Gottlieb Daimler steht für unternehmerischen Erfolg. Dabei begann seine Geschichte unerquicklich: mit Geldnot, Rückschlägen und einem Markt, der seine Fahrzeuge nicht wollte. Ein Blick zurück, der für die Gegenwart lehrreich sein kann. Engpässe, Dämpfer, Absatzprobleme? Heute erscheint die Autoindustrie als das vielleicht markanteste Sinnbild für drohenden Niedergang. Krise hier, Rückstand dort, Abstiegssorgen. Auch in Baden-Württemberg und in der Region Stuttgart hat sich dieser Ton in Teilen der Gesellschaft festgesetzt.
Keine Frage, die Herausforderungen sind enorm. Stellen werden abgebaut, Menschen sorgen sich um ihren Arbeitsplatz oder verlieren ihn gar, was in jedem Einzelfall bitter ist, die Kommunen sind klamm wie lange nicht mehr. Stuttgart 21 wird zu Stuttgart 31. Und so reiht sich gerade auch im Herzen Baden-Württembergs, wo ein Drittel der Wertschöpfung des Landes generiert wird, vermeintlich eine Hiobsbotschaft an die andere. Läuft eigentlich irgendetwas gut?
In einer solchen Lage ist naiver Optimismus fehl am Platz. Die Nöte sind real. Und doch stellt sich die Frage nach dem Umgang damit. Bei all den Klagen und berechtigten Hinweisen auf Missstände geht allzu gerne der Blick für das Gelingende verloren. Und das wiederum birgt für sich eine Gefahr: Wer Investoren, Fachkräfte, Gründer überzeugen will, braucht nicht Schönfärberei, aber Vertrauen in die eigene Zukunft. Und umgekehrt kann Pessimismus ein Standortnachteil werden. Eine Region, die sich nur als Problemfall erzählt, nimmt sich den Glauben an Erneuerung. Es ist wie im Sport: Wer sich selbst schlecht redet, hat schon verloren.
Insofern ist die Frage der Perspektive entscheidend: Ist das Glas halb leer oder halb voll? Die erweiterte Region Stuttgart besticht nach wie vor durch eine ausgeprägte industrielle Basis, Innovationskraft, eine hervorragende Forschungslandschaft, Investitionen.
Stichwort Innovation: Es wachsen Industrieunternehmen der nächsten Generation. Neura in Metzingen mit humanoiden Robotern und Q.ant in Stuttgart mit extrem leistungsstarken photonischen Prozessoren sind Beispiele. So entstehen neue Jobs.
Stichwort Investitionen: Die Schwarz-Gruppe steckt in Bad Friedrichshall Milliarden Euro in den Aufbau einer IT-Infrastruktur als Alternative zu den US-Tech-Riesen. Solch unternehmerischen Mut braucht es mehr. Stichwort industrielle Kraft: Mercedes, Porsche, Bosch tun viel dafür, Säulen des Wirtschaftsstandorts Stuttgart zu bleiben. Allesamt verfügen sie über hochqualifizierte Belegschaften, um den Wandel zu bewältigen und sich im harten Wettbewerb zu behaupten – mit Ideen, Fleiß, Flexibilität.
Aus diesen Gründen zählt der aktuelle Zukunftsatlas des Prognos-Instituts Stuttgart und sein Umland zu den starken Regionen Deutschlands. Und der Branchenverband für Start-ups verzeichnet im ersten Halbjahr 2026 für den Südwesten so viele Gründungen wie nie. Ob Medizintechnik, Künstliche Intelligenz, Quantentechnologie – es gibt viele Potenziale. Da kommt die Initiative des Verbandes Region Stuttgart gerade recht, mit seinem Zukunftskonvent das Auge vermehrt darauf zu legen. Nicht jammern, einfach tun, lautet die Devise.
Wirtschaftskrisen beginnen in Bilanzen. Manchmal verschärfen sie sich im Kopf. Die Region Stuttgart erlebt gerade beides: harten Strukturwandel und einen Hang zur Selbstverdüsterung.
Wer aber die eigenen Stärken nicht mehr oder zu wenig sieht, wird sie irgendwann tatsächlich verlieren. Und wer heute nur auf die Krisen blickt, vergisst, dass auch Gottlieb Daimlers Erfolgsgeschichte nicht frei von Rückschlägen war.
