Stuttgart

Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten

Die Berliner Mauer stand für eine grausame, aber leicht zu verstehende Blockbildung, die bis heute nachwirkt.

In der Nacht zum 13. August 1961 ließ die SED-Führung die Grenze zu Westberlin abriegeln. Am Anfang mit Uniformierten, Stacheldraht und Steinen, die Betonmauer kam später. Es war der letzte Akt der Trennung der Deutschen. Die innerdeutsche Grenze hatten Ulbricht und Co. schon 1953 dichtgemacht. Der Beton-Mauerbau schloss das Herunterlassen des Eisernen Vorhangs ab – zwischen Ost und West, zwischen sozialistischem und nichtsozialistischem Wirtschaftsgebiet, zwischen Demokratie und Diktatur des Proletariats. Zwei stetig aufrüstende Blöcke bildeten sich, der eine mit Moskau als Zentrum, der andere mit Washington. Die ganze restliche Welt sollte sich für einen der Blöcke entscheiden – immerhin gab es dann aber doch die Nichtpaktgebundenen.

Es war in schönster Hässlichkeit alles klar geregelt. Es gab Gut und Böse, wenngleich die Definition jeweils gegenteilig ausfiel. Mit Atomwaffen hielten sich die Blöcke in Schach, die Kriege wurden in der damals sogenannten Dritten Welt geführt – in Korea, Vietnam, im Nahen Osten oder in Afrika. Der Westen, vor allem die USA, rechtfertigten den Sturz ausländischer Regierungen oder den Tod von zwei Millionen Vietnamesen mit dem Kampf gegen die kommunistische Gefahr, Moskau schickte seine Soldaten gegen die Zivilbevölkerung nach Ostberlin, nach Budapest oder Prag, wenn sich dort Demokratisches regte.

Und an der Mauer starben Menschen, die Deutschen lebten sich auseinander und irgendwann hatten sich fast alle an diesen absurden Zustand gewöhnt. Er war ja leicht zu verstehen: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, das galt hüben wie drüben. Als die Mauer weg war, als der Eiserne Vorhang hochging, da blieb das Hüben und Drüben – jedenfalls in Deutschland. Andere vormalige sowjetische Satellitenstaaten wandten sich der Demokratie und der EU zu, manche auch wieder leicht ab, aber deren Bürger und Bürgerinnen mussten das Trennungs- und Wiedervereinigungsproblem nicht lösen.

Auch die Ostdeutschen wurden demokratisch und europäisch, aber sie blieben Scheidungskinder. Von der Mauer in den Köpfen war die Rede. Real waren das Geld und die Bevormundung aus dem Westen sowie die Arbeitslosigkeit und die Baseballschlägerjahre im Osten. Die Wessis hielten die Ossis für undankbar, die Ossis sprachen von großkotzigen Besserwessis.

Eines Tages dann war die Zonengrenze deutlich an den Wahlergebnissen abzulesen, anhand der Stimmen für ganz rechts. Das brachte viele im Westen dazu, sich unrealistischerweise eine neue Mauer zu wünschen. Stattdessen ist nun auch hier die AfD auf dem Vormarsch. Deren Politiker wiederum vergleichen Brandmauern mit der 28 Jahre lang real existierenden in Berlin und beanspruchen den damit verbundenen Opferstatus gleich für sich mit.

So richtig vereint sind Ost und West indes beim Unwillen, Veränderungen in der Welt zu akzeptieren. Die globalen Herrschaftsverhältnisse sind jetzt multipolar. Das gefällt den Deutschen nicht: China, Russland, Iran, Israel, Mekka-Pakt, Islamischer Staat und dann noch die USA mit einem irrlichternden Präsidenten – was bitte soll das?

Der Kalte Krieg war zwar angsteinflößend, aber wenigstens leicht zu verstehen. Jetzt katzbuckelt man vor Diktatoren in Katar und Saudi-Arabien, damit es Ersatz für das ausgefallene russische Erdgas gibt, und vor Erdogan, weil der Europa Migranten vom Hals hält, oder vor Peking, weil es ohne China gar nicht geht. Da wächst die Sehnsucht nach klaren Feindbildern. Und die Sehnsucht nach der Festung Europa. Wir dürfen weiter überall hin, wollen aber fast keinen zu uns reinlassen. Das wäre doch wieder eine eindeutige Sache. So eindeutig wie die Berliner Mauer.

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