wien, die mit Kontrabass, Percussion, Akkordeon, Geige das Stuttgarter Publikum schon am frühen Abend per Stilmix mit Schwerpunkt Gypsy-Jazz zum Tanzen brachte. Anschließend lud die Band Bohemian Betyars aus Budapest Balkanbeats mit punkiger Ekstase auf. Ein mächtiges Triebwerk aus Schlagzeug und Bass zog Massen auf den Marktplatz, eine flirrende Trompete halluzinierte Ausbrüche, und noch mehr Stuttgarter tanzten.
Andere flanierten derweil an den Essens- und Infoständen von 50 der Stuttgarter Migrantenvereine vorbei, die im Forum der Kulturen vereint sind: „Kein Mensch ist illegal“, erklärt die Seebrücke Stuttgart auf einem Banner, „Wasser statt Waffen für Gaza“, fordert das Palästinakommitee Stuttgart auf einem Flugblatt, und die Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba (Gruppe Stuttgart) empfiehlt auf einem Poster: „Che Guevaras Erbe verteidigen!“
Damit das Festival bei freiem Eintritt finanziert werden kann, haben weiter hinten Richtung Schulstraße auch kommerzielle Anbieter Stände aufgebaut. Der Airport Stuttgart etwa fordert auf einer Pappkiste: „Jetzt mitmachen und gewinnen“. Allerdings erweist es sich auch bei vier großen runden Löchern als nicht ganz einfach, den Ball in der Torwand mit aufgedruckten Direktflug-Destinationen zu versenken. Weil es auf diesem Festival keine Verlierer geben soll, winkt auch bei null Treffern ein Trostpreis in Form eines Mini-Memorys. Gratis-Musik für alle gibt's ohnehin.

