Stuttgart - Vor gut zwei Jahren tritt ein Vorfall auf der Nordseeinsel Sylt eine bundesweite Diskussion los. Ein Video, das im Internet kursiert, zeigt da Gäste eines noblen Clubs in Kampen. Im Außenbereich läuft Gigi D'Agostinos Hit „L'amour toujours“. Den Originaltext des Liedes über die Liebe ändern die Feiernden jedoch ab. Sie singen „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“. Bereits zuvor hatte diese fremdenfeindliche Version in sozialen Netzwerken die Runde gemacht.
Gut zwei Jahre später haben einige aus dieser Geschichte offenbar nichts gelernt. Am 10. Juli ist es an der Stuttgarter Merz Schule zu einem ähnlichen Vorfall gekommen. Wie Augenzeugen berichten, sangen Kinder und Jugendliche den Text beim Sommerfest. Auch davon existieren offenbar mehrere Videos. Viele Eltern, Schülerinnen und Schüler zeigen sich entsetzt darüber.
Der geschäftsführende Schulleiter der Privatschule an der Geroksruhe räumt den Vorfall ein. „Wir sind erschüttert, extrem überrascht über die offenkundige Alltagstauglichkeit dieses Textes und äußerst irritiert, weil da sogar Kinder mit Migrationshintergrund mitgesungen haben“, sagt Frederik Merz. Es sei erschreckend, in welcher Entspanntheit solche Parolen von jungen Leuten verwendet würden. Das zeigt für ihn, dass die Beteiligten den Text mit Sicherheit auch außerhalb der Schule schon gehört hätten, womöglich regelmäßig.
Schule reagiert noch vor Ort und wirft einen ehemaligen Schüler raus
Merz betont, ein solch ausländerfeindlicher Text passe in keiner Weise zur Merz Schule: „Wir haben so viele Kinder mit Migrationshintergrund und eine internationale Ausrichtung. Wir leben Integration und Inklusion von Anfang an.“ Der Vorfall sei unbegreiflich und auch für Kolleginnen und Kollegen verstörend. Passiert ist das Ganze wohl nach dem offiziellen Teil des Sommerfests. Viele Besucher feierten danach noch weiter, die Band spielte den Hit von Gigi D'Agostino – und diverse Schüler sangen die fremdenfeindlichen Zeilen.
Man habe sich gegenüber der Elternschaft zunächst zurückgehalten, sagt Merz, weil man erst das Material sichten und Gespräche führen wollte. Eindeutig zu sagen, wer auf den Videos den normalen Text singe und wer den abgeänderten, sei allerdings schwierig. Es seien auch zahlreiche Gäste von anderen Schulen da gewesen, sodass man auch nicht mit Sicherheit sagen könne, dass nur eigene Schüler beteiligt gewesen seien.
Die Schule hat umfassend reagiert. Zunächst noch vor Ort, denn einer der Sänger konnte identifiziert werden. Es handelt sich um einen ehemaligen Schüler, der dann auf Aufforderung das Fest verlassen habe, so der Schulleiter. Um einen Rechtsextremisten handle es sich nach allem, was man wisse, keinesfalls. Der junge Mann habe sich ertappt gefühlt und, als man nach der Feier noch einmal „sehr deutlich“ mit ihm gesprochen habe, schockiert gezeigt von seinem eigenen Verhalten.
Inzwischen ist auch die Elternschaft über den Vorfall informiert. Mit den Klassen habe man gesprochen, um solches Verhalten einzuordnen, betont Merz. Und, natürlich: „Mit dem Wissen von heute hätte dieser Song nie auf unserem Fest gespielt werden dürfen. Und das wird in Zukunft auch nicht mehr passieren.“
Polizei: Gesänge sind „strafrechtlich nicht relevant“
Anzeigen wegen des Vorfalls sind bisher bei der Stuttgarter Polizei nicht eingegangen. Sie hätten auch wenig Aussicht auf Erfolg. „Leider kommen diese Gesänge immer wieder vor. Sie sind zwar geschmacklos, aber strafrechtlich nicht relevant“, sagt eine Sprecherin. Der Text, wie er gesungen worden sei, sei noch von der Meinungsfreiheit gedeckt. Das ändere sich nur, wenn beispielsweise ein Hitlergruß hinzukomme.
Das war am Ende auch das Ergebnis der Ermittlungen bei der einschlägig bekannten Feier im Sylter Nobelclub. Vier der fünf Verdächtigen, die damals ermittelt werden konnten, gingen straffrei aus. Allerdings wurden mehrere von ihnen nach Bekanntwerden des Videos von ihren Arbeitgebern gekündigt.
Nur ein Mann, der den rechten Arm erhoben und ein Hitlerbärtchen angedeutet hatte, erhielt eine Verwarnung und musste eine Geldauflage in Höhe von 2500 Euro zahlen. Nach dem Vorfall kam es bundesweit in Hunderten ähnlichen Fällen bei Volksfesten oder anderen Feiern zu Ermittlungen wegen Volksverhetzung, aber meist zu keinen Strafen.
Darüber wundert man sich auch an der Merz Schule. „Man fühlt sich ein Stück weit machtlos bei solchen Themen, die von außen hereingetragen werden. Da wäre es auch an der Politik, dem entgegenzuwirken“, sagt Frederik Merz.
Dann wäre es beim Sommerfest vielleicht nicht zu diesem Vorfall gekommen. Wobei: Der bundesweite Aufschrei nach der Feier auf Sylt hätte für die Schüler wohl Warnung genug sein können.

